Morena Diaz

19. Januar 2020 17:36; Akt: 20.01.2020 07:29 Print

«Ich bekam alles mit, aber konnte nichts machen»

Body-Positivity-Star und Lehrerin Morena Diaz machte Anfang Jahr publik, dass sie vergewaltigt wurde. Jetzt gibt sie weitere Details bekannt.

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«Ich wurde vergewaltigt und es tut immer noch weh», schrieb die 26-Jährige Morena Diaz im Januar in einem Post auf Istagram. «Er hat über meinen Körper, mein Herz und meinen Bedürfnissen hinweg entschieden. Mit keiner Faser meines Körpers wollte ich das, was er mir angetan hat und mit keiner Faser meines Körpers konnte ich mich wehren», heisst es weiter. Der Vorfall hat laut ihrem Post drei Tage vor Heiligabend 2018 nach einem gemeinsamen Abendessen stattgefunden.

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English in the comments ll TW / Vergewaltigung: Drei Tage vor Heiligabend hat er nach einem gemeinsamen Abendessen über meinen Körper, mein Herz und meinen Bedürfnissen hinweg entschieden. Mit keiner Faser meines Körpers wollte ich das, was er mir angetan hat und mit keiner Faser meines Körpers konnte ich mich wehren. Es ist wahr, was man in den Zeitungen so liest: Man fällt in eine Art Schockstarre. Man schafft es nicht, sich zu schützen, zu wehren und dem Ganzen rechtzeitig ein Ende zu setzen. Eine Freundschaft, die anfangs 2018 zu blühen begann, endete drei Tage vor Weihnachten in demselben Jahr abrupt. Ich hatte ihm vertraut aber er wollte mehr und holte sich jene Nacht das, was er wollte: meinen Körper. 2019 war für mich eher ein Überleben. Ein Gefühlschaos. Zuerst wollte ich gar nichts mehr fühlen, um den Schmerz nicht zu zu lassen und dann, als ich dem Schmerz kurz die Türen öffnete, traf er mich mit voller Wucht. Der Schmerz kam aber nicht alleine. Er wurde von Angst, Trauer und Wut begleitet. Wut auf ihn, Wut auf alle, die anderen das gleiche angetan haben und antun werden. Wut auf die Gesellschaft, die Gesetze, das Patriarchat, das immer noch Macht über uns Frauen* ausüben darf und kann. 2019 war ein Überleben. 2020 möchte ich leben. Nach und nach loslassen. Dafür musste ich letztes Jahr alle Gefühle und somit auch Heilung zulassen und nach und nach die Scherben auflesen, die in jener Nacht in tausend Stücken umherflogen. Ich wurde vergewaltigt und es tut immer noch weh. Die Scherben lese ich weiterhin jeden Tag auf. Und irgendwann, das weiss ich, werden auch die Ängste weniger, die Wut und die Trauer werden zur gleichen Tür wieder rausgehen. Ich werde wieder komplett ausgelassen tanzen können. Lieben und leben. Was ich ganz sicher weiss ist, dass wir Gesetze anpassen müssen, um endlich Opfer und nicht mehr Täter zu schützen, dass wir Aufklärung brauchen denn mein Fall ist kein Einzelfall. Und dass wir unsere Stimmen erheben müssen. Für jede einzelne von uns. Genau deshalb breche ich mein Schweigen. Ni una menos. ♥️

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Der Vorfall ereignete sich in der Wohnung eines damaligen Freundes, dem sie vertraut habe. Sie hätte sich versucht zu wehren, sei körperlich aber völlig unterlegen gewesen, sagt Diaz in einem Interview mit dem «Sonntagsblick». Irgendwann sei ihr die Kraft ausgegangen. «Ich bekam alles mit, aber konnte nichts machen. Meine Gefühle zerbrachen in jener Nacht in tausend Scherben.»

Endlich wieder im Spiegel erkannt

Beim schreiben des Posts habe Diaz immer wieder geweint, sie sei aber dann unglaublich erleichtert gewesen, als sie auf «Senden» gedrückt habe. Nach dem Posting habe sie sich endlich selbst wieder im Spiegel erkannt. Damals sei sie nicht zur Polizei gegangen, weil sie Angst gehabt habe, man würde ihr nicht glauben. Sie versuchte so zu tun, als habe die Vergewaltigung einfach nicht stattgefunden.

Im Frühling 2019 habe sie dann eine Therapeutin aufgesucht, sagt Diaz der Zeitung weiter. Von der Vergewaltigung habe sie der Person aber erst erzählt, nachdem sie Vertrauen gefasst hatte. Dann sei vieles besser geworden. An einem Sommerabend sei es dann aus ihr herausgebrochen – «alle Tränen, die ich bis dahin zurückgehalten habe, flossen aus mir raus.» Das habe ihr beim Heilungsprozess geholfen. Dieser sei aber noch nicht abgeschlossen.

Diaz hofft auf Anpassung des Gesetzes

Das Sexualstrafrecht in der Schweiz empfindet sie als «absurd». Laut ihrer Aussage gelte ihr Fall hierzulande nicht als Vergewaltigung. Diaz will weiter über das Thema sprechen und anderen Menschen Mut machen. Sie hofft, dass das Gesetz überarbeitet und angepasst wird.

Vergewaltigungsopfer brechen ihr Schweigen.
Vergewaltigungs-Opfer brechen ihr Schweigen

Auf die Frage, ob sie dem Mann, der sie vergewaltigt habe, noch einmal begegnet sei, wollte die Lehrerin keine Antwort geben. Neben ihrer Tätigkeit als Pädagogin ist Diaz bekannt als Body-Positivity-Star. 2018 wurde sie deshalb für den Prix Courage nominiert.

(dmo)