Schüsse in Wiedikon

10. Januar 2016 13:43; Akt: 10.01.2016 16:34 Print

Darum schiesst die Polizei so häufig daneben

13 Schüsse brauchten Zürcher Stadtpolizisten, um einen Angreifer zu stoppen – davon sollen sechs danebengegangen sein. Sie sind nicht die Einzigen mit einer geringen Trefferquote.

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Ein 42-jähriger Äthiopier attackierte kurz vor dem Jahreswechsel eine Polizeipatrouille im Zürcher Kreis 3 mit einem 25 Zentimeter langen Messer. Um den Angreifer aufzuhalten, waren 13 Schüsse nötig – letztlich sollen den Äthiopier jedoch nur sechs davon getroffen haben, wie der «Blick» schreibt. Der Mann liegt noch immer in kritischem Zustand im Spital.

Laut der NZZ wurden die beteiligten Polizisten befragt und der Fall wird von der Zürcher Staatsanwaltschaft untersucht. Offen sind derzeit die Fragen, warum der Angreifer frühmorgens mit einem Messer bei der Schmiede Wiedikon herumlief, ob die 13 Schüsse auf den Angreifer wirklich gerechtfertigt waren und warum die Polizei dermassen oft danebenschoss.

Trefferquote nimmt bei zunehmender Distanz ab

Eine US-Studie aus dem Jahr 2003 liefert auf Letzteres eine Erklärung. Sie befasst sich mit der Trefferquote beim Einsatz von Schusswaffen von Beamten der New Yorker Polizei (NYPD). Das Fazit: Die Trefferquote nimmt bei zunehmender Distanz drastisch ab – bei einem Abstand von drei bis sieben Metern liegt sie unter 20 Prozent.

Im Fall der Messerattacke von Wiedikon könnte die Ungenauigkeit der Schüsse darauf zurückzuführen sein, dass die Polizisten in der Hektik nicht über die Zielvorrichtung, sondern aus dem Handgelenk schossen. Zusätzlich bewegte sich der Angreifer noch, was das Treffen erschwerte.

Angreifer merkt gewisse Schüsse nicht einmal

Dass trotzdem sechs Treffer notwendig waren, um den
42-Jährigen zu stoppen, ist laut dem Berner Ballistiker Beat Kneubuehl nicht weiter verwunderlich: «Die Wirkung eines Schusses aus der Pistole ist vergleichsweise gering.» Es sei denn, es handle sich um einen gezielten Kopfschuss, bei dem das Hirn oder Genick verletzt werde.

Auch die Schussverletzung eines grossen Blutgefässes könne den Angreifer aufgrund des Blutverlusts handlungsunfähig machen, wie er zur NZZ schreibt. Bei «normalen» Treffern merke er es hingegen nicht einmal und bleibe weiter handlungsfähig.

Schusswaffeneinsatz geht in der Schweiz zurück

Ein weiteres Mal musste die Stadtpolizei Zürich 2015 ihre Waffen zücken. Damals schoss sie aber auf ein Fahrzeug, damit der Angreifer nicht flüchten konnte. Allgemein ging der Gebrauch von Schusswaffen schweizweit in den letzten Jahren zurück.

2014 griffen Polizisten elfmal zu ihrer Waffe, 2010 waren es noch 31 Fäll gewesen. Für 2015 gibt es noch keine Zahlen. Die Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten (KKPKS) führt den Rückgang auf die «umfassende Schulung der Polizeikräfte im Umgang mit Konfliktsituationen» zurück. Zudem dürften auch «mildere Einsatzmittel» wie etwa Taser einen Einfluss haben.

(rad)