Urteil gegen Zuhälter

20. Juli 2011 21:59; Akt: 20.07.2011 22:00 Print

Hure ausgebeutet - doch kein Menschenhandel

von Attila Szenogrady - Der ungarische Zuhälter S.F. hat eine Prostituierte ausgebeutet und mit einem Messer verletzt. Weil das Gericht aber nicht auf Menschenhandel entschied, kassiert er nur zweieinhalb statt sieben Jahre aufgebrummt.

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Den äusseren Sachverhalt sah das Gericht als erstellt an. So hatte der heute 33-jährige Angeklagte aus Ungarn eine um zehn Jahre jüngere Landsfrau in Zürich in die Prostitution eingeführt, regelmässig überwacht und ausgebeutet, indem er ihr den grössten Teil der Einnahmen abnahm. Diese betrugen mindestens 600 Franken pro Nacht, wobei sich der Zuhälter als «Lover Boy» ausgab und seiner zeitweise verliebten Angestellten eine gemeinsame Zukunft in Aussicht stellte. Die Roma-Geschädigte arbeitete nicht nur in einer Bar, sondern auch als Strassenprostituierte am Sihlquai.

Die Anklageschrift skizzierte einen brutalen Zuhälter: Er soll die 25-jährige Ungarin in die Prostitution gezwungen und ausgebeutet haben. Wollte die Geschädigte nicht parieren, wurde sie vom Angeklagten massiv bedroht, geschlagen und zweimal sogar mit einem Messer am Ohr sowie am Oberschenkel erheblich verletzt. «Es war aber ein Unfall», so der Zuhälter. Wie er «versehentlich» die junge Frau mit einem Messer am Ohr verletzen konnte, führte er nicht aus.

Vor Gericht beteuerte der unscheinbare kleine Mann seine Unschuld. Er habe sie weder geschlagen noch auf den Strich geschickt, sagte er. «Sie war in Ungarn schon eine Hure», wehrte er sich gegen die Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft wollte in der Folge wissen, warum die Frau ihr Geld nicht ihrer Familie schickte, sondern ihm übergab. S.F. antwortete darauf, sie habe der Familie nicht vertraut. «Sie hat einmal ihrer Mutter 400 Franken geschickt», so der Angeklagte vor Gericht, «diese habe aber das Geld für Alkohol und Casinobesuche ausgegeben.» Er empfinde immer noch Gefühle für sie, ergänzte er. Die Belastungen seiner Ex-Freundin erklärte sich der Mann mit dem Opferschutzprogramm, das ihr viele Vorteile und die Aussicht auf ein hohes Schmerzensgeld gebracht habe.

«Du kannst immer noch Analsex anbieten»

Allerdings ist aus Telefonprotokollen des Angeklagten ersichtlich, dass S.F. die Frau zur Prostitution drängte und zwang. So wollte die Frau wegen einer Blasenentzündung nicht anschaffen, woraufhin er ihr sagte, dass das kein Problem sei. «Du kannst immer noch Anal- und Oralsex anbieten», wurde vor Gericht aus dem Protokoll zitiert.

Staatsanwältin Silvia Steiner lastete dem bereits einschlägig Angeklagten im Hauptvorwurf Menschenhandel an und verlangte eine hohe Freiheitsstrafe von sieben Jahren. Zudem eine unbedingte Geldstrafe von 240 Tagessätzen zu 30 Franken. Die Rechtsvertreterin der Frau forderte eine Genugtuung von 25 000 Franken.

Verteidiger Paul Baumgartner sah es anders und verlangte einen vollen Freispruch. Er stufte die Aussagen der Geschädigten als widersprüchlich und nicht glaubhaft ein. Der Angeklagte und das Opfer hätten lediglich einen «derben und beleidigenden Umgangston» untereinander gehabt. Wie das unter Roma üblich sei. «Ich war», begründete der Angeklagte selbst, «sauer auf sie, weil sie Drogen nahm.» Sie habe während der Untersuchung immer stärkere Vorwürfe gemacht. Zudem sei es seinem Mandanten gar nicht möglich gewesen, die Prostituierte so engmaschig zu überwachen. Zudem habe sich die Frau aus freien Stücken für ihren Beruf entschieden.

Gericht auf dem Mittelweg

Über den Verdienst der Frau war der Angeklagte offenbar nicht sauer: Der mutmassliche Zuhälter nahm der «zierlichen Frau» (Staatsanwaltschaft) das verdiente Geld grösstenteils ab. Wie Staatsanwältin Steiner ausführte, war die 25-Jährige aufgrund ihres «verletzlichen Äusseren» auf dem Sihlquai begehrt und verdiente pro Abend zwischen 600 und 1300 Franken.

Das Gericht setzte wegen Förderung der Prostitution, einfacher Körperverletzung des Ohres der Geschädigten sowie Verstoss gegen das Ausländergesetz eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten fest. Unbedingt, da der Beschuldigte bereits im letzten Dezember wegen einer anderen Prostituierten eine Freiheitsstrafe von 17 Monaten kassiert hatte (s. Infobox rechts).

Kein Menschenhandel

Einen Menschenhandel schloss das Gericht diesmal jedoch aus. So habe die Geschädigte in Ungarn eine Ausbildung in der Gastronomie durchlaufen und somit sich nicht in einer ausweglosen Situation befunden, führte der Gerichtsvorsitzende Sebastian Aeppli aus. Die Frau habe sich aus ihrem freien Willen für die Prostitution entschieden.

Danach habe der Angeklagte aber Druck auf die Frau ausgeübt und ihre Liebe zu ihm ausgenützt. Das Abhängigkeitsverhältnis habe zur Förderung der Prostitution geführt, sagte Aeppli und verwies auf polizeiliche Telefonkontrollen. Bei den Körperverletzungen sah das Gericht den Messerstich ins Ohr als erwiesen an.

Die mit dem Urteil nicht zufriedene Staatsanwältin Steiner legte noch vor den Schranken Berufung gegen den Entscheid ein. Demnach wird der Fall in absehbarer Zeit auch das Obergericht beschäftigen. Der Angeklagte bleibt jedenfalls weiterhin in Haft. Er soll der Geschädigten ein Schmerzensgeld von 5000 Franken zahlen.

Mitarbeit: Amir Mustedanagic/Deborah Sutter