Winterthurer Export

09. Mai 2014 05:56; Akt: 09.05.2014 10:24 Print

Diese Bilder erzielen Klicks bis nach Dubai

von Lea Blum - Die Fotos von John Wilhelm begeistern die Internet-Community. Seine Montagen bringen den Winterthurer allerdings manchmal um den Schlaf, denn tagsüber hat der Job Vorrang.

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Als «Photoholic» bezeichnet sich John Wilhelm. «Ich komme aus einer Foto-Familie und wurde schon früh mit der Fotografie konfrontiert», sagt der 43-Jährige. Vor drei Jahren entdeckte der Winterthurer seine Leidenschaft, durch das Zusammenführen mehrerer Einzelbilder ein neues Bild zu schaffen. Composing nennt man dieses Vorgehen: Bildelemente freistellen, in ein neues Bild einfügen, retouchieren und anpassen. Dabei spielen Farbanpassungen, Lichtelemente und Filtertools eine wichtige Rolle. «Meine Freundin sagt, ich sei davon besessen», meint Wilhem und lacht. Der Autodidakt hat sich das Handwerk mit Tutorials seiner Vorbilder Calvin Hollywood und Uli Staiger selbst beigebracht.

Seine wichtigsten Werkzeuge: Kamera und Photoshop. Sein Lieblingssujet: die drei Töchter Lou (5), Mila (2) und Yuna (7 Monate). Ob als Rotkäppchen mit einem Wolf im Wald, ob in flagranti beim Naschen erwischt oder ob mit übelriechender Windel auf dem Wickeltisch – bei allen Gelegenheiten drückt Wilhelm auf den Auslöser.

«Die Kinder werden nicht gezwungen»

«Oft erzähle ich den Kleinen dazu eine Geschichte und meist kann ich sie so für ein Foto begeistern», erklärt Wilhelm die Bereitschaft der Kinder, als Fotomodell herzuhalten. «Und sonst kommen eben Süssigkeiten ins Spiel», fügt er mit einem Augenzwinkern an. Gezwungen würden die Mädchen keinesfalls. «Wenn man eine gesunde emotionale Beziehung zu seinen Kindern hat, spüren diese, wenn sie einem eine Freude machen können und tun dies freiwillig.» Mehr als zwei bis drei Minuten lassen sie sich aber nicht entbehren.

An Ideen fehlt es dem 43-Jährigen nicht – im Gegenteil: «Ich habe so viele Ideen – meistens kommen sie mir im Alltag –, doch die Zeit, sie umzusetzen, habe ich wegen meines Jobs leider nicht immer.» Wilhelm übt seine kreative Leidenschaft meist erst nach 22 Uhr aus. Tagsüber hat sein Job Vorrang: Er arbeitet als IT-Leiter an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Fotografie und Composing sind für ihn nur ein Hobby. Leben kann er davon nicht.

Lokal weniger bekannt als global

Obwohl er die Bilder mehrheitlich online zeigt, durfte er schon verschiedene Ausstellungen ergänzen. «Eines meiner Highlights war letztes Jahr die Verleihung des Docma Awards.» Der Sonderpreis des laut Wilhelm namhaftesten Fotomagazins Deutschlands war für ihn eine grosse Ehre. In der Schweiz habe er auch schon an der Photo 09 und Photo 13 ausstellen dürfen. «Es ist schon sehr spannend zu sehen, wie die Leute beim Anblick meiner Werke reagieren», sagt er. Trotzdem plant er keine eigene Vernissage. «Bei einer Ausstellung werden die Fotos vielleicht von 1000 Leuten betrachtet – online generiert ein Bild bis zu 100'000 Views.»

«Es ist fast etwas erschreckend, wie viele Leute aus den verschiedensten Ländern auf mich aufmerksam werden.» Am meisten überrasche ihn, dass ihn auch Menschen aus arabischen Ländern entdecken. Er wurde beispielsweise angefragt, ob er in Dubai einen Workshop abhalten würde. Auch vom amerikanischen TV-Sender NBC und von Personen aus Skandinavien hat er Anfragen erhalten. «Es ist schon erstaunlich, dass ich an meinem Wohnort in Winterthur weniger bekannt bin als im Rest der Welt.»