Zürcher Schule

18. März 2019 20:56; Akt: 18.03.2019 20:56 Print

Bub spielt Onanieren vor, Mutter zeigt Lehrerin an

Ein Sekschüler benimmt sich vor einer Lehrerin anzüglich. Der Vater des Jungen findet, dass dies völlig normal ist. Am Schluss landet der Fall vor dem Obergericht.

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Ein Schüler einer Zürcher Sek leckt in einer Lektion bei einer Fachlehrerin lasziv an einem Klebestift. Damit hantiert er so auf Hüfthöhe, als würde er onanieren. Auch sonst versucht er mit anzüglichen Gesten auf sich aufmerksam machen und belästigt mit trotzigen Sprüchen Mädchen.

Beim Elterngespräch reagiert der Vater empört. Er beschwert sich bei der Schulleitung und droht mit einem Anwalt. Er findet, dass das Verhalten seines Sohnes normal für pubertierende Jungs sei. Weil sich die Lehrerin in diesem Machtkampf unwohl fühlt, wendet sie sich nach Rücksprache mit der Schulleitung an die Jugendpolizei, wie es in einem Bericht des Magazin für Sek-Lehrpersonen, «Fokus Schule», heisst.

Mutter wirft Lehrerin Verleumdung vor

Die Eltern schaffen es, dass der Schüler den Unterricht bei der Lehrerin nicht mehr besuchen muss. Es entstehen Gerüchte unter den anderen Schülern, die Lehrerin informiert deshalb die Klasse. Darauf wendet sich die Mutter des suspendierten Schülers an die Kantonspolizei.

Sie wirft der Pädagogin in ihrer Strafanzeige vor, sich einer Ehrverletzung schuldig gemacht zu haben, denn die Lehrerin soll über den abwesenden Schüler gesagt haben, er brauche einen Psychiater und sie werde einen solchen organisieren. «Das entsprach nicht den Tatsachen», sagt Jürg Freudiger zu 20 Minuten. Er arbeitet für den Beratungsdienst Sek ZH und hat die betroffene Lehrerin unterstützt. In einer späteren Stellungsnahme sagte die Mutter laut Freudiger zudem, die Lehrerin habe bei einer polizeilichen Aussage verleumderische Aussagen gegen ihren Sohn gemacht, indem sie ausführte, er würde Mädchen belästigen.

Viel Stress für die Lehrerin

Am Ende beurteilt das Obergericht die Angelegenheit zugunsten der Lehrerin. Es könne nicht von einer strafbaren Handlung ausgegangen werden, somit seien die Voraussetzungen für eine Strafverfolgung nicht erfüllt.

Viel Stress habe die Angelegenheit bei der Beschuldigten trotzdem verursacht, sagt Freudiger. Sie sei aber nicht die Einzige, die von Eltern verklagt werde: «Immer wieder gibt es Anzeigen gegen Lehrer oder zumindest drohen die Eltern mit einem Anwalt.»

Es kommt selten zu Verurteilungen

Das Volksschulamt Zürich verfügt nicht über Zahlen zu Strafanzeigen gegen Lehrpersonen. Es bestehe keine Meldepflicht. «Meist wird in den Schulen eine einvernehmliche Lösung im Elterngespräch gesucht», sagt Amtsleiterin Marion Völger auf Anfrage. Dennoch: Das Volksschulamt war in den letzten zehn Jahren insgesamt ein gutes Dutzend Mal von Schulleitungen oder Lehrpersonen mit Fragen in diesem Zusammenhang konfrontiert.

Aufgrund der geringen Anzahl lasse sich keine verlässliche Aussage machen, was die Gründe für Strafanzeigen von Eltern seien. Zu einer Verurteilung sei es aber in den bekannten Fällen nur äusserst selten gekommen.

Mehr Konflikte

Eltern seien heute generell interessierter an Schulthemen als früher, heisst es beim Volksschulamt. Sensibler seien viele bei Fragen rund um die Entwicklung und die Leistung ihrer Kinder. Dieses Interesse werde grundsätzlich begrüsst. Natürlich gebe es auch Eltern, die der Schule gegenüber Ansprüche äusserten, die diese nicht erfüllen könne und müsse. Es komme damit zu mehr Konfliktsituationen.

Der Beratungsaufwand im Spannungsfeld von Schule und Eltern habe zugenommen, weise aber angesichts der über 144'000 Schülerinnen und Schüler in der Zürcher Volksschule nicht auf eine problematische Situation hin.

(som/tam)