Mord in Wintherturer Hotel

01. Februar 2011 19:02; Akt: 01.02.2011 19:52 Print

Das Versagen der Behörden im Fall Florian

von Annette Hirschberg - Ein Gutachten zeigt: Im Fall Gustav G. wurden Fehler über Fehler gemacht. Die Blindheit gegenüber dem unberechenbaren Vater hatte fatale Folgen.

Der Zürcher Justizdirektor Markus Notter zum Gutachten im Fall Bonstetten.
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Das Gutachten zum Fall Bonstetten wirft kein gutes Licht auf die Behörden der Zürcher Gemeinde. Vor allem die dortige Vormundschaftsbehörde kommt nicht gut weg. Sie war für die Begleitung von Gustav G. zuständig, der im Februar 2010 in einem Hotel in Winterthur seinen Sohn Florian tötete. In der Analyse wird deutlich, wie sehr sich die Behörde vom «redegewandten und kooperativen» Vater Gustav G. vereinnahmen liess - er tat alles, um sich in ein gutes und seine ehemalige Partnerin Marciana G. in ein schlechtes Licht zu rücken.

Für den Gutachter Prof. Dr. Peter Breitschmid lief die gesamte Begleitung des Paares von Anfang an schief. Zu einer ersten zweifelhaften Beurteilung kam es im April 2007, als Florians Vater ins Sorgerecht eingebunden und die Mutter zu Unterhaltszahlungen verpflichtet wurde. Der Gutachter bezeichnet dies als atypisch, weil die Vereinbarung den Vater bevorzugte. Ausserdem sei nicht abgeklärt worden, ob Gustav G. mehr hätte arbeiten können oder wie viel Marciana G., die damals als Prostituierte arbeitete, tatsächlich verdienen konnte.

Die Behörde half Gustav G., seine Ex zu schikanieren

Bis Januar 2008, als die kriminelle Vergangenheit von Gustav G. durch ein Gerichtsverfahren gegen ihn publik wurde, stand die Vormundschaftsbehörde von Bonstetten vorbehaltlos hinter dem damals 58-jährigen Vater. Sie ging sogar so weit, Gustav G. dabei zu unterstützen, Marciana G. gegen ihren Willen aus der gemeinsamen Wohnung zu werfen, obwohl G.s Vorgehen laut Gutachter «klar missbräuchlich» war.

Irritierend ist für den Gutachter auch das Vorgehen nach dem Bekanntwerden des Mordversuchs am älteren Sohn im Jahr 1990. Vor Erhalt der vollumfänglichen Unterlagen wurde nur einmal in einem Treffen die Vergangenheit des Vater angesprochen. Dabei ging es um die Einsicht in die Gerichtsakten. Ansonsten dominierte offenbar Gustav G. die Diskussionsagenda mit einer Flut von Mails und seiner «nicht nachlassenden Kritik an der Mutter». Die Behörden beantworteten jedes Mail zuvorkommend und bedauerten Gustav G. gegenüber gar, dass die Mutter nun einen Anwalt eingeschaltet habe.

Richtige Massnahme, falsche Umsetzung

Richtig gehandelt habe die Behörde im Februar 2008, als sie mittels Präsidialverfügung Gustav G. wegen seiner Vorgeschichte das Obhutsrecht über Florian entzog und den damals dreijährigen Jungen bei einer Pflegefamilie platzierte. Als heikel beurteilt der Gutachter hingegen die Wahl der Pflegefamilie, die sich direkt im Nachbarhaus der väterlichen Wohnung befand.

Irritierend für den Gutachter ist zudem, dass in der Beurteilung des Vaters ausschliesslich der Mordversuch an seinem Sohn ins Zentrum gerückt wurde. Dass er wenige Jahre nach Absitzen seiner Gefängnisstrafe zum Wirtschaftsbetrüger wurde und sich widerrechtlich 60 000 Franken überwies, hätten die Behörden völlig ausgeblendet. Dabei komplettiere dies das Bild von Gustav G., der «nicht einfach einmal emotional ausgerastet», sondern ein «gewandter Kantenläufer» sei, dessen Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit in allen Belangen zu hinterfragen sei.

Gutachten wurde überbewertet

Die Situation nahm erneut einen ungünstigen Verlauf, als die Pflegefamilie kündigte, weil die Konflikte mit den Eltern zu gross geworden waren. Die Obhut wurde wieder dem Vater übertragen. «Im Gestrüpp der elterlichen Kontroversen hatten die Behörden den Grund des Obhutsentzugs – das Vaterrisiko – aus den Augen verloren», schreibt der Gutachter. Sie seien «besänftigt» gewesen durch den Bericht einer Psychologin, die «die Gefahr einer möglichen Rückfälligkeit» von Gustav G. als gering beurteilt hatte. Für den Gutachter ist klar, dass dieser Bericht überbewertet wurde. «Kein Gericht hätte auf dieses Papier abgestellt», schreibt er.

Nachdem der Vater das Obhutsrecht wieder hatte, sei die Vormundschaftsbehörde mehrheitlich zur Bevorzugung des Vaters zurückgekehrt. So seien Eingaben von Marciana G., die konsequent das «väterliche Risiko» ansprachen, nicht auf die «nötige Aufmerksamkeit» gestossen. Umgekehrt unterstützte man den Vater in seiner Sorge um eine mögliche Entführung seines Sohnes über die Massen. «Auch wenn Ihre Bedenken Sie daran hindern, das Kind der Mutter zu übergeben, so müssen Sie sich bewusst sein, dass sie sich damit unter Umständen ins Unrecht setzen», schrieb ihm die Vormundschaftsbehörde einen Tag vor Florians Tod.

«Leider entbehrt das Recht der Logik»

Noch viel pikanter ist die Tatsache, dass man den Vater ebenfalls wenige Tage vor Florians Tod gar beim Ausspionieren der Mutter unterstützte. So teilte eine Sachbearbeiterin Gustav G. auf seine Anfrage eilfertig mit, welche Autonummer das Fahrzeug hatte, mit welchem die Mutter zur Vormundschaftsbehörde gefahren war.

Zudem kritisierte die Vormundschaftsbehörde in einem Mail, dass es keine rechtlichen Möglichkeiten gebe, eine Auslandreise von Marciana G. mit Florian zu verhindern. «Es ist nicht die Logik der Behörde, sondern unser geltendes Recht, welches hier zum Zug kommt. Und das Recht entbehrt leider immer wieder der Logik.»

Hysterie des Vaters

Für den Gutachter war die Hysterie des Vaters nicht mehr normal, sondern ein Zeichen der «bereits zuvor eskalierten väterlichen Abwehrschlacht gegen alles Mütterliche und Behördliche». Und auch bei seiner Einschätzung wird er nochmals sehr deutlich: «Es war genau die Verengung, welche den Druck schon einmal ins Unermesslich-Unkontrollierbare hatte ansteigen lassen». Alle hätten davon gewusst, es aber verdrängt, so Breitschmid.