Stromstoss tötet Hausfrau

30. Juni 2011 18:36; Akt: 01.07.2011 20:22 Print

Freispruch trotz tödlichem Baupfusch

von Attila Szenogrady - Wegen einem falsch verlegten Stromkabel ist in Dielsdorf eine italienische Hausfrau ums Leben gekommen. Trotz des offensichtlichen Baupfuschs sind alle Beschuldigten freigesprochen worden.

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«Wegen eines klaren Baupfuschs hat eine unschuldige Mutter das Leben verloren», erklärte der Geschädigtenvertreter Renzo Guzzi vor zwei Wochen vor dem Zürcher Obergericht. Doch nun soll niemand dafür verantwortlich sein, beschwerte er sich. Seine Befürchtungen haben sich nun bewahrheitet. In seinem am Donnerstag eröffneten Urteil haben die Oberrichter alle Angeklagten umfassend freigesprochen. Die Hinterbliebenen des Opfers gehen damit leer aus. Das Obergericht trat auf die Forderungen nach Schadenersatz und Genugtuung nicht einmal ein.

Tödlicher Pfusch

Das Unglück geschah am 10. Juli 2004. Damals wurden an der Gumpenwiesenstrasse in Dielsdorf die Fassaden von einigen Mehrfamilienhäusern saniert. Dabei wurde für die Versorgung der Baustelle ein Stromkabel verlegt. Dieses verlief von einem Oeltankraum aus durch einen Lichtschacht beim Gartensitzplatz des Opfers ins Freie.

Fatalerweise wurde das Kabel beschädigt und setzte die Gitterabdeckung beim Lichtschacht unter Strom. Mit tödlichen Folgen. Als die 69-jährige Mieterin an jenem Sommertag im Garten arbeitete, kam sie mit einem Maschendrahtzaun in den Händen mit dem Gitter in Berührung. Der starke Stromschlag verlief für sie tödlich.

Zuerst zwei Schuldsprüche

Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland leitete nach dem Unglück umfassende Ermittlungen ein und brachte am Bezirksgericht Dielsdorf sechs Personen der Baustelle wegen fahrlässiger Tötung auf die Anklagebank. Zwei davon wurden im letzten September für schuldig befunden und zu bedingten Geldstrafen verurteilt. Der Filialleiter der zuständigen Elektrofirma erhielt 90 Tagessätze zu 250 Franken. Der zuständige Elektrokontrolleur kassierte 120 Tagessätze zu 210 Franken. Beide Angeklagten wurden solidarisch verpflichtet, der Tochter der Geschädigten ein Schmerzensgeld von 20 000 Franken zu bezahlen, zudem eine Prozessentschädigung von über 16 000 Franken.

Nun alle unschuldig

Im kürzlich erfolgten Berufungsprozess verlangten die Verteidiger von vier Angeklagten erneut umfassende Freisprüche. Dabei schoben die Anwälte die Verantwortung für den Unfall jeweils auf andere Personen ab. Offenbar mit Erfolg. Mit den umfassenden Freisprüchen gelten nun alle Angeklagten als unschuldig. Nicht nur die beiden Elektro-Verantwortlichen, sondern auch der Architekt, ein Bauführer sowie zwei Gerüstebauer. Eine schriftliche Begründung für die Freisprüche liegt noch nicht vor.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heinrich Zimmermann am 30.06.2011 19:41 Report Diesen Beitrag melden

    Chaos-Justiz, Selbstbeschäftigung

    So geht das in der Justiz, das ist ein nicht endendes Trauerspiel. Am Schluss ist das Gericht zufrieden und kann sich dem nächsten Fall widmen. Zurück bleiben verstörte Menschen, die die Welt nicht begreifen können und das Gefühl, das Justiz nicht brauchbar ist und nur sich selbst beschäftigt. Und schon drängen die nächste Juristen-Generation, Studenten nach ihrem "Abschluss" zu den lukrativen "Märkten". Was mich wundert, dass die nachts gut schlafen können.

  • Rönz am 30.06.2011 20:43 Report Diesen Beitrag melden

    Unfall

    Fataler Unfall! Aber die Schuld kann und sollte man niemandem zuschieben. Der Staat oder eine Versicherung sollten könnte eine Entschädigung an die Hinterbliebenen bezahlen.

    einklappen einklappen
  • Franz W. Seibold am 03.07.2011 18:29 Report Diesen Beitrag melden

    Starkstrominspektorat mitverantwortlich

    Man könnte nur den schuldig sprechen, der dieses Kabel eingesteckt hatte. Nur wenn es sich dabei um einen Fachmann handelte kann man diesen zur Verantwortung ziehen, der Laie weiss es nicht besser. So müssten eigentlich sämmtliche Bauleute über die Elektrosicherheit auf Baustellen instruiert sein um jemanden zur Verantwortung ziehen zu können. Und das wurde schon seit der obligatorischen Einführung der FI-Schalter auf Baustellen als Tüpfelchen auf dem "i" verpasst. Warum sollen Bauarbeiter selbst Schadenersatz und Schmerzensgeld leisten? Für das gibt es die Versicherungen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Franz W. Seibold am 03.07.2011 18:29 Report Diesen Beitrag melden

    Starkstrominspektorat mitverantwortlich

    Man könnte nur den schuldig sprechen, der dieses Kabel eingesteckt hatte. Nur wenn es sich dabei um einen Fachmann handelte kann man diesen zur Verantwortung ziehen, der Laie weiss es nicht besser. So müssten eigentlich sämmtliche Bauleute über die Elektrosicherheit auf Baustellen instruiert sein um jemanden zur Verantwortung ziehen zu können. Und das wurde schon seit der obligatorischen Einführung der FI-Schalter auf Baustellen als Tüpfelchen auf dem "i" verpasst. Warum sollen Bauarbeiter selbst Schadenersatz und Schmerzensgeld leisten? Für das gibt es die Versicherungen.

  • Marc U am 03.07.2011 17:04 Report Diesen Beitrag melden

    Komisches Kabel

    Hmmm das Kabel für Provisorium haben spezielen Mantel den man nicht so leicht kaputt machen kann, ausserd mit einem extremscharfen Gegenstand, aber auch nur mit viel Kraft. Ich denke mal das Kabel war schon alt und wurde mit defekt verlegt..

  • Karlheinz W. am 01.07.2011 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    Justiz und Gerechtigkeit

    Wieder einmal ein schönes Schulbeispiel, dass Justiz und Gerichtsurteile nicht unbedingt etwas mit Gerechtigkeit zu tun haben müssen.

  • Nella Müller am 01.07.2011 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Kopfschütteln

    Unfassbar!

  • Herbini Meierhans am 01.07.2011 08:53 Report Diesen Beitrag melden

    Unbedingt weiterziehen

    Das ist schlicht unglaublich... Ich hoffe nur, dass die Betroffenen die Kraft haben das Skandalurteil an die nächste Instanz weiterzuziehen.