Brutale Abrechnung oder Notwehr?

30. August 2011 18:35; Akt: 30.08.2011 18:55 Print

19-Jähriger soll für zehn Jahre ins Gefängnis

von Attila Szenogrady - In Zürich-Wiedikon hat ein Jugendlicher einen Kollegen mit einem Baseballschläger verprügelt und mit einem Messer niedergestochen. Für die Anklage war es versuchte Tötung. Die Verteidigung spricht von Notwehr.

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Seit Dienstag muss sich das Bezirksgericht Zürich mit einem Fall von roher Jugendgewalt befassen. Das eingeklagte Verbrechen geht auf den 10. Mai 2010 zurück. Damals erhielt der in Zürich-Wiedikon wohnhafte Beschuldigte einen Anruf einer Kollegin. Diese erklärte, dass sie von ihrem Freund zusammengeschlagen worden sei. Laut Staatsanwaltschaft entschloss sich der 18-jährige Beschuldigte sogleich zu einer Racheaktion, um den Schläger «aufzumischen». Er rüstete sich nicht nur mit einem Baseballschläger sowie mit Sand gefüllten Handschuhen, sondern auch mit einem Messer aus.

Opfer lebensgefährlich verletzt

Fest steht, dass der bewaffnete Jugendliche an der Zurlindenstrasse seinen Gegner kurz darauf stellte und nach einer ersten Schlägerei zum Baseballschläger griff. Er schlug damit drei Mal auf den Kopf des Geschädigten ein. Dieser wehrte sich und konnte dem Angeklagten die Waffe abnehmen. Worauf dieser sein Klappmesser zückte und dem Opfer wiederholt in die Brust und gegen den Hinterkopf rammte. Der niedergestochene Jugendliche erlitt lebensgefährliche Lungenverletzungen und konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden.

Notwehr geltend gemacht

Vor Gericht stellte der heute 19-jährige Messerstecher den Vorwurf einer versuchten vorsätzlichen Tötung in Abrede. Er habe in Todesangst aus Notwehr gehandelt, erklärte er. Der arbeitslose Jugendliche erklärte, dass er nicht beabsichtigt habe, seinen Gegner zu töten. Der Lebenslauf des narzisstischen Scheidungskindes war bisher von Verwahrlosung, beruflichen Misserfolgen und Frustrationen geprägt.

Zehn Jahre gefordert

Die zuständige Staatsanwältin Fiona Stadelmann kannte trotzdem kein Pardon. Sie sprach von einer brutalen Abrechnung und schloss eine Notwehrlage aus. Da ein Gutachten eine verminderte Schuldfähigkeit ausschloss und die Anklägerin von ein er hohen kriminellen Energie ausging, verlangte sie eine hohe Freiheitsstrafe von zehn Jahren. Eine vom Gutachter empfohlene Einweisung des jungen Schweizers in eine Arbeitserziehung lehnte die Staatsanwältin als unverhältnismässig milde ab. Die Rechtsvertretung des Opfers verlangte neben Schadenersatz in noch unbekannter Höhe eine Genugtuung von 25 000 Franken.

Verteidiger fordert Freispruch

Der Verteidiger sprach dagegen von Notwehr und führte aus, dass der Geschädigte immerhin ein Thaiboxer sei. Der Anwalt verneinte auch jeglichen Vorsatz seines Mandanten, der innert weniger Sekunden während des Kampfes zugestochen habe. Deshalb sei ein Freispruch angebracht. Im schlimmsten Fall sei ein Klient in eine Massnahme für junge Erwachsene einzuweisen. Das Gericht zog sich nach den Plädoyers zur geheimen Urteilsberatung zurück. Es wird seinen Entscheid voraussichtlich in den nächsten Tagen eröffnen.