Wechsel in Gerichtspsychiatrie

30. Juli 2018 13:23; Akt: 30.07.2018 16:00 Print

Das waren Urbanioks schlimmsten Fälle

Gerichtspsychiater Frank Urbaniok muss seine Stelle aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. In seiner Karriere hatte er mit brutalen Fällen zu tun.

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Frank Urbaniok war über 20 Jahre lang Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich. In dieser Zeit hat er die Therapie konsequent auf die Verhinderung weiterer Straftaten ausgerichtet. In den Medien kam er oft zu Wort, besonders dann, wenn es um das Thema Gefährlichkeit von Tätern und Verwahrung ging.

Für Aussagen wie «Die Tat aus heiterem Himmel gibt es nicht» hat er bei Fachkollegen Kritik geerntet. Nichtsdestotrotz bedauert die Zürcher Regierungsrätin Jaqueline Fehr (SP) seinen Rücktritt. «Er hat wie kein anderer die forensische Psychiatrie geprägt», schreibt sie auf Twitter.


Verwahrter Bankräuber Portmann

Urbaniok hat das Fotres (Forensisches Operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System) entwickelt. Damit wird die Rückfallquote von Straftätern bestimmt – mit einer angeblichen Treffsicherheit von 70 Prozent. Das System ist umstritten, weil es den Ruf hat, Straftäter auf Vorrat wegzusperren. Dennoch wird es in vielen Kantonen angewandt, wie SRF-Recherchen gezeigt haben.

Der letzte grosse Fall, bei dem Urbaniok zu Wort kam, ist die Entlassung des Bankräubers Hugo Portmann. Der Mann war verwahrt, obwohl er weder ein Sexualstraftäter noch ein Mörder war. Dagegen wehrte sich der Häftling erfolgreich. Heute ist er wieder auf freiem Fuss.

«Fall Flaach war eine Extremtat»

Urbaniok musste sich in seiner Karriere mit mehreren schweren Fällen befassen. Einer davon war der Fall Flaach. Eine 27-jährige Mutter tötete 2015 ihre beiden Kinder, nachdem sie ihr weggenommen worden waren. Der Gerichtspsychiater sprach von einer Extremtat, die in der Persönlichkeit der Mutter angelegt gewesen sei.

Im Prozess um den Zwillingsmord in Horgen attestierte er der Mutter, die ihre drei Töchter getötet hatte, eine misstrauische Grundhaltung gegenüber der Umwelt. Die Frau wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Auch im Fall von Brigitte Didier, die brutal vergewaltigt und anschliessend erstochen wurde, verfasste Urbaniok ein Gutachten. Er schätzte die Rückfallgefahr des Täters hoch ein.

Urbaniok unter Kritik

Rechtfertigen musste sich Urbaniok, als der 23-jährige Tobias Kuster im Hafturlaub im Zürcher Seefeld ein Zufallsopfer erstach. Urbaniok machte sich stark für die Hafturlaube: Eine generelle langfristige Rückfallgefahr bedeute nicht, dass auch bei einem mehrstündigen Hafturlaub eine Gefahr bestehe.

Für Schlagzeilen sorgte auch ein Gutachten von Urbaniok, das vom Bundesgericht 2015 als mangelhaft bezeichnet wurde, weil es in weiten Teilen nicht durch Urbaniok persönlich, sondern durch eine andere Ärztin erstellt worden war. Aufgrund des Gutachtens wurde ein Mann, der 2011 in Rapperswil-Jona einen Hauswart aus nächster Nähe erschossen hatte, nicht verwahrt.

«Täter ist schuldfähig»

Im Niederdorf schoss ein Neonazi 2012 auf einen Kontrahenten, der nach einer Notoperation nur knapp überlebte. Das erste psychiatrische Gutachten stellte eine dissoziale Persönlichkeitsstörung fest. Der Beschuldigte beantragte ein zweites Gutachten von Urbaniok, der aber zum gleichen Schluss kam.

Ebenfalls ein Zweitgutachten verfasste Urbaniok im Fall, der 2012 vor dem Glarner Kantonsgericht verhandelt wurde. Ein fünffacher Räuber und Doppelmörder wurde anschliessend verwahrt. Im Mordprozess gegen einen 60-Jährigen, der im August 2011 seine Frau und die Chefin des Sozialdienstes von Pfäffikon ZH erschossen hat, sah Urbaniok ein Risiko für erneute Gewalttaten gegen Familienmitglieder. Der Täter sei aber psychisch gesund und deshalb schuldfähig.

Mindestalter für Fischer

Im Kaufleuten-Mord beurteilte Urbaniok einen 23-Jährigen, der wegen Mord und vorsätzlicher Tötung zu 16 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Er kam zum Schluss, dass der junge Mann bei Kränkungen von Wut und Hass förmlich überschwemmt werde. 2001 richtete Friedrich Leibacher im Regierungsgebäude Zug ein schreckliches Blutbad an und tötete sich dann selbst. Im Gutachten von Urbaniok stand, dass Leibacher den Massenmord geplant hatte.

Als Experte unterstützte Urbaniok auch ein Mindestalter für Angler. Wer Tieren Schmerzen zufüge, sei noch kein potenzieller Straftäter, aber solche Handlungen würden das Verhalten prägen.

(tam)