Taschen-Diebstahl

09. Mai 2012 17:24; Akt: 09.05.2012 17:32 Print

Erst umarmt, dann getreten und beklaut

von Attila Szenogrady - Ein gewitzter Taschendieb hat in Winterthur einen Mann mit einem Trick um sein Portemonnaie gebracht. Am Dienstag beteuerte der Nordafrikaner vergeblich seine Unschuld: sieben Monate Knast.

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Der heute 24-jährige Asylbewerber aus Tunesien hinterliess vor Obergericht schon von Beginn weg einen denkbar schlechten Eindruck. So wurde er als Gefangener von einer Polizeieskorte vor die Schranken geführt. Grund dafür: Es laufen bereits neue Strafverfahren gegen den heute in der Westschweiz inhaftierten Beschuldigten. «Das sind meine Probleme», antwortete er trotzig auf die richterliche Frage nach den jüngsten Delikten.

Auch zum eingeklagten Diebstahl beim Bahnhof Winterthur zeigte sich der an Krücken gehende Mann – er sei im Gefängnis umgefallen - schlecht gelaunt und unwirsch. Den Geschädigten bezeichnete er als Trunkenbold, der alle falsch beschuldigen würde.

Der Vorwurf der Anklage ging auf den 12. Januar 2011 zurück. Damals hielt sich der Nordafrikaner zusammen mit einem Landsmann am Bahnhof Winterthur auf. Kurz nach 23 Uhr sprachen die beiden Männer einen heute 24-jährigen Schweizer aus der Region Winterthur an und baten ihn um eine Zigarette. Als der Gefragte einen Glimmstängel überreichte, zeigte sich der Beschuldigte zunächst dankbar, indem er den Spender herzlich umarmte. Doch dann trat er dem völlig überraschten Geschädigten plötzlich gegen das Schienbein und entwendete dem abgelenkten Opfer sein Portemonnaie.

Kurz darauf erwischt

Da der Bestohlene kurz darauf bemerkte, dass sein Portemonnaie verschwunden war, nahm er sogleich die Verfolgung des Duos auf. Noch auf einem Perron konnte er den Beschuldigten stellen. Allerdings setzte sich dieser heftig zur Wehr und versetzte dem Passanten einen Faustschlag ins Gesicht. Dann flüchtete der Langfinger in Richtung des Warenhauses Manor, wo er aber kurz darauf von der Polizei festgenommen wurde. Zum Ärger des Geschädigten war die Beute aber bereits verschwunden.

Vor Obergericht stellte der Angeklagte die Täterschaft in Abrede, beteuerte seine Unschuld und machte eine Verwechslung geltend. Gegen ihn sprach aber die Tatsache, dass er nur einen Tag vor dem Winterthurer Vorfall bereits in Zürich einen Trickdiebstahl versucht hatte. Nota bene lediglich einen Tag nach einer Verurteilung wegen Hehlerei. Dabei bat er am Central einen Fussgänger um eine Zigarette, trat diesen gegen das Knie und riss ihm die Geldbörse aus der Gesässtasche. Das Opfer ging zum Gegenangriff über und konnte sein Eigentum retten. Kurz darauf erschien die Polizei, wonach der Taschendieb in diesem Fall ein Geständnis ablegte.

Sieben Monate Gefängnis

Bereits am Bezirksgericht Winterthur kam es im Mai 2011 zu Schuldsprüchen. Der vorbestrafte Nordafrikaner wurde wegen mehrfachen Diebstahls sowie Tätlichkeiten zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von zehn Monaten verurteilt.

Die Verteidigung legte Berufung ein, verlangte gestern einen Teilfreispruch sowie eine massive Strafsenkung auf noch zwei Monate Freiheitsentzug.

Doch auch das Obergericht zeigte sich von der umfassenden Schuld des Taschendiebes überzeugt. Der Gerichtsvorsitzende Christoph Spiess sprach von derselben Masche und glaubhaften Darstellungen des Winterthurer Opfers. Auch für das von der Verteidigung geltend gemachte Fehlen des Portemonnaies fanden die Oberrichter eine logische Erklärung. «Der Beschuldigte hatte nach dem Diebstahl genug Zeit, das Portemonnaie zu leeren und in einem Container zu entsorgen», sagte Spiess.

Aus rechtlichen Gründen – Verbot einer Gesamtstrafe – senkte das Obergericht die erstinstanzliche Freiheitsstrafe auf sieben Monate. Dafür widerrief es eine ehemals bedingte Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu 30 Franken. Der Beschuldigte nahm das Verdikt sichtlich entrüstet mit Zwischenrufen entgegen. Worauf ihm Spiess antwortete, seine Kommentare dem Bundesgericht mitteilen zu können.