Zürich

06. September 2019 07:59; Akt: 06.09.2019 09:08 Print

Entlarvt Graffiti-Tram die 30 Polizisten-Angreifer?

von Jennifer Furer - Im Internet posten Linksautonome Bilder eines verschmierten Trams. Es ist jenes, das zur Eskalation zwischen Polizisten und Vermummten geführt hat.

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Bisher war unklar, wer am Samstagabend Polizisten mit Gegenständen, unter anderem mit Flaschen und Feuerwerkskörpern, beworfen hat. Die Rede war von rund 30 Vermummten, die die Polizisten angegriffen hätten, weil sie eine Person hätten festnehmen wollen. Zuvor soll diese ein Tram der Linie 3 versprayt haben.

Der Stadtzürcher SVP-Nationalrat Mauro Tuena sagte: «Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei den Vermummten abermals um Chaoten des besetzten Koch-Areals handelt.» Die Haltestelle Siemens, wo das Tram beschmiert wurde, befindet sich in unmittelbarer Nähe des besetzten Gebäudes. Der Verdacht liess sich nicht erhärten. Nathan Donno, Co-Präsident der Juso der Stadt Zürich, fand: «Tuena soll aufhören, Feindbilder zu schaffen, und die Ermittlungsergebnisse abwarten.»

Polizisten haben Anrecht auf Rückendeckung

Jetzt haben aber linksautonome Gruppierungen wie die Revolutionäre Jugend Zürich und die Antifa Bilder des verschmierten Trams der Linie 3 auf Facebook und Tumblr geteilt. Dazu schreiben sie: «Antifaschistische Kunst aus Zürich und Umgebung.»

Für Mauro Tuena ein eindeutiger Beweis, dass die Polizisten-Angreifer aus dem Umfeld des seit 2014 besetzten Koch-Areals stammen. «Ich bin stinksauer. Muss es zuerst tote Polizisten geben, bis die Politik handelt? Genügen verletzte Polizisten nicht? Es wird Zeit, dass der rot-grüne Stadtrat endlich aufhört, die Augen vor der Realität zu verschliessen: Das Koch-Areal muss endlich geräumt werden.» Es könne nicht sein, dass die Politik das Wohl von Hausbesetzern höher gewichte als jenes der Polizisten.

Tuena sagt weiter: «Polizisten machen in einem gefährlichen Umfeld einen unglaublich schwierigen Job. Sie haben ein Anrecht auf Rückendeckung der Politik.» Das sei man ihnen schuldig.

«Eine Räumung wäre völlig unverhältnismässig»

Mathias Ninck, Leiter Kommunikation des Sicherheitsdepartements der Stadt Zürich, lässt die Vorwürfe nicht gelten. «Die Gesundheit und das Wohl der Polizistinnen und Polizisten ist ein sehr hohes Gut, das die Politik mit allen Mitteln schützt.» Leider würden Beamte immer wieder angegriffen, und nicht immer gelinge es, die Täter zu verhaften.

«Dies hat grundsätzlich nichts mit dem Koch-Areal zu tun», so Ninck. «Eine Tat ist nicht direkt dem Umfeld eines Täters geschuldet, sondern zuerst einmal dem Täter.» Eine Räumung des besetzten Areals werde deshalb nicht in Betracht gezogen. «Eine Räumung hätte zur Folge, dass das Areal umgehend wieder besetzt würde. Und alles würde sich wiederholen.»

Ninck sagt: «Es käme zu dem aufreibenden Katz-Maus-Spiel zwischen Besetzern und Polizei mit Strassenschlachten und Verletzten, das die Stadt Zürich in den Achtzigerjahren mehrfach erlebt hat und das sich vermutlich nicht einmal Herr Tuena zurückwünscht.» Zudem funktioniere die Besetzung des Koch-Areals inzwischen gut, es gebe wenig Probleme. «Eine Räumung wäre völlig unverhältnismässig.»

Niemand verhaftet

Die Juso Stadt Zürich möchten sich nicht mehr gross zum Thema äussern. In einem Mail heisst es: «Wir können nicht beurteilen, was am Samstagabend genau vorgefallen ist. Wir verurteilen Gewalt grundsätzlich und bedauern, dass es am Samstag zu Ausschreitungen gekommen ist.»

Noch ist im Zusammenhang mit dem Angriff auf die Polizisten niemand festgenommen worden. Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei Zürich, sagt: «Die polizeilichen Ermittlungen zur Täterschaft laufen.» Auch zu den Verletzungen der Polizisten lägen noch keine genauen Befunden vor.

Die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich haben nach dem Vorfall Anzeige eingereicht. Das Tram musste gereinigt werden. Die Kosten dafür beliefen sich auf rund 1000 Franken. «Das Tram der Linie 3 verkehrte nach dem Vorfall lediglich noch bis zum Klusplatz. Daraufhin fuhr es ins Depot Kalkbreite und wurde gründlich gereinigt», sagt VBZ-Sprecher Oliver Obergfell. Als keinerlei Spuren vom Vorfall mehr sichtbar waren, sei das Tram wieder eingesetzt worden.