«Fall Bonstetten»

01. Februar 2011 09:00; Akt: 01.02.2011 15:57 Print

Fatale Solidarität mit dem Kindsmörder

Wie kam es dazu, dass ein Vater 2010 in einem Winterthurer Hotel seinen Sohn Florian umbrachte? Ein Gutachten wirft den Behörden schwere Fehler vor. Die Gemeinde findet dies «inakzeptabel».

Regierungsrat Markus Notter erklärt die wichtigsten Ergebnisse des Gutachtens über den Fall Bonstetten (Keystone, 1.2.2011)
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Ein Gutachter hat ausgeleuchtet, wie es dazu kommen konnte, dass ein Vater im Februar 2010 in einem Winterthurer Hotelzimmer seinen eigenen Sohn tötete. Der Experte kommt zum Schluss, dass die Vormundschaftsbehörde Bonstetten ZH von Anfang an Fehler machte.

Das 40-seitige Gutachen, das von der Zürcher Justizdirektion in Auftrag gegeben wurde, erteilt der Bonstetter Vormundschaftsbehörde schlechte Noten: Seit Beginn des Mandates sei der Fall falsch aufgegleist gewesen, schreibt der Gutachter in seinem am Dienstag veröffentlichten Bericht.

Die Behördenmitglieder hätten sich mit dem heute 61-jährigen Vater, einem Treuhänder, vorbehaltlos solidarisiert. Die Mutter des Knaben, die heute 36-jährige Brasilianerin Marciana G., sei von Anfang an in eine Nebenrolle gedrängt worden - wohl nicht zuletzt wegen ihrer angeblichen Tätigkeit als illegale Prostituierte. Von Beginn der Familienstreitigkeiten an sei das Schweizer Umfeld des Vaters als «das Bessere» betrachtet worden.

Risiko wurde nicht abgeklärt

Was die Behörde damals noch nicht wusste: Der treusorgende Schweizer Vater, dem die Obhut für den kleinen Bub übertragen wurde, versuchte einige Jahre vorher seinen Sohn aus erster Ehe zu erschlagen und in eine Schlucht zu stossen - aus Rache an seiner Ex- Frau. Seither ist dieser gehbehindert und leidet unter Sprachstörungen.

Als die Behördenmitglieder davon aus einem Zeitungsartikel erfuhren, handelten sie zwar und platzierten den Knaben sofort bei einer Pflegefamilie. Ein Jahr und unzählige Emails, Mediationssitzungen und Gespräche später wohnte der Bub aber wieder bei seinem Vater.

Eine Risikobeurteilung hätte sich wegen dieses hochproblematischen Vorlebens aufgedrängt, schreibt der Gutachter. Diese sei aber nicht gemacht worden. Der Knabe wurde zwar in einer Pflegefamilie platziert, ein gutes Jahr später kam er aber wieder in die Obhut des Vaters.

Im Februar 2010 brachte der von Verlustängsten geplagte Mann seinen Sohn in einem Hotelzimmer um. Wie aus E-Mails hervorgeht, die im Gutachten abgedruckt sind, fürchtete er, dass die Mutter mit dem Knaben nach Brasilien abreisen wollte.

«Zu oft das Falsche gemacht»

Man könne der Vormundschaftsbehörde nicht vorwerfen, sie habe weggeschaut, schreibt der Gutachter. Im Gegenteil. Es sei viel, aber oft das Falsche gemacht worden. Statt ein Risikogutachten einzuholen, seien beispielsweise gebetsmühlenartig Einladungen zu Mediationen ausgeprochen worden.

Der Bericht hält fest, dass die Laienbehörde mit diesem Fall schlicht überfordert war. Katastrophenpotenzial zu erkennen, sei für Nicht-Fachleute schwierig.

Als Konsequenz aus dem «Fall Bonstetten» müssen Zürcher Vormundschaftsbehörden künftig immer ein Risikogutachten einholen, sofern ein Elternteil früher einmal wegen Delikten gegen Leib und Leben verurteilt wurde.

Professionalisierte Behörde

Per 2013 werden die Vormundschaftsbehörden zudem in der ganzen Schweiz professionalisiert. Neu sollen nur noch Personen darin Einsitz nehmen, die über einen Abschluss in Recht, Sozialer Arbeit oder Psychologie und Pädagogik verfügen.

So soll sichergestellt werden, dass die Behördenmitglieder genügend Distanz zu ihren Fällen haben und sich nicht mit einzelnen Akteuren solidarisieren - was im vorliegenden Fall tödlich endete.

Reaktion der Gemeinde bleibt nicht aus

Der Gemeinderat von Bonstetten ZH bezeichnet ein Gutachten der Zürcher Justizdirektion als «inakzeptabel».

Das Gutachten sei «ein Musterbeispiel für eine verfehlte, in keiner Weise hilfreiche Form» für die Bewältigung des Falls, wird Charles Höhn, Gemeindepräsident von Bonstetten, in einer Medienmitteilung der Gemeinde vom Dienstag zitiert.

Der Rechtsvertreter der Gemeinde weist insbesondere auf vier Mängel des Gutachtens hin. Dieses beziehe nicht alle Akten ein. Zudem blende es wichtige Umstände aus.

Des Weiteren beruhten die Forderungen des Experten nicht auf einer «klaren, nachvollziehbaren und überprüfbaren Darstellung der Fakten». Zudem seien die Vorschläge des Experten «emotional gefärbt». Sie trügen deshalb nichts zu einer Lösung des Falles bei.

Strafuntersuchung gegen Bonstetter Gemeindepräsidenten

Für den Bonstetter Gemeindepräsidenten Charles Höhn hat der «Fall Bonstetten» ein rechtliches Nachspiel: Gegen ihn wird eine Strafuntersuchung wegen fahrlässiger Tötung geführt. Der Staatsanwalt habe ihm mitgeteilt, dass er in die Untersuchung einbezogen werde, sagte Höhn am Dienstag an einer Pressekonferenz.

Die Untersuchung betreffe nur seine Person und nicht die Gemeinde Bonstetten, sagte er weiter. Es sei aber noch eine zweite Person in die Untersuchung involviert. Um wen es sich handelt, wollte Höhn nicht bekannt geben.

Bemühungen anerkannt

Im Übrigen begrüsse die Gemeinde, dass die Zürcher Justizdirektion die Vormundschaftsbehörden umstrukturieren will. Die Gemeinde Bonstetten sei dankbar, wenn sie von der Justizdirektion klare Anweisungen für den Umgang mit schwierigen Fällen im Sozialwesen erhalte, schreibt die Behörde.

Anwalt der Mutter begrüsst Gutachten

Der Anwalt der Mutter des getöteten Knaben ist mit dem Gutachten der Zürcher Justizdirektion teilweise zufrieden. Es bestätige weitestgehend die Vorwürfe, welche die 36-jährige Brasilianerin gegen die Vormundschaftsbehörde Bonstetten erhebe.

Alles, was von der Mutter gekommen sei und für sie gesprochen habe, sei nach Möglichkeit ausgeblendet worden, schreibt ihr Anwalt Burkard Wolf in einer Mitteilung. Die Behörde habe sich vom Vater völlig vereinnahmen lassen.

Unzufrieden ist der Anwalt jedoch mit der Stellungnahme der Justizdirektion, gemäss der die Vormundschaftsbehörde «immer umgehend gehandelt» habe. «Die Behörde hat immer dann gehandelt, wenn der Kindsvater etwas wünschte.» Wenn die Mutter Anträge gestellt habe, seien diese nie gehört worden.

Mutter ist krankgeschrieben

Die Mutter des im Februar 2010 getöteten Knaben befindet sich momentan in Portugal in den Ferien und wird kommende Woche in die Schweiz zurückkehren. Seit dem Tod ihres Sohnes wird sie psychologisch betreut. Zur Zeit ist sie krankgeschrieben.

Für ihren Aufenthalt in der Schweiz hat sie eine Aufenthaltsbewilligung, die gemäss Wolf wohl auch in diesem Jahr verlängert wird, weil sich keine wesentlichen Änderungen zu ausländerrechtlichen Voraussetzungen ergeben hätten.

(kub/sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans Ruedi Peter am 01.02.2011 15:06 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist Rassismus! - Das tut weh!

    Wenn ich die Berichte lesse, man erkennt sofort das es ein Rassismusfall ohne Zweifell ist. In X Fällen wird in der Schweiz aufgrund der Herkunft - zwischen weiss und schwarz - zwischen (echte)-SchweizerInn und AusländerInn entschieden. Und immer zugunsten der echte SchweizerInn so wie auch bei diesem Fall. Rechte der Stärkeren. Fazit diese Ereignis: Aber lieber dafür das Vorgehen als Fehlerentscheidung einstufen und im Kauf zu nehmen als zuzugeben das Rassismus dahinten verbergt und ist. Der Preis dafür Florians Leben. Auch es ist sehr bekannt das viele Schweizer Männer übers Internet aus dem

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  • Katie am 01.02.2011 09:48 Report Diesen Beitrag melden

    Studierte

    Studiert heisst nicht gleich besser!!

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  • marian am 01.02.2011 10:13 Report Diesen Beitrag melden

    Die Dinge beim Namen nennen...

    Ein klarer Fall von Rassismus!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Beobachter am 02.02.2011 07:39 Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch, auch die Reaktion Bonstettens

    Es ist anscheinend wichtig die 'Behörden' zu kontrollieren. Die Selbstherrlichkeit von Behörden hat sicher schon manche/r erlebt. Nur ist es 'im Dorf' sehr schwierig dagegen etwas zu unternhemen. 'Das sind doch rechtschaffene Leute, oder?'

  • B. Kerzenmacher am 01.02.2011 20:28 Report Diesen Beitrag melden

    Eingestehen angesagt

    Welche jetzt gross Schreien sind jenige welche bei frühzeitigem Einschreiten von Behördenwillkür schwafeln. Man sollte sich endlich damit abfinden dass niemand Perfekt ist. Aber das einzugestehen nagt halt bei einigen offenbar heftig am Selbstwertgefühl. Das verhindert zwar keine Opfer, beruhigt aber ungemein.

    • jasmin am 02.02.2011 06:47 Report Diesen Beitrag melden

      inkompeten nenn ich das

      schön das sie B.KERZENMACHER; inkompetent für nicht perfekt halten ist zwar eine sehr grosser unterschied aber was solls sie sehen es als nicht perfekt an und wir nennen es inkompetent.

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  • Kurt Müller am 01.02.2011 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Vorbestrafte Väter

    erhalten das Sorgerecht, so geschehen in diesen Tagen in Siebenen / Galgenen unter dem Segen der Vormundschaft !

  • Hans Ruedi Peter am 01.02.2011 15:06 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist Rassismus! - Das tut weh!

    Wenn ich die Berichte lesse, man erkennt sofort das es ein Rassismusfall ohne Zweifell ist. In X Fällen wird in der Schweiz aufgrund der Herkunft - zwischen weiss und schwarz - zwischen (echte)-SchweizerInn und AusländerInn entschieden. Und immer zugunsten der echte SchweizerInn so wie auch bei diesem Fall. Rechte der Stärkeren. Fazit diese Ereignis: Aber lieber dafür das Vorgehen als Fehlerentscheidung einstufen und im Kauf zu nehmen als zuzugeben das Rassismus dahinten verbergt und ist. Der Preis dafür Florians Leben. Auch es ist sehr bekannt das viele Schweizer Männer übers Internet aus dem

    • Hans Ruedi Peter am 03.02.2011 01:30 Report Diesen Beitrag melden

      Es ist Rassismus! - Das tut weh!

      Ausland Frauen bestellen-(wie als würde man beim einkaufen). Oder sie gehen persönlich im ..Ausland in den Ferien hin, dann holen sie die dunkelhäutige ausländische Frauen (solche die gar keine Schulbildung haben oder höchstens das ABC und die Zahlen 1 7 kennen) und heiraten Sie. Ihre Kinder Jungen und Mädchen im Kinder und Jugendalter sexuell zu misshandeln gehört zur Alltag und Selbstverständlichkeit oder ist ein Muss.

    • Hans Ruedi Peter am 03.02.2011 01:32 Report Diesen Beitrag melden

      Es ist Rassismus! - Das tut weh!

      ..Die arme Mutter darf nicht sagen weil sie angedroht wird, sie verliert den Aufenthalt. Und wenn die Mutter eine Buddha Gläuberin ist dann ist sie Glücklich weil der Buddha für sie und Ihre Kinder so bestumen hat. Die Kinder können sich nicht wehren, betrachten dies zur Lebensgewohnheit weil sie auf diese Realität aufwachsen und der Vater ist ein Stolzer, glücklicher, sorgliche, brave, anständige, humane Schweizer.

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  • Thomas am 01.02.2011 13:33 Report Diesen Beitrag melden

    Unfassbare Unfähigkeit der Gemeinde Bonstetten

    Dass es soweit kommen konnte, ist schon tragisch genug. Aber dass der Gemeinderat von Bonstetten jetzt noch die Unverschämtheit besitzt, sich nochmals derart negativ über das Gutachten zu äussern bringt die absurde, realitätsfremde Haltung dieser Politiker und dieser Behörde zum vorschein. Ich meine, der Vater hatte bereits seinen ersten Sohn umbringen wollen, damit wäre für jeden normalen Mensch klar gewesen, dass dieser Mann nie mehr Kontakt zu Kindern haben sollte!