Jugendgericht Winterthur

03. Dezember 2018 13:06; Akt: 03.12.2018 14:55 Print

Geschwister sehen nicht mehr wie IS-Reisende aus

Zwei Geschwister reisten 2014 zur Terrormiliz IS und müssen sich dafür vor dem Jugendgericht Winterthur verantworten.

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Koranstudium und Verschleierung: Zwei Geschwister sollen sich ab 2013 radikalisiert haben. Im Dezember 2014 machten sie sich dann auf eine Reise nach Syrien zur Terrormiliz IS. Als sie nach einem guten Jahr zurückkamen, wurden sie am Flughafen verhaftet. Für diese Reise mussten sich die beiden Geschwister am Montag vor dem Jugendgericht Winterthur verantworten.

Bevor die beiden Jugendlichen vor vier Jahren nach Syrien reisten, trat die Schwester noch verhüllt auf. Zur Verhandlung erschien sie mit Rossschwanz, Perlenohrstecker, engen Jeans und einem modischen Jäckchen. Auch der junge Mann sieht gar nicht mehr nach einem IS-Reisenden aus. Er trug einen kurz geschnittenen Vollbart und hatte die Haare zu einem Knoten zusammengebunden.

Richter fasst zusammen

Prozesse am Jugendgericht sind grundsätzlich nicht öffentlich. Für diese Verhandlung machte das Gericht aber eine Ausnahme – allerdings nur für Befragung zur Sache. Auch eine Anklageschrift wurde den Medien nicht abgegeben. Der vorsitzende Richter fasste die Ereignisse, die in der Anklageschrift aufgelistet sind, aber kurz zusammen.

Den beiden Jugendlichen wird vorgeworfen, sich an einer kriminellen Organisation beteiligt respektive diese unterstützt zu haben. Die beiden Geschwister seien nach einer angeblichen Radikalisierung in der Schweiz im Dezember 2014 unter Vorwänden nach Istanbul geflogen. Mit Hilfe eines Schleppers gelangten sie dann nach Syrien ins Gebiet des Islamischen Staates IS. Dort hätten die 15- und 16-jährigen Geschwister gemeinsam in einer Wohnung gelebt.

Logistik und Unterricht

Der Bruder soll in Syrien eine Koranschule besucht und die Logistik des IS unterstützt haben. Die Schwester habe kleine Kinder gehütet und etwas englisch unterrichtet. Zudem sollen die Geschwister in intensivem Kontakt mit IS-Sympathisanten gestanden sein. In Chats hätten sie sich propagandistisch über den IS geäussert und versucht, die Familie zu überzeugen, nach Syrien zu kommen.

Ihre Eltern hätten indes alles versucht, Sohn und Tochter zurückzuholen. Nach rund einem Jahr sind die Jugendlichen laut eigenen Angaben geflohen, nachdem ihre Mutter eine Zeit lang in Syrien gewesen war. Über die Flucht sei wenig bekannt. Ein erster Versuch soll misslungen sein.

«Ich sage nichts dazu»

Soweit der Sachverhalt, wie ihn die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift festhielt. Vor Gericht schwiegen die beiden Geschwister grösstenteils und machten Gebrauch von ihrem Recht zur Aussageverweigerung. «Ich sage nichts dazu», sagte der Bruder mehrmals mit leiser Stimme, während der Richter Frage um Frage seinen Katalog abarbeitete.

«Vieles, was gesagt wurde, stimmt nicht», hielt der Bruder etwa in der Hälfte fest. Was genau nicht stimmt, wollte er aber nicht erläutern. Widersprüche aus der Einvernahme und den Beweisen blieben unkommentiert. Im Gegensatz zur Schwester durchbrach der Bruder hin und wieder sein Schweigen – etwa um etwas über die «weltweite Unterdrückung von Muslimen» zu sagen.

Bis 12 Monate bedingt

Zur Frage, wie ihm die Arbeit in Syrien gefallen habe, sagt der junge Mann, er habe in einem Flüchtlingslager gearbeitet unter anderem Medikamente verteilt – nicht für die Terrormiliz. «Dabei habe ich eine gewisse Süsse verspürt. Ich konnte Menschen helfen.» Die Situation in Syrien sei aber «gar nicht gut».

Die Staatsanwaltschaft fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von 11 beziehungsweise 12 Monaten sowie Schutzmassnahmen. Die Geschwister hätten von Anfang an die Absicht gehabt, die Terrormiliz zu unterstützen. Die Anträge der Verteidiger sind nicht bekannt. Das Urteil soll Anfang 2019 mündlich eröffnet werden.

(tam/sda)