Zürcher Oberland

29. Juni 2015 09:23; Akt: 29.06.2015 12:19 Print

25-Jährige im Bus bespuckt – und keiner hilft

Martina B. aus dem Zürcher Oberland war abends mit dem Bus auf dem Heimweg, als ein Mann sie bedrohte und sogar anspuckte. Niemand hat reagiert.

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In einem Bus der Verkehrsbetriebe Glattal (VBG) wurde Martina B. rüde angegriffen. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi/Archiv )

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Nach einem langen Arbeitstag war Martina B.* auf dem Weg nach Hause. Wie jeden Tag nahm sie den Bus von Schwerzenbach nach Uster. An diesem Freitag gegen 20 Uhr waren nur noch drei Fahrgäste und die Chauffeurin im Bus. «Ich setzte mich hin und telefonierte noch kurz mit einer Kollegin», so B. Nachdem sie aufgelegt hatte, sei ihr ein Mann auf den Fuss getreten. «Zuerst habe ich nicht reagiert. Ich dachte, es handle sich um ein Versehen», sagt die 25-jährige Fotografin. «Doch als er es noch mal tat, fragte ich ihn, was das sollte.»

Daraufhin sei der etwa 30-jährige Mann ausgerastet. «Unter anderem hat er gedroht, dass er mir mein Gesicht kaputtmache, wenn ich nicht sofort aussteigen würde. Dann spuckte er mich an.» Sie habe ihn aufgefordert, sich zu entschuldigen und habe erneut gefragt, wieso er so etwas tue. «Er murmelte nur, dass er wegen dem Ramadan kaputt sei und ich nun endlich aussteigen sollte.» Weinend habe sie den Bus verlassen.

«Albträume haben mich verfolgt»

Von den Fahrgästen habe ihr niemand geholfen. «Alle haben es mitgekriegt, doch keiner hat reagiert – ich habe mich total hilflos und gedemütigt gefühlt», sagt B. Zwar ging es ihr nun wieder gut, doch an jenem Wochenende hätten sie Albträume verfolgt. «Ich respektiere alle Religionen – doch wenn man mangels Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr zu solchen Gewalttaten fähig ist, habe ich sehr grosse Mühe damit, diesen Respekt aufrechtzuerhalten.»

Den Vorfall hat sie sofort beim Kundendienst der ZVV gemeldet. «Dort sagte man mir, dass die Chauffeure für solche Vorfälle geschult werden und dass die Buschauffeurin hätte eingreifen müssen», so B. «Ich wurde vom ZVV ermutigt, eine Anzeige gegen Unbekannt ohne Beweismittel zu machen.» Die 25-Jährige habe sich jedoch dagegen entschieden, da eine Anzeige ohne Beweismittel sinnlos wäre. «Der Bus hatte keine Kameras, die den Vorfall hätten aufnehmen können.»

Sofort Kontakt zum Chauffeur suchen

Katrin Piazza, Sprecherin der Verkehrsbetriebe Glattal (VBG), bestätigt, dass eine Meldung eingegangen ist. Sie bedauert den Vorfall sehr: «Doch es ist schwierig für die Chauffeure, während der Fahrt zu beurteilen, ob die Situation bedrohlich ist und eskaliert oder nicht.» Deshalb empfehlen die VBG, bei einer Bedrohung den Fahrer konkret um Hilfe zu bitten, damit dieser reagieren kann. «Denn alle Chauffeure haben eine Sicherheitsschulung absolviert», so Piazza.

In diesem Fall habe die Buschauffeurin laut eigenen Angaben die Diskussion wahrgenommen. «Doch da die Passagierin den Mann geduzt hat, ist sie von einem Streit unter Bekannten ausgegangen», so Piazza. Zudem seien beide nicht laut geworden und die junge Frau habe den Bus durch die vordere Tür verlassen, ohne die Chauffeurin anzusprechen. Deshalb habe sie den Vorfall nicht als bedrohlich eingestuft. «Der Mann hat später auch auf die Buschauffeurin eingeredet», sagt Piazza. «Sie hat daraufhin ihre Kollegen via Funk informiert.» Doch glücklicherweise sei die Situation nicht eskaliert. Laut Piazza sind fast alle Busse mit einer Kamera ausgestattet. «Leider ist dieser Bus noch eine Ausnahme.»

* Name geändert

(fro)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • buabali am 29.06.2015 09:30 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz schlimm...

    was wir uns alles gefallen lassen müssen! Und dass niemand hilft, gehört leider zur Tagesordnung.

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  • genervter Schweizer am 29.06.2015 10:40 Report Diesen Beitrag melden

    Helfen, nein danke

    Wieso helfen? Und dann bekommt man eine Vorstrafe wegen Körperverletzung, während der Täter Sozialhilfe kriegt oder was?

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  • patrick am 29.06.2015 11:01 Report Diesen Beitrag melden

    glück wenn jemand hilft.

    hilfe von den Leuten in der Schweiz kann man nicht mehr erwarten. vor paar Jahren war ich im Zürcher Zoo und bin zusammengeklappt, weil es mir so schlecht war. ich musste auf den Boden liegen, damit es sich wieder beruhigt. die ganze Zeit sind Menschen an mir vorbei gelaufen und niemand kam auf die Idee zu fragen ob alles ok ist. ich glaub ich hätte dort ein paar Stunden tot liegen können, niemand hätte was getan.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ted88 am 29.06.2015 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    Ignoranz

    Ich habe selbst im Krankhaus erlebt, dass man Personen nicht hilft, die bewusstlos am Boden liegen. Ich selbst arbeite dort im Spital. Es war früh morgens, bei Arbeitsbeginn ca 7.00 Uhr. Ich habe beim Eingang eine Person liegen gesehen, ich habe mich erkundigt, wie es ihm geht. Ich habe ihn dann auf den stuhl tragen müssen, er war ca 80 kg schwer, dabei ist ein personal an mir vorbeiglaufen, da er wohl knapp mit der zeit war und hat mich ignoriert, obwohl er die szene beobachtet haben muss.

  • Werner Leuenberger am 29.06.2015 16:12 Report Diesen Beitrag melden

    Selbsterfahrung

    Aus Selbsterfahrung rate ich allen ab, einzugreifen. Ich habe in einer ähnlichen Situation einer jungen Frau geholfen, wurde durch den Übeltäter angespuckt. Im Feierabendverkehr hunderte von Zuschauern. Gejammer weil der ganze Zug blockiert war. Polizei. Mit auf den Posten. Stundenlanges warten. Nachts um 2 dann schauen wie ich noch nach Hause komme. Opferberatung ist für die Katze. Alle Unkosten durfte ich aus der eigenen Tasche zahlen. Der Täter? Der wurde Unterstützt, mit Anwalt usw.

  • Enrico Caruso am 29.06.2015 14:25 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht wegsehen!

    Das ist eine typische Situation,alle drei sehen was passiert,keiner unternimmt etwas!Die Jungen heute DUZEN sich meistens,das heisst aber nicht,das sich eine junge Frau solchen Demütigungen aussetzten muss und die Chauffeurin hat die Situation falsch eingeschätzt,egal woher der Mann herkommt,spucken ist primitiv!

  • Bruno Stettler am 29.06.2015 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Wer hätte helfen sollen?

    Zitat: "waren nur noch drei Fahrgäste und die Chauffeurin im Bus". d.h. Die Geschädigte, der mutmassliche Angreiffer plus noch eine Person. Also hätte diese Person helfen sollen?

  • Tobi am 29.06.2015 14:04 Report Diesen Beitrag melden

    Krasses Missverhältnis

    Anstatt immer nur die eierlegende Wollmilchsau Autofahrer zu melken (Via Secura sei Dank), sollten unsere lieben Politiker lieber mal das Strafgesetzbuch revidieren und entsprechend anpassen. Schliesslich hat die CH eines der härtesten Strassenverkehrsgesetze, aber hingegen eines der laschesten Strafgesetze der Welt. Das ist doch ein krasses Missverhältnis. Dringend sich mal diejenigen Leute vornehmen, welche wirklich Leben zerstören, anstatt einen Autofahrer der mal 20 km/h bei schönem Wetter auf der freien Autobahn bei hellichtem Tag geblitzt wird wie Charles Manson zu behandeln.