Self-Scanning

29. Mai 2019 12:42; Akt: 29.05.2019 14:30 Print

Kunde verurteilt, weil er Rindsfilet nicht erfasste

Ein Coop-Kunde ist wegen Diebstahls verurteilt worden. Er hat beim Self-Scanning das teure Fleisch nicht erfasst. Das habe er vergessen.

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Das Zürcher Obergericht hat am Mittwoch einen Mann des Diebstahls schuldig gesprochen. Er hatte in einer Coop-Filiale Waren im Wert von rund 350 Franken nicht bezahlt. Das Bezirksgericht Winterthur hatte ihn im Mai 2018 zuerst freigesprochen.

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Der Beschuldigte hatte ein Versehen geltend gemacht, sein Verteidiger verlangte einen Freispruch. Das Obergericht folgte nun aber den Anträgen der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Schweizer zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 100 Franken. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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Eigenartige «Mischmethode»

An einem Freitagabend Mitte November 2017 ging der Mann, der in Kaderfunktion in der Versicherungsbranche arbeitet, nach Arbeitsschluss in einer Coop-Filiale in Winterthur, um dort den Wochenendeinkauf für die Familie zu tätigen. Er sei schon seit einiger Zeit beruflich und privat unter Druck gestanden, dazu kam ein gesundheitliches Problem, wie er vor den Richtern sagte.

Deshalb sei er beim Einkauf abgelenkt und unkonzentriert gewesen. Er habe mit einem Self-Scanning-Gerät eingekauft, habe sich aber für eine «Mischmethode» mit zwei Taschen entschieden: In eine Tasche habe er die Waren gelegt, die er direkt eingescannt habe, in die andere jene, die er erst im Nachhinein an der Self-Check-out-Kasse habe scannen wollen.

Günstige Waren gescannt – 1,5 Kilogramm Rindsfilet nicht

Dabei ergab es sich – zufällig, wie er geltend machte – dass es sich bei den direkt eingescannten Waren um preisgünstige Artikel im Gesamtwert von rund 80 Franken handelte. In der anderen Tasche verstaute er teure Lebensmittel im Gesamtwert von rund 350 Franken, unter anderem 1,5 Kilo Rindsfilet.

Die beiden Taschen standen in einem Einkaufswagen, bis er die Tasche mit den teuren Waren auf die ausziehbare Ablage am Wagen stellte, wo man etwa Getränkekästen deponieren kann. Am Schluss zahlte er nur die Rechnung für die günstigen Waren. Dass der Betrag für den ganzen Einkauf viel zu gering war, sei ihm nicht aufgefallen, er habe gar nicht hingesehen, sagte der Beschuldigte.

Anwalt: «Kein Beweis, dass er mit Vorsatz gehandelt hat»

Bevor er den Laden verlassen konnte, sprach ihn der Filialleiter an. Die Fleischverkäuferin hatte ihn informiert, nachdem ihr aufgefallen war, dass der Kunde das teure Rindsfilet nicht eingescannt hatte.

Natürlich sei diese Mischmethode «ein etwas unorthodoxes System», räumte der Verteidiger ein , strafbar sei es aber nicht. Sein Mandant sei einfach «durch den Wind» gewesen. Es handle sich aber bloss um eine Fahrlässigkeit. Es gebe keinerlei Beweis, dass er mit Vorsatz gehandelt habe.

Gericht: «Zu viele Zufälle»

Das sah der Staatsanwalt anders. Auf Videoaufnahmen, die am Gericht abgespielt wurden, werde deutlich, dass der Mann recht konzentriert und gezielt vorgegangen sei, dass er auch den Kassenzettel entgegen seinen Beteuerungen angeschaut habe. Es könne keine Rede sein von Versehen und schlichter Vergesslichkeit.

Das Gericht schloss sich dieser Argumentation an: Die Videoaufnahmen sprächen für sich. Die Erklärungsversuche seien «hanebüchen». Es seien einfach «der Zufälle zu viele» gewesen, sagte der Gerichtsvorsitzende bei der Urteilseröffnung.

Zufällig seien die preisgünstigen und die teuren Artikel in zwei verschiedenen Taschen gewesen, zufällig habe er gerade die mit den teuren Waren auf die Ablage gestellt, zufällig habe er diese ganze Tüte vergessen, zufällig habe er an der Kasse die Frage, ob alles eingescannt sei, übersehen, zufällig habe er den Rechnungsbetrag weder auf dem Kassen-Display noch auf der Quittung gesehen.

Weiterzug ans Bundesgericht nicht ausgeschlossen

In einer ersten Stellungnahme nach der Urteilseröffnung sagte der Verteidiger, man sei überrascht über die Kehrtwende gegenüber der ersten Instanz. Ein Weiterzug ans Bundesgericht sei nicht ausgeschlossen.

Der Staatsanwalt erklärte sich zufrieden mit dem Urteil. Es mache bewusst «man kann erwischt werden», auch darum sei es der Anklage gegangen. Damit habe das Urteil auch eine gewisse präventive Signalwirkung. Vertrauensmissbrauch müsse sanktioniert werden.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Elias Truttmann am 29.05.2019 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Spassvogel. Hat der kein Hobby?

    In Zukunft mit dem Geld für Anwalt und Gerichtskosten einfach im Coop auch das Rindsfilet bezahlen, Problem gelöst.

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  • Alice am 29.05.2019 13:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer es glaubt?

    Es fällt spätesten bei zahlen auf, das Betrag viel zu tief für die Einkauf war:-)

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  • Wissi am 29.05.2019 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    Überraschung

    und daran wird das Selfscanning letztendlich scheitern

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Martial2 am 05.06.2019 10:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das bessere System...

    Kleine Beträge bezahlen wir bar, grössere mit der Bankkarte an der Kasse. Alles korrekt. Fertig!

  • Martial2 am 05.06.2019 10:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Diebstahl par excellence...

    1 Kg Rindsfilet kostet in der Schweiz gut 120 CHF, das wäre praktisch 3 Kg Fleisch, - die man aus Versehen - nicht scannt??

  • Globetrotter am 04.06.2019 07:49 Report Diesen Beitrag melden

    Rückgeld-Kontrolleure?

    Hoffentlich gibt es auch genauso scharfe Rückgeldkontrollen. In vielen Supermärkten stimmt das Rückgeld nur zufälligerweise... Die Rechnung sollte natürlich immer auf beiden Seiten stimmen.

    • Marius am 04.06.2019 07:56 Report Diesen Beitrag melden

      Kam schon vor...

      Das zusätzliche Rückgeld habe ich bisher immer ohne zu murren angenommen.

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  • Na sowas? am 03.06.2019 18:12 Report Diesen Beitrag melden

    Ein versehen?

    Für wie dämmlich hält er andete Leute? Klarer vorsätzlicher Diebstahl

  • Pius A. am 31.05.2019 06:58 Report Diesen Beitrag melden

    Regeln braucht der Mensch¡

    Es ist üblich, das der Einkauf aller Waren ohne wenn und aber bezahlt werden muss. Ansonsten ist es ein Geschenk oder eben ein Diebstahl. Egal ob es um ein oder mehrere Produkte handelt. Denn ich selbst melde mich ja auch an der Kasse, wenn etwas mit dem Kassenbeleg nicht stimmt. Vielleicht ist auch das Selbstbezahl-System nicht jeders-mann/frau sache.