Nach Suizid ihrer Tochter

19. August 2019 18:34; Akt: 20.08.2019 15:57 Print

Das sagen Célines Eltern zum Mobbing-Video

von Jennifer Furer - Ein Video zweier Mobbing-Opfer geht viral. Es erinnert an Célines Geschichte. Ihre Eltern kämpfen mit einem Event gegen Internet-Hass.

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Zwei verfeindete Mädchengruppen tragen derzeit einen Streit in den sozialen Medien aus – und jeder, der will, kann ihn mitverfolgen.

Anfangs wurden die Hass-Nachrichten privat in Chats ausgetauscht. «Du Schlampe, wir haben deine Nummer herausgefunden, bald wissen wir, wo du wohnst», heisst es etwa. Die Reaktion des adressierten Mädchens erfolgt prompt – und das mit einem öffentlichen Video.

«Mit dem mache ich euch tot!»

Zusammen mit ihrer Kollegin verbreitet sie ein Video via Snapchat: «Ihr Arschlöcher, schämt ihr euch nicht, wie ihr mit uns umgeht?», ruft die junge Frau in die Kamera. Später holt die andere Frau ein Messer hervor und droht: «Mit dem mache ich euch tot!»

Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Mädchengruppen schwappt auf die Internetcommunity über. Immer mehr beteiligen sich am Streit und stossen Drohungen aus.

Video der Polizei bekannt

Mobbing und Hasskommentare in sozialen Medien werden zahlreicher. Das bestätigt auch Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei Zürich: «Es sind vor allem junge Frauen, die über soziale Medien Cybermobbing betreiben.» Der Stadtpolizei ist das Video der beiden Mädchen bekannt. Es sei deswegen noch keine Anzeige eingegangen.

Damit die Polizei im Fall des veröffentlichen Videos aktiv werden könne, müssen die Betroffenen einen Strafantrag stellen, weil Drohung kein Offizial-, sondern ein Antragsdelikt ist. «Wir werden aber sicher mit den beiden Frauen das Gespräch suchen», sagt Cortesi.

Polizei ermittelt

Der Stadtpolizei sind aufgrund einer Anzeige aber Vorfälle zwischen den Mädchengruppen ausserhalb der sozialen Medien bekannt. «Wir ermitteln wegen Drohung, Tätlichkeit und Ehrverletzung.»

Cortesi rät Betroffenen von Cybermobbing dazu, bei der Polizei Anzeige zu erstatten. «Nur dann können wir aktiv werden.» Ohnehin sei es wichtig, dass Jugendliche zu Hause oder mit Vertrauenspersonen über das Thema sprechen würden, sagt Cortesi.

Cybermobbing als Straftatbestand

Dafür, dass das Thema Cybermobbing präsenter wird, kämpfen Candid und Nadya Pfister aus Spreitenbach AG. Sie sind die Eltern von Céline (13), die sich im August 2017 das Leben nahm. Vor ihrem Suizid wurde sie in den sozialen Netzwerken übel gemobbt.

Célines Peinigerin ist wieder zugange

«Selbstverständlich erinnert der Fall an unsere Céline», sagt Mutter Nadya Pfister. Allerdings gebe es einen zentralen Unterschied: «Céline reagierte immer besonnen auf die Drohungen ihrer Peinigerin und antwortete wie eine Erwachsene.»

Das Video empfindet Pfister als sehr verstörend. «Es hat mich sehr erschreckt, wie viel Wut zum Ausdruck kommt.» Die Wut und der Hass hätten sich hier bei den Mädchen angestaut. «Ich denke, sie haben ihren Hassgefühlen gegenüber ihren Mobberinnen freien Lauf gelassen, weil sie das live niemals tun könnten.»

Mobbing sichtbar machen

Die Eltern von Céline kämpfen seit dem Suizid ihrer Tochter dafür, dass Cybermobbing als Straftatbestand eingeführt wird. «Es muss sich etwas ändern. Das Problem ist das Handy. Unsere Jugendlichen sind dem komplett ausgeliefert und keiner schützt sie», sagt Mutter Nadya Pfister. Sie und ihr Mann Candid engagieren sich nicht nur politisch.

In den sozialen Medien haben sie den Hashtag #célinesvoice lanciert und auch an Veranstaltungen sind sie präsent, um das Thema Cybermobbing sichtbar zu machen – etwa an der FamExpo in Winterthur.

Event in Spreitenbach

Nun haben sich Candid und Nadya Pfister dazu entschieden zusammen mit dem Influencer und Mobbingberater Fidjiness eine Tour durch Deutschland und die Schweiz unter dem Namen «Mobbing vereint meets #célinesvoice» zu organisieren. Der erste Event findet am 26. Oktober im Saarland statt. «Mobbing soll in einem familiären Ambiente thematisiert werden», so Candid Pfister. Es würden auch DJs, Bands und Rapper auftreten. «Céline liebte Deutschrap.»

Am 7. Dezember, in der Woche von Célines Geburstag, soll die Tourné offiziell in Spreitenbach starten und bis Ende 2020 dauern. Zum Abschluss soll wieder eine Veranstaltung in Spreitenbach stattfinden. Der Erlös werde an eine Organisation gespendet, die sich für Jugendliche mit Rap-Workshops engagiere. «Unser grösster Traum wäre, ein Rapsong gegen Mobbing mit Schweizer Musikern», sagt Mutter Nadya Pfister.