Prügler von München

16. Juni 2011 17:37; Akt: 16.06.2011 22:44 Print

Benji D. will in ein Schweizer Gefängnis

von Annette Hirschberg - Ein weiterer Schlägerschüler aus der Küsnachter Abschlussklasse will seine Strafe nicht in Bayern absitzen. Benji D.s Gesuch wird derzeit in der Schweiz geprüft.

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Eine Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht tritt am Montag, 29. Juni 2009, eine Klassenreise nach München an. Die Reise findet zum Abschluss des 10. Schuljahres statt. Zu den Schülern der Klasse gehören Mike B., Ivan Z. und Benji D. - alle drei vorbestraft. So mischte sich Mike B. 2008 nachts in der S-Bahn in einen Konflikt um einen rauchenden Jugendlichen ein. Er schlug dem Mann, der sich beklagte, unvermittelt die Faust ins Gesicht und brach ihm die Nase. Mike prahlte auch damit, schon im Ausgang in Zürich Leute verprügelt zu haben. Zudem mobbte er in der Sekundarschule gern schwächere Mitschüler. Er wurde zum Haupttäter der Prügelattacken in München erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch Benji D. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er schlich sich 2008 in eine Supermarktfiliale und liess sich dort einschliessen. Dann stahlen er und seine Kollegen Tabakwaren und Alkoholika. Benji D. wurde während vom Münchner Gericht zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Ivan Z. forderte 2008 einen Jugendlichen auf, seinen IPod auszuhändigen. Als dieser sich weigerte trat er ihn mehrmals. Dabei brach er ihm das Jochbein und der Jugendliche erlitt eine Hirnerschütterung. Ivan Z. erhielt die kürzeste Freiheitsstrafe vom Münchner Gericht. Er sollte zwei Jahre und zehn Monate absitzen. Die deutschen Behörden schoben ihn allerdings nach etwas mehr als 20 Monaten am 21. März 2011 ab. Seither ist er wieder in Stäfa ZH und auf freiem Fuss. Zurück in München: Am zweiten Abend essen Schüler und Lehrer zusammen in der Münchner Innenstadt. Danach dürfen die Jugendlichen alleine losziehen - bis halb eins Uhr nachts, weil der Vorabend so geordnet verlaufen war. Sechs bis sieben Jugendliche begeben sich zum Hauptbahnhof und decken sich dort mit Vodka, Tequila, Jägermeister und Red Bull ein. Laut Staatsanwaltschaft kaufen sie auch Marihuana. Kurze Zeit später treffen sich rund ein Dutzend Jugendliche im Nussbaumpark zum «Saufen». Sie sitzen friedlich und schwatzen, trinken und rauchen. Doch dann bemerkt Mike, dass sein Portemonaie fehlt. Aus «Verärgerung» und um «ein bisschen Spass zu haben», beschliessen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen». 23.15 Uhr: Ganz in der Nähe sitzen Mazedonier auf Baumstümpfen. Drei von ihnen werden die ersten Opfer von Mike, Ivan und Benji. Die drei schlagen und treten auf die Köpfe der Obdachlosen ein - zwei bleiben bewusstlos liegen. Die Schweizer Schüler rennen davon Richtung Unterkunft. Doch sie haben noch nicht genug «Spass» gehabt. Um 23.23 Uhr treffen sie beim Sendlinger Tor auf Wolfgang O. Der Versicherungskaufmann telefoniert gerade mit seiner Frau, als ihn Mikes Faustschlag von der Seite trifft. Der Mann geht zu Boden, ihm wird schwarz vor den Augen. Doch Mike und Benji treten weiter auf seinen Kopf ein. Sie zertrümmern ihm das Jochbein, Augen- und Kieferhöhlen. Wolfgang O. bleibt ohnmächtig zurück, aus seinem Ohr fliesst Blut. Laut Ärzten war sein gesamtes Mittelgesicht verschoben und musste rekonstruiert werden. Der Mann ging knapp am Tod vorbei. Die drei Jugendlichen rennen derweil weiter in Richtung Unterkunft. In der Sonnenstarasse, auf der Höhe der Hausnummer 24, begegnet ihnen um 23.25 Uhr ein 27-jähriger bulgarischer Student. Mike schlägt ihm unvermittelt den Ellbogen ins Gesicht. Ivan und Benji doppeln mit den Fäusten nach. Der Student hat danach Blutergüsse im Gesicht- und Halsbereich. Gegen 23.30 Uhr kommen die drei ins Jugendgästehaus des CVJM zurück. Sie wechseln ihre blutverschmierten T-Shirts und schauen gelassen einen Film, bis die Polizei beim Abspann hereinstürmt und die drei verhaftet. Die 10. Klasse aus Küsnacht bricht nach der Bluttat der Schüler die Klassenreise ab und reist zurück in die Schweiz. Die drei Täter bleiben zurück und sitzen seither in Bayern in U-Haft.

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Zwei der drei Schweizer Prügelschüler von München sitzen noch in Gefängnissen in Bayern. Während Mike B. sein Urteil anfechtet und weiterhin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stadelheim sitzt, wurde Benji D. nach dem Urteilsspruch im November 2010 an die JVA im bayerischen Ebrach überstellt. Im kleinen Ort in der Nähe von Bamberg muss er seine Strafe von 4 Jahren und 10 Monaten absitzen. Der Knast gilt als einer der härtesten Deutschlands.

Ist dem 18-Jährigen das Klima in Ebrach zur rauh? Gut möglich. Denn Benji D. will lieber in ein Schweizer Gefängnis. Am 17. Januar 2011 hat sein Anwalt beim Bayerischen Justizministerim ein Überstellungsgesuch eingereicht. Eine entsprechende Anfrage ist am 14. Juni beim Bundesamt für Justiz in Bern eingetroffen, wie Informationschef Folco Galli gegenüber 20 Minuten Online bestätigt.

Kein Antrag auf Abschiebung

Damit stellt Benji D. einen anderen Antrag als sein Mittäter Ivan Z.: Dieser hatte mit 2 Jahren und 10 Monaten die geringste Strafe erhalten und liess sich nach der Hälfte der Haftzeit in die Schweiz abschieben. Seither ist er hier ein freier Mann. Dafür darf er in den nächsten zehn Jahren nicht mehr zurück nach Deutschland, sonst muss er die verbliebene Reststrafe absitzen.

Doch Benji D. will sich offenbar nicht abschieben lassen. Vermutlich weil er slowenischer Staatsbürger ist. Würde er einen Antrag auf Abschiebung stellen, müsste das Bayerische Justizministerium ihn nach Slowenien bringen. Und: Slowenien müsste sich einverstanden erklären, den jungen Mann aufzunehmen.

Als Slowene hat Benji D. es schwer

Wegen seiner Staatsbürgerschaft ist auch die Überstellung in die Schweiz keine einfache Sache: Grundsätzlich gilt das Übereinkommen zwischen der Schweiz und Deutschland nur für die eigenen Staatsbürger. Im Gesuch aus Bayern ist dies darum explizit ein Fragepunkt. «Wir müssen abklären, ob die slowenische Staatsbürgerschaft einer Überstellung in die Schweiz entgegensteht», sagt Infochef Galli vom Bundesamt für Justiz.

Klar ist: Darf Benji D. tatsächlich in ein Schweizer Gefängnis, trifft sein Gesuch auf beiden Seiten auf viel Wohlwollen. Solches signalisiert das Bundesamt für Justiz bereits. Das Gesuch werde nicht von vornherein wegen der Staatsbürgerschaft abgelehnt, sagt Folco Galli. Man werde die aufgeworfenen Fragen beantworten und zusammen mit den zuständigen Behörden des Kantons Zürich prüfen.

Kosten spielen eine Rolle

Aber auch in Bayern müsste man ein Auge zudrücken. Denn mit 4 Jahren und 10 Monaten ist die Gesamtstrafe für Schweizer Verhältnisse zu lang. Hier zu Lande gilt für Jugendliche Straftäter eine Maximal-Strafe von 4 Jahren. Stimmt Bayern einer Überstellung zu, müsste das Justizministerium formal akzeptieren, dass die Schweiz nicht die gleich lange Reststrafe über Benji verhängen wird.

In Anbetracht der Tatsache, dass das Bayerische Justizministerium bereits Ivan Z. sehr schnell ausser Landes spediert hat, wäre dies aber durchaus denkbar. Denn im Fall von Benji D. geht es mittlerweile auch ums Geld. Bayern könnte mit der Überstellung einiges an Vollzugskosten sparen.