Fall Tobias Kuster

26. Januar 2017 08:09; Akt: 26.01.2017 08:09 Print

Kritik an Fehrs Vergleich mit Germanwings-Absturz

SP-Justizdirektorin Jacqueline Fehr erinnert der Fall Kuster an den Germanwings-Piloten, dessen Gefährlichkeit man auch falsch eingeschätzt habe. Politiker finden den Vergleich daneben.

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Der entflohene Häftling Tobias K. ist gefasst: Das sagte die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP), Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern, am Mittwoch, 25. Januar 2017, an einer Medienkonferenz. Er war von der Berner Kantonspolizei am 18. Januar verhaftet worden – durch Zufall. Das Fahndungsbild von Tobias K.: Die Polizei suchte damit nach dem 23-Jährigen. Er war am 23. Juni 2016 aus seinem ersten unbegleiteten Hafturlaub nicht in die Strafanstalt Pöschwies ZH zurückgekehrt. K. wurde verdächtigt, das Tötungsdelikt im Seefeld begangen zu haben. Ein 42-Jähriger wurde dort am 30. Juni 2016 auf der Altenhofstrasse am helllichten Tag erstochen. Der Täter sei über die Bahngleise geflüchtet, hiess es. Am 22. Juli 2016 bestätigte der zuständige Staatsanwalt Adrian Kägi gegenüber 20 Minuten, dass ein 25-Jähriger wieder freigelassen wurde, der verhaftet worden war. Der Tatverdacht habe sich nicht bestätigt. Der Tatverdacht gegen den verhafteten 25-Jährigen soll laut einer Kollegin schon bei dessen Festnahme wackelig gewesen sein. Dass er kaum etwas mit der Tat zu tun habe, sei schon zwei, drei Tage später festgestanden, behauptet sie. Am Samstag, 2. Juli 2016, machte die Polizei einen öffentlichen Fahndungsaufruf. Am Montag, 4. Juli, lud Regierungsrätin Jacqueline Fehr, Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Inneren, zu einem Point de Presse zum Fall Seefeld und K. ein. Den Medien erzählte man damals weiterhin von zwei dringend Tatverdächtigen. Über den 42-jährigen Mann, der am 30. Juni auf der Altenhofstrasse getötet wurde, weiss man bis heute wenig. Zeugen sagten, dass sie den 42-Jährigen in der Unterführung der Altenhofstrasse beobachtet haben. Er soll dort gesessen, geraucht und ein Bier getrunken haben. Es ist gut möglich, dass er auf jemanden wartete. K. ist nach der Tat im Zürcher Seefeld abgetaucht. Erst im Januar 2017 konnte man den heute 26-Jährigen dann verhaften, weil er eine Waffe im Darknet kaufen wollte.

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Er ist gefasst: Der seit Ende Juni international gesuchte Straftäter Tobias Kuster, der im Zürcher Seefeld während eines Hafturlaubs an der Tötung eines 42-jährigen Mannes beteiligt gewesen sein soll, wurde am 18. Januar im Kanton Bern verhaftet. Die Zürcher Justizdirektion informierte darüber am Mittwoch in einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz.

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An dieser lobte Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) nicht nur die Arbeit der Einsatzkräfte, sie sagte auch, dass sie der Fall «persönlich oft an den Germanwings-Absturz» erinnere. Bei diesem steuerte ein Pilot das Flugzeug im März 2015 absichtlich in einen Berg – alle 150 Insassen starben.

«Auch dort waren zuvor Fachleute und Psychologen involviert», sagte Fehr mit Blick auf den Hafturlaub von Kuster und die damit verbundene, falsch eingeschätzte Fluchtgefahr. «Doch all die Kontakte lieferten keine Hinweise auf die Gefährlichkeit des Täters.» Nach der Tat hätten sich die Elemente zusammengefügt und dieser Pilot sei plötzlich in ganz anderem Licht erschienen.

«Keine exakte Wissenschaft»

Diesen Vergleich hält Thomas Vogel, FDP-Fraktionschef im Kantonsrat und selber Jurist, für «ausgesprochen unglücklich». Er sagt: «Bei Piloten geht man ja nicht per se von einer Gefährlichkeit aus, anders bei Tobias Kuster – bei ihm handelt es sich um einen mehrfach vorbestraften Straftäter.»

Sie habe wohl zum Ausdruck bringen wollen, dass die Einschätzung der Psyche keine exakte Wissenschaft sei: «Daran wird sich auch nie etwas ändern – es bleibt ein Restrisiko.» Zudem fusse unser Strafrecht auf der Resozialisierung von Gefangenen. Vogel: «Dazu gehören auch Hafturlaube. Es dient der Sicherheit der Bevölkerung nicht, wenn Gefangene unvorbereitet wieder Teil der Gesellschaft werden.»

Für SVP-Nationalrat Gregor Rutz gehören rückfallgefährdete Straftäter per se nicht in den Hafturlaub: «Dafür trägt der Staat die Verantwortung und das Schlimme am Fall Kuster ist, dass die Justizdirektorin null Selbstkritik übt – sie sagt, man habe den Hafturlaub gewähren müssen.» Damit sich dies ändere, sei die SVP auf Kantons- und Bundesebene mit Vorstössen aktiv.

«Vollkommen absurd» ist laut Rutz der Germanwings-Vergleich: «Jacqueline Fehr sucht offensichtlich nach Ausreden – ohne ärztliche Schweigepflicht hätte man ja von der Depression des Piloten gewusst.» Die Zürcher Justizbehörden hingegen hätten sehr wohl über Kuster Bescheid gewusst – durch Gutachten.

«Weit weg von Gut und Böse»

Auch Kommunikationsexperte Marcus Knill findet: «Der Vergleich hinkt und ist weit weg von Gut und Böse – so etwas darf einer Regierungsrätin nicht passieren.» Der Pilot habe sich nach aussen nichts anmerken lassen und seine Gefährlichkeit sei erst im Nachhinein erkannt worden – das könne man von Tobias Kuster nicht behaupten.

«Bei den nachträglichen Interviews wirkte Jacqueline Fehr angespannter, unsicherer und ängstlicher als zuvor im Plenum, als sei in ihrer Direktion ein Fehler passiert», so Knill. Zugute halten müsse man ihr aber, dass sie betont habe, es werde alles unternommen, um das Risiko bei solchen Hafturlauben künftig zu minimieren.

(rom)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • old owl am 26.01.2017 10:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    abnehmen

    Langsam sollte diese Madame mit einer Diät beginnen. Von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen... tut der Linie und Gesundheit der Bürger nicht gut...

  • Anna Bukowski am 26.01.2017 09:32 Report Diesen Beitrag melden

    Auch ein Vergleich

    Frau Fehr in der Regierung ist ebenso auf dem falschen Sitz wie der GermanWingPilot.

  • Leser am 26.01.2017 12:04 Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortungslos

    Als die "Experten", "Beamten" usw. die sich teuer entlöhnen lassen und dann immer damit argumentieren dass sie ja soviel "Verantwortung" hätten, aber sobald etwas schief läuft will es niemand gewesen sein, ist es "total blöd gelaufen" oder "es konnte doch niemand vorhersehen". Verantwortung übernehmen tut dann niemand dieser Lurche

Die neusten Leser-Kommentare

  • Neku am 26.01.2017 12:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beides geht nicht

    Ausgerechnet von Seiten der SP kommen Vorwürfe, sie verbäbelen und laden ja alle ein und wollen sie möglichst sanft verurteilen, also was jetzt? Streng und knallhart oder soft und lieb, einigt euch endlich

  • Leser am 26.01.2017 12:04 Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortungslos

    Als die "Experten", "Beamten" usw. die sich teuer entlöhnen lassen und dann immer damit argumentieren dass sie ja soviel "Verantwortung" hätten, aber sobald etwas schief läuft will es niemand gewesen sein, ist es "total blöd gelaufen" oder "es konnte doch niemand vorhersehen". Verantwortung übernehmen tut dann niemand dieser Lurche

  • Ruth Caradonna am 26.01.2017 11:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweigen

    auch wenn sie sich gern reden hört, weniger ist mehr !!! Ok ?

  • old owl am 26.01.2017 10:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    abnehmen

    Langsam sollte diese Madame mit einer Diät beginnen. Von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen... tut der Linie und Gesundheit der Bürger nicht gut...

  • Tom am 26.01.2017 10:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vieleicht sollte man mal überlegen...

    ...WIE man mit Menschen umgeht, die gerade dabei sind, ihren geliebten Job zu verlieren. In der heutigen Zeit muss man bis zuletzt funktionieren. Ist es denn den super Arbeitspsychologen nicht klar, dass da Menschen durchdrehen können? Mit zuviel Repressionen im Rücken kann keine Sicherheit erzeugt werden. Als Lokführer müssen wir alle 5 Jahren an eine Periodische Prüfung. Je nach Sadist (Prüfungsexpert) ist das Niveau so hoch, dass einige LFs durchfallen - was die Kündigung zur Folge hat. 1/2 Jahr vor der Periodischen sind viele LFs bereits am durchdrehen. Gruss von der Sicherheit. Auch gehen wir alle 3 Jahren zum Bahnartzt, nun redet man davon, alle 5 Jahren eine Sprachprüfung abzulegen. DH. in 10 Jahren hat man 7x die Möglichkeit eine Prüfung nicht zu bestehen, was bedeutet - weg vom Fenster. Wir sollten den Umgang mit Menschen neu überdenken!