Freispruch bestätigt

07. Juni 2011 08:00; Akt: 06.06.2011 20:15 Print

Im Zweifel für die Ex-Postangestellte

von Attila Szenogrady - Laut Anklage hat eine langjährige Angestellte der Postfiliale Nänikon bei einer grosszügigen Spende für die Glückskette 3000 Franken für sich unterschlagen. Nicht zu beweisen, befand nun auch das Zürcher Obergericht.

Fehler gesehen?

Wer stand nun eigentlich mit der ehemaligen Postangestellten am Montag vor dem Zürcher Obergericht? Ein unschuldiges Justizopfer, das ausgerechnet für seine Hilfsbereitschaft bezahlen sollte? Oder eine abgebrühte Serientäterin, die endlich aufgeflogen ist? Auf den ersten Blick sprachen die Fakten gegen die heute 39-jährige Schweizerin.

So stand fest, dass am 16. Januar 2010, eine 88-Seniorin auf dem Postamt in Nänikon erschien und für die Glückskette 16 000 Franken spenden wollte. Eine beträchtliche Summe, da die betagte Dame ihrem Sohn keinen Rappen vererben wollte.

3000 Franken weg

Sicher ist, dass die Rentnerin die 16 000 Franken einzahlte und später eine Quittung darüber vorlegen konnte. Ebenso sicher ist aber auch, dass bloss 13 000 Franken überwiesen wurden. Die von der Post eingeschaltete Staatsanwaltschaft zeigte sich überzeugt, dass die Postangestellte die fehlenden 3000 Franken für sich eingesteckt hatte. Dabei sei sie raffiniert vorgegangen, indem sie die Spende storniert und nur wenige Minuten später einen neuen Einzahlungsbeleg für 13 000 Franken eigenhändig hergestellt habe. Eine Stichkontrolle brachte den Fehlbetrag ans Tageslicht.

Nicht widerlegte Unschuldsversion

Für die langjährige Postmitarbeiterin hatte die Strafuntersuchung massive Folgen. So verlor sie nicht nur ihren Job, sondern wurde auch wegen Diebstahls, Urkundenfälschung sowie Unterdrückung von Urkunden unter Anklage gestellt. Der Strafantrag lautete auf eine bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 40 Franken.

Allerdings hatte die Anklage schon im letzten Oktober am Bezirksgericht Uster einen schweren Stand. So gab die Beschuldigte eine plausible Unschuldsversion zu Protokoll. Demnach hatte die Seniorin zuerst 16 000 Franken einbezahlt. Danach sei die Geschädigte aber wieder erschienen und habe sie gebeten, die Spende auf 13 000 Franken zu senken. Aufgrund der zahlreichen wartenden Kundschaft habe sie für die betagte Person den neuen Beleg aus Hilfsbereitschaft ausgefüllt und die 3000 Franken zurückgegeben.

Das Bezirksgericht Uster stufte diese entlastende Darstellung als nicht widerlegbar ein und kam zu einem Freispruch.

Wegen Zweifel Freispruch bestätigt

Die Post legte Berufung ein und zeigte sich von der Schuld ihrer ehemaligen Angestellten überzeugt. Ein Rechtsvertreter der Post führte aus, dass man nach der Stichkontrolle die Seniorin befragt habe. Diese habe jedoch nur von der Einzahlung von 16 000 Franken gewusst, machte der Jurist geltend. Allerdings erneut vergebens. So kam auch das Obergericht nach dem Grundsatz im Zweifel für den Angeklagten zu einem umfassenden Freispruch. So sei nicht auszuschliessen, dass das Erinnerungsvermögen der inzwischen verstorbenen Spenderin beeinträchtigt gewesen sei, machte der Gerichtsvorsitzende Franz Bollinger geltend. Es liege zudem nicht auf der Hand, dass die Angeschuldigte ausgerechnet während einer so hektischen Arbeitsphase einen deliktischen Willen gefasst hätte. Das Obergericht folgte damit dem Verteidiger, der das Arbeitsjournal seiner Klientin ins Recht gelegt hatte. Dieses hatte bewiesen, dass die Angestellte zur Tatzeit einen Kunden nach dem anderen bedient und damit kaum Zeit für einen raffiniert eingefädelten Diebstahl hatte.