Bülach

23. Januar 2019 05:46; Akt: 23.01.2019 05:46 Print

Warum tötet eine Mutter ihr Kind?

In Bülach wird eine 30-jährige Mutter verdächtigt, ihren Sohn (4) umgebracht zu haben. Ein forensischer Psychiater erklärt, was eine Mutter zu einer solchen Tat bewegen kann.

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Herr Knecht*, in Bülach wird eine 30-jährige Mutter verdächtigt, ihren 4-jährigen Sohn umgebracht zu haben. Was bringt ein Mutter dazu, ihr Kind zu töten?
Die Kindstötung ist in der Psychologie gut erforscht. Durch die Mutter geschieht sie normalerweise, wenn das Kind noch ganz klein oder neugeboren ist. In diesem Alter ist es sehr eng an die Mutter gebunden. Je älter das Kind wird, desto eher kommt auch der Vater als Täter in Frage.

Welche Motive kann eine Mutter für eine solche Tat haben?
Wenn das Kind noch ganz klein ist, spielt vor allem die soziale Situation der Mutter eine Rolle. Eine Mutter tötet ihr Kind etwa wegen einer wirtschaftlichen Notlage. Sie ist überzeugt davon, das Kind nicht tragen zu können. Weiter kann es vorkommen, dass die Mutter einen neuen Partner hat, der das Kind nicht akzeptiert, oder dass das Kind schwerstbehindert ist. Auf jeden Fall sollte man vorsichtig sein: Es ist auch möglich, dass das Kind dem plötzlichen Kindstod erlag oder das Ganze ein Unfall war. Manchmal reicht schon ein Zigarettenstummel, den das Kind irrtümlicherweise verschluckt.

Sie haben vorwiegend von Neugeborenen gesprochen. Der Junge war aber bereits 4 Jahre alt. Welche Motive kann eine Mutter in diesem Fall haben?
Es gibt eine Grundregel: Je älter das getötete Kind ist, desto gravierender ist die psychische Belastung der Mutter. Es könnte sein, dass die Mutter eine schwere psychotische Störung hatte und den Jungen in einem Wahn getötet hat. Schliesslich ist denkbar, dass es sich um einen Fall von Kindsmisshandlung handelt, die übers Ziel hinausgeschossen ist. Das heisst, die Mutter hatte nicht die Absicht, das Kind zu töten.

Laut Augenzeugen sass die Mutter beim Eintreffen der Polizei ruhig neben einem Brunnen. Sie habe das Kind im Arm gehalten und zugedeckt. Wie interpretieren Sie dieses Verhalten?
Es ist gut möglich, dass die Mutter aus einem akuten Schockzustand heraus gehandelt hat. Ein solcher kann von Benommenheit bis zu Erstarrung führen. Er bewirkt, dass man unlogisch reagiert und sich nicht mehr unter Kontrolle hat. Das würde bedeuten, dass die Mutter in diesem Moment in einem dissoziativen Zustand war.

Was macht es mit einer Mutter, wenn sie realisiert, dass sie ihr eigenes Kind getötet hat?
Es ist wahrscheinlich, dass die Mutter in eine reaktive Depression verfallen wird. Die Realisation, das eigene Kind getötet und somit für immer verloren zu haben, geht mit einem Schock einher, auf den man kaum mit normalen psychologischen Mitteln reagieren kann. Ich bin über den Fall nicht im Detail informiert, aber es hört sich alles nach einer sehr starken Psychodynamik an.

*Thomas Knecht ist forensischer Psychiater

(jk)