Thalwil ZH

16. März 2011 08:00; Akt: 16.03.2011 22:38 Print

Kein schwächlicher Chorknabe

von Attila Szenogrady - Ein begüterter Thalwiler Autolenker hat in Horgen einer Mutter eines zweijährigen Kindes mit Schlägen gedroht. Nun kassierte der Senior dafür eine bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 150 Franken.

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Der eingeklagte Vorfall ereignete sich am 27. März 2009. Damals war ein heute 68-jähriger Millionär aus Thalwil am Vormittag mit seinem Personenwagen der Marke BMW in Horgen unterwegs. Um 9.45 Uhr fuhr er durch die Seegartenstrasse und nervte sich über eine heute 36-jährige Fussgängerin, die ihm mit ihrer zwei-jährigen Tochter den Weg versperrte.

Autolenker gegen Mutter

Fest steht, dass der Beschuldigte von hinten bis zu einem Meter zur Passantin aufschloss. Worauf sich die Mutter umdrehte und den Lenker zu beschimpfen begann. Der Angeklagte führte später sogar aus, dass die wütende Frau seinem Wagen einen Tritt versetzt habe. Jedenfalls stieg der Autolenker aus und ging mit erhobenen Fäusten auf die Mutter los. Dabei machte er ihr klar, dass er nun für nichts mehr garantieren könne. Laut Anklage konnte die Geschädigte einen Schlag des Angreifers mit ihrem rechten Arm gerade noch abwehren. Worauf sich der Thalwiler wieder zurückzog.

Zwei Belastungszeugen

Die Frau erstattete später Strafanzeige und konnte während der Untersuchung zwei am Tatort anwesende Passanten als Zeugen präsentieren. Die beiden Männer bestätigten, dass der Kaufmann der Mutter Angst eingejagt hatte. Die Frau habe zum Schluss sogar geweint, führten ein Zeuge im Protokoll an. Die eingeschaltete Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis lastete dem Thalwiler Senior Drohung und Tätlichkeiten an und verlangte neben einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 190 Franken eine Busse von 2 900 Franken.

Drohung erwiesen

Bereits das Bezirksgericht Horgen sah im letzten April eine Drohung als erwiesen an. Es verurteilte den betuchten Rentner zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 150 Franken. Obwohl das Gericht bei den Tätlichkeiten zu einem Freispruch kam, legte der Beschuldigte Berufung ein und forderte am Dienstag vor dem Zürcher Obergericht einen vollen Freispruch. Er habe nicht gedroht, sondern nur geschimpft, erklärte er. Die Mutter habe ihn zuvor wiederholt provoziert. Auch sein Verteidiger ging von der Unschuld seines Klienten aus und fügte hinzu, dass die aggressive Geschädigte weder wehrlos noch in Angst und Schrecken versetzt worden sei.

Kein schwächlicher Chorknabe

Das Obergericht sah es anders und bestätigte das Horgner Urteil einstimmig. Beim hoch gewachsenen Angeklagten handle es sich nicht um einen schwächlichen Chorknaben, machte der Referent Thomas Meyer klar. Mit seinen erhobenen Händen habe er klar mit Schlägen gedroht, fuhr er fort und stufte die Horgner Strafe gar als zu milde ein. Allerdings durften die Oberrichter wegen des Verschlechterungsverbotes nicht höher gehen. Es blieb deshalb bei der bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 150 Franken. Allerdings muss der erneut unterlegene Thalwiler nicht nur die Berufungskosten von 3000 Franken tragen, sondern auch der Gegenseite eine Prozessentschädigung von 2000 Franken entrichten. Der Gerichtsvorsitzende Reinhold Schätzle äusserte zum Schluss sein Unverständnis, dass der Angeklagte gerade als Pensionär nicht habe 30 Sekunden warten können, bis die Geschädigten mit ihrem Kleinkind den Weg freigegeben hätte.