Desaster am Fyre Festival

30. Januar 2019 06:46; Akt: 30.01.2019 09:25 Print

Schweizer Insider packt auf Netflix aus

Der Zürcher Martin Howell war am Flop des Fyre Festivals auf den Bahamas beteiligt und ist in der Netflix-Doku zu sehen. 20 Minuten erzählt er seine Sicht.

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Im April 2017 hätte auf der Insel Great Exuma auf den Bahamas eines der spektakulärsten und luxuriösesten Festivals stattfinden sollen: das Fyre Festival. Top-Models wie Kendall Jenner, Hailey Bieber oder Emily Ratajkowski warben dafür. Rapper Ja Rule war Co-Veranstalter. Der Hype war riesig – es kam jedoch alles anders. Das Festival wurde zu einem Desaster, der 27-jährige Veranstalter Billy McFarland sitzt inzwischen im Gefängnis, und vor kurzem haben die Streamingdienste Netflix und Hulu je eine Dokumentation darüber veröffentlicht. Was nur wenige wissen: Mit Martin Howell (26) war auch ein gebürtiger Zürcher beim Fyre Festival involviert.

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Der Trailer zur FYRE-Dokumentation von Netflix.

Martin, du bist in der Netflix-Doku dabei. Welche Reaktionen erhälst du?
Ich habe in den ersten Tagen weit über 1000 Nachrichten und Anrufe aus der ganzen Welt erhalten. Ich konnte nicht mal von Sitzung zu Sitzung laufen in New York, ohne dass mich Unbekannte angesprochen haben. Laut Netflix ist es schon jetzt eine der meistgeschauten Dokus überhaupt.

Wieso hast du bei der Doku mitgemacht?
Mir ging es in erster Linie darum, den Leuten die wahre Geschichte zu zeigen, dass wir effektiv hart gearbeitet haben, dass ein Festival entsteht. Es waren engagierte und talentierte Leute im Team. Wir haben nicht nur ein Promovideo gemacht und dann das Geld für die Tickets eingesackt.

Du hast mit Billy McFarland vor mehreren Jahren die Firma Magnises gegründet, eine Art exklusiver Memberclub für Millennials. Ihr wart Geschäftspartner. Wie war er?
Als ich ihn kennen gelernt habe, war er ein Computernerd, der gut codieren konnte. Als sich Magnises etablierte, wollte er immer häufiger nur noch mit Rappern und Models abhängen und hat das Geschäft komplett aus den Augen verloren. Es ging nur noch um das persönliche Image.

Magnises wird in den Dokus ebenfalls als Betrugsfirma mit gefälschten Zahlen hingestellt. Wie gehst du damit um?
Magnises war in den ersten Jahren, in denen ich involviert war, ein erfolgreiches und sauberes Start-up. Es war ein Angebot für Millennials, das es bisher nicht gab. Wir hatten über 10’000 Member und expandierten nach Washington DC und San Francisco. Es ist extrem schade, dass die Firma durch Billys Aktivitäten nun so in den Dreck gezogen wird.

Du sprichst seine Aktivitäten an. Stimmt es, dass Magnises seinen Membern VIP-Karten für Events verkaufte, die gar nie existierten?
Ja. Zuerst hatten wir wirklich kleine Kontingente für exklusive Anlässe. Als Billy dann daraus eine betrügerische Einnahmequelle gemacht hat, konnte ich nicht mehr dahinterstehen und habe Magnises als operatives Mitglied verlassen. Dort wurde mir das erste Mal bewusst, dass die Barriere zur Illegalität für Billy nur ein Hindernis war und er kein Problem hatte, dieses zu überspringen.

«Wir hatten eine Offerte über 35 Millionen Dollar»

Was hast du dann gemacht?
Billy hat so eine Art, dass er dich immer wieder für Businessideen begeistern kann. Da ich das wusste, ging ich zuerst mal mit dem Rucksack auf Reisen nach Sibirien, in die Mongolei und nach China, um komplett davon wegzukommen.

Und trotzdem bist du ins Fyre Festival involviert worden?
Es war mein erster Tag nach meiner Rückkehr nach New York und schon rief mich Billy an. Er sagte, er habe eine neue Geschäftsidee mit Rapper Ja Rule und habe schon eine unterschriebene Offerte, dass, wenn alles funktioniere, wir Magnises für rund 35 Millionen Dollar verkaufen könnten. Da zehn Prozent davon mir gehörten, hatte ich die Wahl, ob ich für ein kurzes Projekt wieder mit Billy Geschäfte mache und meinen Anteil und den Anteil meiner Investoren in Magnises rette oder aus der Ferne zuschaue, wie das Projekt ohne mich ein Erfolg oder ein Flop wird.

Was war deine Rolle beim Fyre Festival?
Ich war hauptsächlich ein Berater, unterstützte das Management-Team und war für die Produktion und das Booking von der zweiten Bühne verantwortlich, wo es um elektronische Musik ging.

Im allerersten Promovideo mit Ja Rule, Bella Hadid, Kendall Jenner und Hailey Bieber bist du ja auch zu sehen. Hättest du zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass das so ein Desaster wird?
Das war wirklich absurd. Ich bin auf dieser paradiesischen Insel gelandet, hörte in weiter Ferne Musik und kam zu einer kleinen Hütte am Strand, wo Billy und Ja Rule mit Victoria-Secret-Models und einem Videoteam am Feiern waren. Natürlich kommt das einem alles irgendwie komisch vor, es hätte eigentlich darum gehen sollen, ein Festival zu planen. Aber wenn du in so einer Situation bist, willst du sie natürlich auch geniessen. Das sage ich ganz ehrlich.

«Die Marketingstrategie war aus meiner Sicht der grösste Fehler»

Hast du während der Planung nie daran gedacht, auszusteigen oder zu versuchen, Billy zur Vernunft bringen?
Doch, ich habe mir oft überlegt, auszusteigen, und versucht, Billy zur Vernunft zu bringen. Was die Leute nicht verstehen, ist, dass Billy der Einzige war, der die Übersicht über alles hatte. Wir hatten alle unsere Verantwortung, die wir wahrnehmen wollten. Aber klar, zwei Wochen vor dem Festival gab es beispielsweise ein Meeting, wo die meisten gesagt haben, dass wir das Festival absagen oder verschieben müssen. Für Billy war das aber keine Option.

Gab es überhaupt eine Möglichkeit, dass das Festival zustande kommt?
Definitiv. Billy sagt das in der Hulu-Doku sehr richtig. Es mussten im Vorfeld viele Sachen sehr, sehr gut laufen für uns, damit es schlussendlich ein solch beachteter Megafail wurde. Viele Sachen sind dann schiefgelaufen, und den Todesstoss gab uns dann der Sturm am Tag vor Festivalbeginn. Ich war über vier Monate immer wieder auf den Bahamas, und nicht ein einziges Mal hat es so geregnet wie an diesem Tag. Das war ein Zeichen von Gott.

Was waren die grössten Fehler, die gemacht wurden?
Aus meiner Sicht die Marketingstrategie. Die Marketingverantwortlichen und Billy haben ohne Not diese Scheinwelt mit Models und Luxusvillen auf einer Privatinsel erfunden und die Erwartungen derart hoch gesetzt. Man hätte es einfach als kleines Burning-Man-Festival am Meer verkaufen können – die grundlegende Infrastruktur gab es ja auf der Insel. Hinzu kommt die spontane Entscheidung von Billy, mitten in der Planung die Insel zu wechseln. Da fingen wir mittendrin nochmals von Null an.

Du warst selber beim Festival vor Ort. Wie hast du das erlebt?
Es war alles noch viel schlimmer als in der Doku. Ich musste den ersten Bus in Empfang nehmen, nachdem wir alle vier bis fünf Nächte nicht geschlafen hatten. Billy wollte nicht, dass sie direkt zum verwüsteten Festivalort gehen, also schickten wir die Gäste zu einem Restaurant am Meer. Dort haben sich dann alle so mit Alkohol zugeschüttet, dass die Reaktionen noch viel heftiger waren, als sie am Abend zum Festivalort kamen und realisierten, dass ihre Erwartungen nicht erfüllt worden waren. Ich werde diese chaotischen Zustände nie vergessen.

«Das FBI verkabelte Mitarbeiter, um unsere Meetings abzuhören»

Was passierte, als du zurück in New York warst?
Zuerst habe ich mal eine Woche mit niemandem geredet, sondern versucht, für mich herauszufinden, was ich jetzt machen muss und wie ich in eine solche Scheisssituation kommen konnte. Dann besuchte das FBI involvierte Personen zu Hause. Mitarbeiter wurden verkabelt, damit unsere Meetings abgehört werden konnten. Es ging schliesslich alles sehr schnell: Insgesamt gingen wegen des Festivals vier oder fünf Firmen pleite. Wir mussten von einem auf den anderen Tagen alle Leute entlassen.

Gegen die Verantwortlichen wurde eine 100-Millionen-Dollar-Klage eingereicht. Bist du dort involviert?
Nein, ich bin in keine rechtlichen oder strafrechtlichen Fälle involviert. Ich hatte auch nie mit dem FBI zu tun. Der Grossteil der Leute hat ja auch nichts Illegales getan. Klar geht das Fyre Festival als einer der grössten Fails in die Geschichte ein. Aber kläglich zu scheitern ist ja nicht illegal.

Hast du jetzt noch Kontakt mit Billy?
Er hat mich immer wieder angerufen und behauptet, dass er wisse, wie man aus diesem Misserfolg doch noch etwas Grosses machen könne. Er sitzt zurzeit im Gefängnis und glaubt immer noch, dass er das ins Positive drehen könne.

Wenn du jetzt zurückschaust, würdest du mit der Erkenntnis von heute nochmals Magnises mit Billy McFarland gründen und mit ihm eine Zusammenarbeit starten?
Klar, ich würde die Geschäftsbeziehung wieder eingehen – jedoch einiges anders machen, damit Billy nicht in den Grössenwahn abdriftet. So blöd es klingen mag für einige Personen: Ich habe aus dieser Zusammenarbeit auch viel gelernt, vor allem, dass sich der Schritt in die Illegalität niemals lohnt und ich Personen mit negativen Motiven besser durchschauen kann. Zudem ist meine Angst vor dem Scheitern nach so einem Erlebnis komplett weg. Ich konnte mit diesen Erfahrungen nun eine neue Firma gründen.

Hast du kein schlechtes Gewissen gegenüber den Leuten auf den Bahamas?
Klar habe ich das. Aus diesem Grund haben wir auch alle auf Geld verzichtet für die Netflix-Doku und haben für die Teilnahme die Bedingung gestellt, dass wir für die Arbeiter und ehemaligen Partner auf den Bahamas Geld sammeln. Inzwischen haben wir bereits über 200’000 Dollar zusammen.

Du hast jetzt eine neue Firma mitgegründet in New York. Wie konntest du die Erfahrungen vom Fyre Festival einfliessen lassen?
Fyre und Magnises hatten keine positive Vision. Es ging nur darum, ein Konzept gross und erfolgreich zu machen und dann für viel Geld zu verkaufen. Wir liessen uns vom Facebook-Wahn packen. Mit meiner neuen Firma SOL (Secrets of Life) wollen wir die Zukunft positiv gestalten und ziehen somit auch die richtigen Leute und Investoren an.

Worum geht es bei SOL?
Es ist eine Art Airbnb für Lebenserfahrungen. Du kannst Videogespräche buchen mit Experten, die ihre Erfahrungen weitergeben wollen. Die Experten legen einen Preis fest, und mindestens 20 Prozent von diesem Preis gehen an eine Wohltätigkeitsorganisation. Früher gaben die Eltern und Grosseltern ihre Weisheiten und Erfahrungen weiter. Heute geht dieser Austausch komplett verloren, weil die Leute nur mit ihren Smartphones und PCs beschäftigt sind. Das heisst, wir bringen den Austausch dieser Lebenserfahrungen nun auf die Geräte.

(wed)