Wädenswil ZH

06. Dezember 2011 08:01; Akt: 05.12.2011 19:35 Print

Es war doch keine Schändung

von Attila Szenogrady - Laut Anklage hat ein 17-jähriger Lehrling ein angetrunkenes, 14-jähriges Mädchen in einem Park in Wädenswil sexuell geschändet. Dies sei nicht zu beweisen, befand nun das Obergericht.

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Es war am 15. Mai 2009, als in Wädenswil ein Schülerkonzert viele Jugendliche anlockte. Auch ein damals 14-jähriges Mädchen, das nach dem Anlass noch nicht nach Hause wollte. Im Gegenteil: Laut Obergericht begab sich die spätere Geschädigte mit einer Kollegin zum Schulhaus, wo sie eine bereits angebrochene Flasche Alkohol vorfanden und austranken. Die benebelte Schülerin begab sich kurz darauf in einen nahen Park, wo sie auf mehrere Jugendliche traf, sich ausziehen liess und mit ihnen den Oralverkehr ausübte.

Strafanzeige nach zwei Wochen

Unbestritten ist, dass einer der jungen Männer noch weiter ging. Er vollzog mit der betrunkenen Minderjährigen auch noch den Geschlechtsverkehr. Ohne Drohung oder Gewaltanwendung. Dennoch erlebte der damals 17-jährige Lehrling zwei Wochen später eine böse Überraschung. Aufgrund einer Strafanzeige der Schülerin wurde er von der Jugendanwaltschaft für 13 Tage in Untersuchungshaft genommen. Nach anfänglichem Leugnen gab der Beschuldigte die sexuellen Handlungen zwar zu, machte aber geltend, dass die Schülerin allenfalls betrunken, jedoch nicht willenlos gewesen sei.

Schuldspruch in Horgen

Die Horgner Behörden sahen es anders. Gemäss ihrer Auffassung sei die junge Frau aufgrund ihrer Alkoholisierung und zeitweiser Bewusstlosigkeit gar nicht in der Lage gewesen, sich zu entscheiden, ob sie alle diese sexuellen Handlungen wolle. Im Dezember 2010 kam das Jugendgericht Horgen wegen Schändung zu einem Schuldspruch und bestrafte den heute 19-jährigen Lehrling mit einer bedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Zudem ordnete das Gericht eine ambulante Behandlung an und verpflichtete ihn, der Geschädigten ein Schmerzensgeld von 3000 Franken zu entrichten.

Wende am Obergericht

Der Beschuldigte legte Berufung ein, gelangte am letzten Freitag vor das Zürcher Obergericht und forderte einen vollen Freispruch. Diesmal mit Erfolg. Da die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatte, informierte das Obergericht die Medien am Montag in der Form einer Pressemitteilung. Daraus geht hervor, dass der Jugendliche vom Vorwurf der Schändung freigesprochen wurde. Damit muss der junge Mann weder Gerichtskosten noch eine Genugtuung für das Opfer bezahlen. Hingegen erhält der Lehrling für die erlittene Haft eine Entschädigung von 3000 Franken.

Bewusstseinsverlust nicht bewiesen

Laut Obergericht lag in diesem Fall eine erschwerte Beweisführung vor. Schon alleine durch die Tatsache, dass der Vorfall erst zwei Wochen später vom Opfer angezeigt worden war. Womit sich das Ausmass der Alkoholisierung der Geschädigten nur vage habe abschätzen lassen. Es sei auch nicht bewiesen, dass diese jemals das Bewusstsein verloren habe, bevor es zum Geschlechtsverkehr gekommen sei, steht in der Mitteilung. «Die Schilderung des Vorfalls durch die junge Frau selber liess erhebliche Zweifel daran aufkommen, ob sie während des Vorfalls tatsächlich zum Widerstand unfähig war», lautete die zentrale Begründung für den Freispruch. Ihre Aussagen seien nicht frei von erheblichen Widersprüchen gewesen, hiess es weiter. Die Aussagen von weiteren Beteiligten hätten erhebliche Zweifel an der völligen Urteilsunfähigkeit der Schülerin hinterlassen. Demnach habe sie sich sogar aktiv und verbal aggressiv an den sexuellen Handlungen beteiligt. Der Horgner Schuldspruch lasse sich deshalb mit dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ nicht vereinbaren, erklärte das Obergericht zum Schluss.