Ostdeutsche tickt aus

17. März 2011 19:02; Akt: 17.03.2011 19:14 Print

Keine Strafe für «Nazischlampe» und «Stasinutte»

von Attila Szenogrady - Eine in Bubikon wohnhafte Ostdeutsche hat eine SBB-Kontrolleurin beschimpft und eine Polizeibeamtin attackiert. Ihr Anwalt machte ein Autoritätsproblem geltend - mit Erfolg.

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Vor dem Bezirksgericht Zürich hinterliess die heute 43-jährige Dozentin aus Bubikon einen harmlosen Eindruck. Doch der Schein trog. Der Verteidiger erklärte, dass seine Klientin unter einem so genannten «DDR-Syndrom» leide. Was bedeute, dass die Ostdeutsche Universitätsabgängerin vor allem bei autoritär auftretenden Personen und blauen Uniformen schon bald rot sehe und die Beherrschung verlieren könne.

SBB-Angestellte als «Nazischlampe» und «Stasinutte» beschimpft

Die Anklageschrift führte gleich zwei Vorfälle zum Leiden der Beschuldigten auf. Das erste Ereignis geschah am 28. Dezember 2009, als die Angeschuldigte in der 1. Klasse der S-5 in Bubikon einer Billet-Kontrolle unterzogen wurde. Als die SBB-Zugchefin das Ticket der Passagierin als ungültig erachtete und den Ausweis der mutmasslichen Schwarzfahrerin verlangte, rastete diese aus. Sie beschimpfte die Kontrolleurin nicht nur als «Nazischlampe», sondern auch als «Stasinutte». Dann erklärte sie der Beamtin, dass sie schon dafür sorgen werde, dass sie entfernt würde und drückte die Kontrolleurin unsanft zur Seite.

Polizeibeamtin geschlagen

Nur wenige Monate zuvor hatte die Beschuldigte bereits im Zürcher Warenhaus Jelmoli die Fassung verloren. Trotz eines Hausverbotes betrat sie die Asia-Abteilung und legte sich dort mit dem Personal an. Als die Polizei eintraf und die Papiere der renitenten Kundin sehen wollte, ging sie auf eine Beamtin los und schlug dieser mit ihren Händen gezielt gegen Kopf und Oberkörper. Kurz Darauf wurde die angetrunkene Kommunikationsverantwortliche in eine Klinik eingewiesen.

Milde Strafe

Am Donnerstag musste sich die Dozentin wegen mehrfacher Gewalt und Drohung gegen Beamte sowie Hausfriedensbruchs vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Der Strafantrag lautete auf eine bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 120 Franken sowie auf eine Busse von 800 Franken. Die Beschuldigte liessen ihren Rechtsanwalt auf einen vollen Freispruch plädieren. So habe seine Klientin gar nicht wahrgenommen, dass sie es mit Polizisten zu tun hatte, plädierte er. Zudem sei sie davon ausgegangen, dass das Hausverbot nach einem Jahr nicht mehr gegolten habe.

Zum Vorfall im Zug stellte der Anwalt Gewalt und Drohung in Abrede. Zum grossen Teil mit Erfolg. So kam das Gericht nur bei der Attacke gegen die Polizeibeamtin zu einem Schuldspruch. Die Beschimpfungen stufte Richterin Kathrin Bretschger als «wenig schön» ein, schloss aber eine Strafbarkeit aus. So sei dadurch keine Behinderung der Amtshandlung entstanden, sagte sie. Es kam deshalb zu einer milden, bedingten Geldstrafe von 14 Tagessätzen zu 120 Franken.