Zürcher Obergericht

08. Juli 2014 23:54; Akt: 10.07.2014 11:21 Print

Hetzjagd im Milieu – höhere Strafe gefordert

von Attila Szenogrady - Nach einem Streit hat ein wütender Freier zwei Prostituierte und ihre Zuhälter mit seinem Auto durch Zürich gejagt. Dafür soll der Tunesier nun für 45 Monate hinter Gitter.

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Hier beim Marriott-Hotel endete die Hetzjagd in der Nacht auf den 5. Juni 2010. (Bild: rom)

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«Er wollte uns hinrichten», berichtete später ein ungarischer Zuhälter der Zürcher Polizei. Die lebensgefährliche Hetzjagd ereignete sich in der Nacht auf den 5. Juni 2010 mitten in der Zürcher City. Beim hartnäckigen Jäger handelte es sich um einen heute 31-jährigen Ingenieur aus Pfungen ZH. Der Tunesier begab sich damals mit einem arabischen Freund in das Zürcher Rotlicht-Milieu, wo sie am Sihlquai zwei ungarische Prostituierte ansprachen und ins Auto des Beschuldigten einluden.

Fest steht, dass die beiden Freier plötzlich Streit mit den beiden Frauen bekamen. Beim Escher Wyss-Platz stiegen die verängstigten Ungarinnen bei einem Rotlicht plötzlich aus und flüchteten in ein sich vorne befindliches Fahrzeug von zwei Landsleuten. Die beiden ungarischen Zuhälter fuhren mit den beiden Frauen sofort weg. Verfolgt vom wütenden Freier aus Pfungen, der nun massiv auf das Gaspedal drückte.

Mit 105 km/h Richtung Marriott-Hotel

Er raste mit bis zu 105 statt der erlaubten 50 km/h über die Wasserwerkstrasse stadteinwärts, wobei er immer wieder von hinten in die Stossstange der Ungarn hinein krachte. Er rammte das Opfer-Fahrzeug bis zum Hotel Marriott gleich sieben Mal, bis der ungarische Lenker mit 113 km/h die Herrschaft über das Fahrzeug verlor, über die Gegenfahrbahn schleuderte und erst auf einem Trottoir zum Stillstand kam. Die vier Insassen hatten sehr grosses Glück und kamen mit dem Schrecken davon. Indessen hatte der Familienvater aus Pfungen mit seinem Freund das Weite gesucht. Allerdings wurde er vier Tage später von der Polizei ausfindig gemacht und verbrachte danach 44 Tage in Untersuchungshaft.

Am Dienstag musste sich der Tunesier wegen mehrfacher Gefährdung des Lebens, Nötigung sowie grober Verletzung von Verkehrsregeln vor dem Zürcher Obergericht verantworten. Er wehrte sich gegen ein erstes Urteil des Bezirksgerichts Zürich. Dieses hatte ihn bereits wegen mehrfacher Gefährdung des Lebens, Nötigung sowie groben Verkehrsdelikten zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 34 Monaten verurteilt. Zehn Monate davon unbedingt. Vor Obergericht drohte ihm nun noch grösseres Ungemach. So verlangte der zuständige Staatsanwalt und Raser-Spezialist Jürg Boll eine markante Straferhöhung auf drei Jahre und neun Monate. Alles unbedingt.

Hauptvorwürfe bestritten

Der Beschuldigte gab zwar zu, dass er gegen das Verkehrsrecht verstossen habe. Allerdings sei er von seinem Gegner mit dem Stinkefinger provoziert worden. Zudem habe dieser zuerst seinen Wagen beschädigt. Deshalb habe er ihn lediglich einholen, zur Rede stellen und seine Nummer notieren wollen. Von irgendwelchen Prostituierten wollte er gar nichts wissen. Von diesen habe er erst nach dem Vorfall erfahren, gab er an.
Der Verteidiger verlangte deshalb im Hauptantrag einen vollen Freispruch. Im schlimmsten Fall sei eine bedingte Freiheitsstrafe von 14 Monaten angebracht.

Der Rechtsanwalt des mitbeschuldigten ungarischen Lenkers, für den Boll ein Jahr bedingt gefordert hatte, setzte sich wegen eines rechtfertigenden Notstandes für einen vollen Freispruch ein.
Das Obergericht wird sein Urteil Mitte Juli eröffnen.