Rupperswil

03. Januar 2016 11:08; Akt: 03.01.2016 11:08 Print

Chance, dass die Opfer den Täter kannten, ist klein

Im Mordfall von Rupperswil sind nach wie vor viele Fragen offen. Dennoch kommen nach und nach weitere Details ans Tageslicht. So wurden etwa zwei Messer gesichert.

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Carla und ihre Kinder pflegten ein inniges Verhältnis. Auch Nachbarn beschreiben die Familie als sehr sympathisch und supernett. Mit diesem Bild einer Überwachungskamera sucht die Polizei nach Zeugen: Wer hat Carla S. am Montagmorgen, 21. Dezember 2015 gesehen? Sie hob am Vormittag in Rupperswil und Wildegg Geld ab. «Kann sein, dass sich die Opfer wehrten»: Der Tatort in Rupperswil AG. (24.12.2015) Diese Wohlener Apotheke sollen am Tag der Tat zwei Unbekannte mit Schnittwunden betreten haben: Screenshot Tele Züri. Mithilfe der Bevölkerung gesucht: Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, hält das Flugblatt mit dem Zeugenaufruf in der Hand. (24. Dezember 2015) Kantonspolizisten befragen an Weihnachten die Bevölkerung von Rupperswil. Die Dorfidylle ist nach der Bluttat vorbei. Über Nacht ist Rupperswil landesweit bekannt geworden. Dorfbewohner hinterlegen Kerzen und Karten an der Stätte des Verbrechens. Auch ihre beiden Kinder zählen zu den Opfern. Etwa der 19-jährige Dion S. Und auch der 13-jährige Davin S. Beim vierten Opfer soll es sich um Simona F. handeln. Die 21-jährige war die Freundin von Dion S.. Im Ort ist die Anteilnahme gross. Viele kommen vorbei, legen Kerzen nieder oder selbst geschriebene Briefe und Blumen. Besonders die Klassenkameraden von Davin sind entsetzt und verzweifelt über dessen Tod. Am Montag, 21. Dezember kurz nach elf Uhr meldeten Nachbarn, dicker Rauch trete aus einem Einfamilienhaus aus. Die vier Opfer wurden im Innern des Hauses gefunden. Sie waren offenbar alle vier stark verkohlt. Die Identifikation gestaltete sich als schwierig. Die vier Personen weisen Stichwunden auf. Alle vier seien zudem Opfer. Der Täter befinde sich nicht unter den vier, hiess es vonseiten der Staatsanwaltschaft. In dem Haus wohnte die Mutter mit ihren zwei Söhnen. Gemäss Bekannten der Familie lebte sie getrennt von ihrem Ehemann. Ihr Freund G.M. war jedoch auch an der Adresse gemeldet. Polizisten in einem Feld nahe des Hauses: Offenbar suchen sie etwas. Laut der Polizei gehört die Suche nach Beweismitteln zur routinemässigen Untersuchung dazu. Feuerwehrleute und Polizisten vor der mobilen Einsatzzentrale auf der Lenzhardstrasse in Rupperswil. Die Feuerwehrleute mussten psychologisch betreut werden. Sie sagen, schreckliche Szenen hätten sich ihnen im Innern des Hauses geboten. Die Feuerwehrleute drangen mit Atemschutztrupps ins Zweifamilienhaus ein. Als diese das stark verrauchte Haus durchsuchten, stiessen sie auf die toten Personen. Die Ermittler haben sich in Spitälern und Apotheken nach Verdächtigen erkundigt: Eine Kriminaltechnikerin im Einsatz beim Tatort. Spezialisten der Polizei, Rechtsmediziner und Vertreter der Staatsanwaltschaft ermitteln vor Ort auf Hochtouren.

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Vier Menschen mussten in Rupperswil AG am 21. Dezember ihr Leben lassen. Die 48-jährige Carla S.*, ihre beiden Söhne Davin (13) und Dion (19), sowie die Freundin des älteren Sohnes Simona (21) wurden brutal ermordet, danach wurde der Tatort in Brand gesteckt. Es handelt sich um das Haus der Familie S. Wie die «Sonntagszeitung» schreibt, sollen die vier Opfer an Stühle gefesselt gewesen sein.

Die Ermittler wurden eingeschaltet, nachdem die von einer Nachbarin alarmierte Feuerwehr die Opfer im Haus gefunden hatte. Die Obduktion hat gezeigt, dass alle Opfer Stich- und Schnittverletzungen aufwiesen. Eine mögliche Tatwaffe wurde am Tatort jedoch nicht gefunden. Doch nun wurden auf einer Strasse im Quartier zwei Keramikmesser gefunden, wie die «Sonntagszeitung» weiter schreibt. Die Stelle war zuvor gründlich von Ermittlern abgesucht worden. «Die Messer lagen gestern noch nicht hier», sagt ein Polizist zur Zeitung. «Das sieht nach einem geschmacklosen Streich aus.» Dennoch wurden die Spuren am Fundort gesichert und die Messer eingepackt.

Mühsame Ermittlungen

Was die Täterschaft angeht, bestehen noch viele Unklarheiten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in alle Richtungen, wird immer wieder betont. Es stellt sich die Frage, ob jemand, der die Opfer kannte, mit der Tat in Verbindung steht. «Wir schliessen zurzeit keine Option aus, auch nicht, dass Personen aus dem Umfeld der Opfer an der Tat beteiligt waren, beispielsweise als Anstifter», sagt Philipp Umbricht, leitender Oberstaatsanwalt zur «NZZ am Sonntag». «Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen in die eigentliche Tatbegehung involviert waren, ist allerdings klein.» Demnach dürften die Opfer ihren tatsächlichen Mörder nicht gekannt haben.

Obwohl die Ermittler durchgehend am Fall arbeiten, erschweren die Festtage das Vorankommen. An Weihnachten verteilten Polizisten Flugblätter und Zeugenaufrufe. Darauf gingen zahlreiche Hinweise ein. Doch: «Die Abklärung dieser Hinweise ist mühsam und braucht viel Zeit», sagt Umbricht. «Wegen der Festtage waren viele Personen, die Hinweise machten, nur schwer erreichbar und konnten deshalb nicht befragt werden.»

«Angst haben wir nicht»

Trotzdem laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Über die Festtage wurden etwa verschiedene Daten der Gemeinde durchleuchtet, berichtet der «Sonntagsblick». Auch Unterlagen aus der Primarschule wurden angefordert. Doch die Behörden geben nur spärlich Informationen bekannt. Klar ist, dass sie mehr wissen, als öffentlich kommuniziert wurde, sagte Umbricht kürzlich zum Regionaljournal von SRF. Dennoch gab es bisher weder eine Verhaftung noch eine konkrete Fahndung nach einem mutmasslichen Täter, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Laut Umbricht will man im Laufe der Ermittlungen Spezialisten beiziehen.

In der Gemeinde selbst sitzt der Schock auch nach den Festtagen noch tief. Vor dem Haus der Opfer stehen unzählige Kerzen und Erinnerungsstücke. «Es war eine so tolle Familie», sagt ein Nachbar zur «Sonntagszeitung». «Ich kann nicht mehr ruhig schlafen. Es ist für uns alle ein Schock.» Doch Gemeindeammann Ruedi Hediger beruhigt: «Angst haben wir nicht. Rupperswil ist ein schöner Ort zum Wohnen.» Ende nächster Woche soll ein Gedenkgottesdienst für die Opfer gehalten werden. Im «Sonntagsblick» hält Hediger jedenfalls fest: «Vergessen werden wir das Verbrechen nie, aber vielleicht können wir irgendwann wieder zur Normalität übergehen.»

*Name der Redaktion bekannt

(vro)