Spreitenbach

05. März 2019 11:53; Akt: 05.03.2019 11:53 Print

«Das ist schlicht ein Machogehabe»

Machokultur, tiefes Schulniveau und problematischer Medienkonsum: So erklärt Soziologe Denis Ribeaud die Massenschlägerei von Spreitenbach.

In Spreitenbach kam es am 2. März 2019 zu einer wüsten Schlägerei.
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Herr Ribeaud, am Wochenende sind in Spreitenbach Jugendliche aneinandergeraten, auch ein Messer wurde eingesetzt. Hat Sie das überrascht?
Nicht unbedingt. Gewaltereignisse unter Jugendliche kommen immer wieder vor. Ab und zu sind auch Waffen im Spiel. Das geschieht glücklicherweise eher selten.

Die Auseinandersetzung hat sich im Limmattal, einer Agglo-Region der Kantone Zürich und Aargau, abgespielt. Ist das Zufall?
Das Limmattal gehört zu den sozial eher benachteiligten Regionen des Kantons Zürich und weist einen vergleichsweise hohen Anteil Jugendlicher mit Migrationshintergrund auf. In dieser Gruppe finden sich häufig mehr Risikofaktoren für die Ausübung von Gewalt – etwa ein vergleichsweise tiefes Schulniveau, ein problematischer Medienkonsum, gewaltbereite Einstellungen und machohaftes Verhalten. Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Regionen gar nicht so ausgeprägt.

Welche Rolle spielt der Migrationshintergrund?
Männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund fallen häufiger durch Gewaltverhalten auf. Einer der wichtigsten Risikofaktoren, der diesen Unterschied erklärt, sind sogenannte «Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen». Im Alltag nennt man das schlicht «Machogehabe».

Welche Rolle spielen die Eltern?
Sie vermitteln oft patriarchalisch geprägte Werthaltungen. Eine mindestens so wichtige Rolle spielt meines Erachtens der Medienkonsum. Ich meine damit die Welt von Porno und Rap sowie gewalthaltige Computergames. Auch in dieser Beziehung gibt es grosse Unterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund.

Offenbar ging es beim Konflikt um die Frage, ob Dietikon oder Spreitenbach der «krassere» Ort ist. Überrascht es Sie, dass solche banalen Konflikte zu einer Eskalation führen können?
Es ist schwer zu sagen, was genau der Anlass war. In der Pubertät spielt die Identitätsfindung eine zentrale Rolle. Dazu gehört auch, zu den «coolsten» oder «krassesten» gehören zu wollen – insbesondere wenn die Identifikationsfiguren in der eigenen sozialen Umwelt und in den konsumierten Medien den «harten Macho» als Ideal vorgeben.

Involviert waren 15- bis 16-Jährige. Sind Jugendliche in diesem Alter besonders häufig gewalttätig?
Schaut man sich aggressives Verhalten über das gesamte Leben an, wird das Maximum an Aggression bereits im Alter von drei bis vier Jahren erreicht. Danach geht die Kurve nach unten und erreicht während der Pubertät – im Alter von 15 bis 16 Jahren – erneut ein Zwischenhoch.

Wieso?
Die Ursachen für dieses Zwischenhoch sind vielfältig: Umstellung des Hormonhaushalts, ausserordentliche Bedeutung der Freundesgruppe beim Finden der eigenen Identität und damit verbunden Phänomene wie Gruppendruck. Die können zu Gewaltverhalten führen und zu zunehmendem Konsum, zum Beispiel von Drogen, oder zu problematischem Konsum pornografischer Inhalte oder gewalthaltiger Medien.

(ehs)