Notwehr

05. März 2011 11:45; Akt: 05.03.2011 11:48 Print

Bedingte Geldstrafe statt vier Jahre Knast

von Attila Szenogrady - Glück für einen jungen Hilfsarbeiter aus Buchs. Obwohl er an der Dorf-Chilbi einem Kosovo-Albaner in den Hals gestochen hat, wurde er vom Hauptvorwurf eines Tötungsversuchs freigesprochen. Wegen Notwehr.

Fehler gesehen?

Es war an einem Samstag, als der damals 18-jährige Hilfsarbeiter aus Buchs am 27. September 2008 zusammen mit einem Kollegen die Dorf-Chilbi aufsuchte. Um 20 Uhr wurden die beiden Jugendlichen bei der Autoscooter-Bahn in eine Schlägerei mit einer Gruppe von Kosovo-Albanern verwickelt. Der Schweizer Angeklagte nahm dabei plötzlich sein Butterflymesser hervor und fuchtelte damit in der Luft herum.

Zuerst geflüchtet, dann zugestochen

Der Beschuldigte wollte mit der Waffe seine Gegner einschüchtern, erreichte aber prompt das Gegenteil. Der mit ihm bereits früher verfeindete Rädelsführer der Kosovaren ging zum Angriff über. Worauf der Angeklagte mit dem Messer in der Hand wegrannte und in Richtung Denner-Filiale flüchtete. Allerdings vergeblich. Schon nach 25 Metern holte der schnellere Häscher den Beschuldigten ein und wollte auf ihn einschlagen. Da dreht sich der junge Schweizer um und versetzte seinem Verfolger einen Stich in den Halsbereich. Während der heute 19-jährige Geschädigte schwer verletzt zusammenbrach und operiert werden musste, lief der Messerstecher nach Hause und schaltete sogleich die Polizei ein.

Notwehrrecht überschritten?

Gestern Freitag beschäftigte der umstrittene Fall das Zürcher Obergericht. Während die Staatsanwaltschaft wegen versuchter vorsätzlicher Tötung sowie Widerhandlung gegen das Waffengesetz eine Freiheitsstrafe von vier Jahren forderte, setzte sich die Verteidigung für einen Freispruch vom Hauptvorwurf ein. Der Angeklagte beteuerte seine Unschuld, da er sich bloss gegen einen stärkeren Gegner gewehrt habe.

Beide Seiten waren sich über eine Notwehrsituation einig. Allerdings hatte der Beschuldigte gemäss der Staatsanwältin Claudia Wiederkehr das Notwehrrecht mit der Messerattacke überschritten. Verteidiger Max Bleuler sah es anders und führte aus, dass der Stich seines Klienten nicht gezielt erfolgt sei, vielmehr in der Form einer angemessenen Abwehr.

Notwehr gegeben

Die Oberrichter sprachen von einem Grenzfall, stützten sich aber zuletzt auf einen jüngeren Entscheid des Bundesgerichts ab. Dieses hatte eine ähnliche Notwehrhandlung als gerechtfertigt eingestuft. Weshalb das Obergericht ebenfalls zu einem Freispruch vom Hauptvorwurf kam. Der Referent machte zudem geltend, dass der Geschädigte genau gewusst habe, dass sein flüchtender Gegner mit einem Messer bewaffnet war.

Damit bestätigten die Oberrichter ein erstinstanzliches Urteil des Bezirksgerichts Dielsdorf einstimmig. Auch die wegen der Widerhandlung gegen Waffengesetz erfolgte bedingte Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu 100 Franken.

Vom Angeklagten zum Geschädigten

Am Prozess kam zudem heraus, dass der Angeklagte heute erneut in ein Strafverfahren verwickelt ist. Diesmal allerdings als Geschädigter. So soll er aus dem Umfeld des verletzten Kosovo-Albaners mit dem Tode bedroht worden sein.