Kilchberg ZH

21. August 2019 09:14; Akt: 21.08.2019 17:24 Print

Hier wird eine 1800-Tonnen-Villa verschoben

In Kilchberg ZH muss eine Villa verschoben werden. Das denkmalgeschützte Gebäude soll einem Neubau weichen.

Die Verschiebung der Villa im Zeitraffer.
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Die Villa Blumenthal an der Seestrasse 160/162 in Kilchberg ZH wurde am Mittwoch 23 Meter in Richtung See verschoben. Und das nicht etwa, indem das 1800 Tonnen schwere Gebäude in seine Einzelteile zerlegt und wiederaufgebaut wurde. Die denkmalgeschützte Villa wurde in seiner Einheit inklusive ihres Kreuzgewölbekellers mittels Hydraulikpumpen an seinen neuen Standort gerollt. Pro Stunde legte der Altbau über 3 Meter zurück.

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Der Grund für die 900 000 Franken teure Hausverschiebung: Die Villa muss einem Neubau weichen, so die Grundstückeigentümerin Osterwalder Immobilien AG. Ziel der Hausverschiebung sei nicht nur der Erhalt der Villa Blumenthal, auch der autonome Status des Altbaus soll sichtbar gemacht werden. Heute ist das traditionsreiche Haus beidseitig von neuzeitlichen Bauten umgeben.

Villa sollte abgerissen werden

Eigentlich wollte die Osterwalder Immobilien AG die Villa abreissen, um ein Wohnhaus mit Tankstelle und Shop zu erstellen. «Während des Bewilligungsverfahrens wurde das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Das hat uns sehr überrascht», sagte Michael Doswald, CEO der Osterwalder Immobilien Zürich AG.

Es folgte ein jahrelanges ringen nach einer Lösung, in das unter anderem auch immer wieder Gerichtsentscheide einflossen. Der Zürcher Heimatschutz wehrte sich mit Erfolg gegen den Abriss der Villa. Es wurde schliesslich mit der Hausverschiebung ein Kompromiss gefunden, der alle zufriedenstellt.

Ein Glas Rotwein

Christian Muggli, Verwaltungsratspräsident der Osterwalder Immobilien AG, sagte während der Hausverschiebung zu 20 Minuten: «Ich habe einen Monat gebraucht, um mich von dieser Idee zu überzeugen. Ich dachte: ‹Das machen andere, aber sicher nicht wir›.» Die Firma hätte aber aus der Not eine Tugend gemacht. «Ich bin überzeugt vom jetzigen Projekt und verspüre grosse Vorfreude.»

Vorfreude hat Muggli trotz einer Wette, die er drohte zu verlieren: Die Firma Iten AG, welche die Villaverschiebung durchführt, hatte gegen die Eigentümerin gewettet, dass sie die Villa so verschieben, dass ein randvolles Rotweinglas nicht ausschüttet. Ein Vertreter der Osterwalder Immobilien AG sah die Niederlage kommen und sagte: «Die Chance stehen schlecht, dass wir gewinnen, aber das ist ja auch gut für uns.»

Nach acht Stunden stand der Sieger fest: Iten AG hatte recht, das Glas war nach acht Stunden Verschiebung immer noch randvoll. Michael Doswald, CEO Osterwalder Immobilien Zürich AG, freute sich trotzdem: «Es hat alles wunderbar funktioniert und geklappt – da nehmen wir auch hin, dass wir die Weinwette verloren haben.» Die Hausverschiebung sei gar schneller fertiggestellt worden als geplant.

Villa ist 182 Jahre alt

Die Verschiebung der Villa Blumenthal erinnert an die Verschiebung eines Gebäudes am Bahnhof Oerlikon im Jahr 2012. Damals war die Firma Iten AG für das aufsehenerregende Projekt verantwortlich. Wie heute bekannt ist, hat sich die Arbeit der auf Hausverschiebungen spezialisierte Firma mit über 60 Jahren Erfahrung auf dem Gebiet bewährt, weshalb sie auch bei der Versetzung am Mittwoch federführend sein wird.

Die Verantwortung ist gross: Die Villa Blumenthal aus dem Jahr 1837 ist für Kilchberg von orts- und sozialgeschichtlicher
Bedeutung und wurde 2010 als wichtiger Zeuge des biedermeierlichen Wohnens unter Denkmalschutz gestellt. Auch deshalb habe man sich für die Verschiebung rund sieben Monate Zeit genommen, so Osterwalder Immobilien AG.

Villa erhält Gesamtsanierung

Zuerst wurde das Untergeschoss des Objekts freigelegt, dann die tragenden Aussenwände abgebrochen und durch Stahlabfangungen ersetzt. Darauf wurden Verschubbahnen unter dem Gebäude verlegt und dieses danach langsam vom Boden angehoben. Dabei kontrollierten Experten laufend, wie sich das Haus verhält und ob kritische Risse entstehen. Bis zur Hausverschiebung am Mittwoch ist aber alles reibungslos verlaufen.

Die Villa Blumenthal erhält nach der Verschiebung eine Gesamtsanierung. Es entstehen drei Wohneinheiten sowie Büro- und Gewerbefläche. Im Inneren wird die klassische Grundrissstruktur mit gleichwertigen Eckzimmern wiederhergestellt und Elemente des Biedermeiers werden freigelegt. Die Wohnungen des Neubaus, der in den nächsten 18 Monaten entstehen soll, sollen voraussichtlich im Herbst 2020 bezugsbereit sein.


Hier erfolgt der Startschuss zur Villa-Verschiebung. (Video: jen)

(jen)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Architekt am 21.08.2019 10:19 Report Diesen Beitrag melden

    Heimatschutz

    Das Haus ist nicht schön. Verstehe nicht, warum man es rettet. Heimatschutz scheint oft ein Fetisch, der nur ein paar Historiker interessiert.

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  • Sind wir noch zu retten am 21.08.2019 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    Abreissen

    Villa? Also wenn das eine Villa ist? Das ist einfach ein uraltes Haus, was zur damaligen Zeit wohl einem Wohlhabenden gehörte. Einen solchen Aufwand betreiben für eine alte Bude verstehe ich wirklich nicht.

  • Schorsch am 21.08.2019 09:25 Report Diesen Beitrag melden

    Denkmalschutz

    Wenn es um Denkmalschutz geht ist es absolut egal wie unglaublich hässlich das Gebäude ist. Kein einziger Mensch hat auch nur irgendwie Freude an dem Gebäude, aber trotzdem muss es bleiben und unsere Landschaft verschandeln.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kimmi am 21.08.2019 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Villa?

    Sorry, unter Villa verstehe ich Optisch schon was anderes. Das sieht jetzt schon wie ein normales altes Haus aus. Sinnbild für eine alte Villa ist schon eher was mit Türmchen, Fresken und Stukaturen sowie Figuren etc. Aber das hier?

  • Peter am 21.08.2019 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    Heimatschutz ist schlimm

    Es gibt Bauten, die muss man abreissen. Heimatschutz hin oder her. Alles stirbt mal, auch ein altes Haus muss mal weg.

  • Bürger am 21.08.2019 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    Qualität von damals

    Da sieht man noch die Qualität von damals, was man heute nicht mehr schafft, 182 Jahre

  • TSCH am 21.08.2019 16:40 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Bauten

    Wenn ich die neuen Wohnbauten ansehe: Stahlbeton und Glas, Riesige Fenster : Energieoptimiert und RENDITENOPTIMIERT auf 1/3 Monatslohn der potentiellen Mieter. Architektur GRAUENHAFT, Innausbau billig, sieht nur aus dem 1.Blick gut aus, ist aber eigentlich nicht so schlimm. Wird nach 30 Jahren sowieso abgerissen, weil kein Upgrade auf rentablere Nutzung möglich ....

  • Kuertel am 21.08.2019 16:01 Report Diesen Beitrag melden

    Häuser auf Schienen verschieben.

    Bin nicht sicher, aber wenn es mir Recht ist, macht die Firma Locher aus Zürich solche zügleten mit einem Haus.Vor vielen Jahren einmal eine im Glarner Unterland gesehen.Sicher 60 Jahre zurück.