14 Jahre Knast

Kein Pardon für den «Parkplatzmörder»

Bei einem Streit um einen Parkplatz hat der Thaibox-Weltmeister Bashkim Berisha in Dübendorf einen mazedonischen Familienvater erschossen. Nun muss er wegen vorsätzlicher Tötung für 14 Jahre hinter Gitter.

Bashkim Berisha auf einem Fahndungsfoto der Kantonspolizei Zürich.
Bashkim Berisha auf einem Fahndungsfoto der Kantonspolizei Zürich.
Adrian Blättler, der Antwalt von Bashkim Berisha drang mit seinen Argumenten für einen Freispruch nicht durch. Dübendorf, 20. August 2009.
Adrian Blättler, der Antwalt von Bashkim Berisha drang mit seinen Argumenten für einen Freispruch nicht durch. Dübendorf, 20. August 2009. (Bild: Keystone)
Info-Box
Schaulustige und Scharfschützen
Bis zu hundert Personen haben am Donnerstag an der Uni Zürich den Prozess gegen den ehemaligen Thaiboxer Bashkim Berisha verfolgt. Das Obergericht hatte die Verhandlung per Video live in einen Hörsaal übertragen. Am Nachmittag waren es dann noch rund 30, wie der stellvertretende Generalsekretär des Zürcher Obergerichts, Anton Schärer, auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA sagte. Am Nachmittag waren es dann noch rund 30. Das grosse Interesse sei erstaunlich, sagte Schärer. Das Obergericht habe nicht mit einem derart grossen Aufmarsch gerechnet. Zwischenfälle habe es keine gegeben. Grund für die Videoübertragung war Platzmangel im Provisorium des Zürcher Obergerichts sowie mögliche Sicherheitsprobleme. Der Gerichtssaal wurde aus Sicherheitsgründen von der Sondereinheit «Diamant» der Kantonspolizei Zürich bewacht. Auch Scharfschützen wurden auf dem Dach postiert. (meg/sda)

Der in den Schweizer Medien als «Parkplatzmörder» benannte Bashkim Berisha wurde von der Polizei unter grössten Sicherheitsvorkehrungen sowie in Fussfesseln in den Gerichtssaal geführt. Der heute 28-jährige Kosovare aus Winterthur hinterliess zunächst einen nervösen Eindruck. Es war der souveränen Prozessführung des erfahrenen Gerichtspräsidenten Rainer Klopfer zu verdanken, dass der prominente Angeschuldigte bald gefasst wirkte und sich der Befragung stellte.

Die schlicht verfasste Anklageschrift von nur wenigen Zeilen warf Berisha vorsätzliche Tötung und Widerhandlung gegen das Waffengesetz vor. So hatte er laut Staatsanwalt am 11. Februar 2005 auf einem Parkplatz in Dübendorf einen jungen mazedonischen Familienvater in dessen Personenwagen erschossen. Allerdings stand die um Mitternacht verübte Bluttat zum Prozessbeginn noch nicht zur Debatte.

Vom brutalen Schläger zum Sportidol

Zuerst erfolgte die persönlichen Befragung Berishas. Sie zeigte sein bisher bewegtes Leben auf. Der Sprössling einer kosovarischen Grossfamilie kam im Alter von zehn Jahren nach Winterthur. Der Knabe war damals völlig verwirrt und reagierte seine Ängste und Frustrationen schon bald mit roher Gewalt ab. Mit 15 Jahren verprügelte er seinen Realschullehrer und nahm anstelle einer Lehre eine kriminelle Karriere in Angriff. Im Jahre 1999 verbrachte der krankhaft impulsive Berisha bereits 252 Tage im Gefängnis und kassierte am Bezirksgericht Winterthur eine 18-monatige Gefängnisstrafe. Der brutale Schläger hatte diverse Personen attackiert und sogar einen Polizeibeamten zusammen geschlagen.

Zwischen den Jahren 2000 und 2004 hatte Berisha jedoch Glück. Der ehrgeizige Kampfsportler blieb sauber und brachte es zum Thaibox-Weltmeister. Und damit zum Idol seiner Landsleute. Ein Dokumentarfilm im Schweizer Fernsehen zeigte die wundersame Verwandlung Berishas auf. Er plante bereits eine Profi-Karriere, als alles anders kam.

Notwehr und Unfall geltend gemacht

Zum 11. Februar 2005 befragt, stellte Berisha den tödlichen Schuss nicht in Abrede. Allerdings sei es bloss ein Unfall gewesen, machte er geltend. Er führte aus, wie er damals den Ausgang mit zwei Freundinnen und einem Kollegen genossen habe. In Dübendorf hätten sie einen albanischen Klub besuchen wollen. Er habe gerade seinen Personenwagen abgeschlossen, als ihn ein Autolenker aufgefordert habe, besser zu parkieren. Es handelte sich um einen Mazedonier, wobei sich beide Männer schon bald in albanischer Sprache gegenseitig provozierten. Bis hin zum so genannten balkanesischen Mutterfluch. Wonach laut Berisha die Situation eskaliert sei. Er habe plötzlich gesehen, wie der Lenker mit einer Pistole auf ihn gezielt habe. Worauf er nach vorne gesprungen sei und die Waffenhand des Opfers abgedreht habe. Dabei habe sich versehentlich ein Schuss gelöst, gab er zu Protokoll.

16 Jahre Freiheitsstrafe gefordert

Völlig anders sah es der zuständige Staatsanwalt Manuel Kehrli. Demnach sei es Berisha gewesen, der plötzlich eine geladene Pistole aus seinem Hosenbund gezogen und aus nächster Distanz auf seinen auf dem Fahrersitz befindlichen Kontrahenten geschossen habe.

Kehrli präsentierte mit sechs Augenzeugen eine gerade zu erdrückende Beweislage. Vier davon waren die Mitfahrer des Opfers. Sie hatten die Bluttat genau beobachtet und nur wenige Stunden später der Polizei mitgeteilt. Zu den weiteren Belastungszeugen gehörte auch ein Bruder des Geschädigten. Und sogar Berishas Begleiter, der in den ersten Einvernahmen der Untersuchung ausgeführt hatte, dass der Angeklagte nach der Tat die bis heute verschwundene Waffe in der Hand gehalten und eingesteckt habe.

Kehrli sprach von einer äusserst sinnlosen und hemmungslosen Tat Berishas und forderte eine hohe Freiheitsstrafe von 16 Jahren. Allerdings verzichtete er aufgrund der gegenseitig erfolgten Provokationen vor der Schussabgabe auf eine Mordanklage.

Verteidigung verlangte Freispruch

Der Verteidiger Adrian Blätter verlangte in seinem Hauptantrag einen Freispruch und zerpflückte die Aussagen der Belastungszeugen. Zudem widersprach der Anwalt den Ergebnissen eines polizeilichen Gutachtens. Dieses hatte infolge fehlender Schmauchspuren an der Hand des Opfers die Unschuldsversion Berishas verworfen. In einem Nebenantrag akzeptierte Blättler einen Schuldspruch, forderte aber wegen eines verfehlten psychiatrischen Gutachtens über Berisha eine deutliche Strafsenkung auf noch sieben Jahre.

Beweislage klar und deutlich

Nach dem Schlusswort Berishas, in welchem sich bei den Angehörigen des Opfers entschuldigte, folgte die Urteilsberatung. Schon bald war klar, dass Berishas Notwehr-Geschichte keine Chance auf Erfolg hatte. Entscheidend waren die direkten Tatzeugen. Sie hatten laut Obergericht nach der Tat gar keine Möglichkeit, sich abzusprechen und gaben bei der Polizei in getrennten Einvernahmen die glaubhaften Darstellung zu Protokoll. Referent Christoph Spiess bezeichnete es als lebensfremd, dass Berisha einerseits Angst geltend gemacht habe. Gleichzeitig aber seinen angeblich bewaffneten Gegner attackiert habe.

Mitrichter Daniel Bussmann sprach gar von einer klaren und eindeutigen Beweislage.

Nachträgliche Verwahrung möglich

Das Obergericht kam zu einem Schuldspruch und setzte eine hohe Freiheitsstrafe von 14 Jahren fest. Die Richter sprachen von einem ausserordentlich schweren Verschulden Berishas. So habe er aus einem völlig nichtigen Anlass kaltblütig einen Menschen getötet, sagte Spiess Er erklärte, dass die Tat sehr nahe zum Mord stehe.

Während des Strafvollzugs ordneten die Oberrichter wegen der hohen Rückfallgefahr für den geistig gestörten Berisha eine ambulante Psychotherapie an. Ein Damoklesschwert für den zu gefährlichen Wutanfällen neigenden Kampsportler. Sollte nämlich die Massnahme scheitern, droht ihm nachträglich die Verwahrung.

(Attila Szenogrady/sda)
Diesen Artikel weiterempfehlen...