Projekt Dosendealer

06. Dezember 2018 05:44; Akt: 07.12.2018 11:51 Print

Legales Sprayer-Paradies steht kurz vor dem Aus

In Zürich-Seebach gibt es eine Halle, in der legal gesprayt werden darf. Ende Jahr ist Schluss damit, weil auf dem Gelände ein Kunstzentrum entstehen soll.

Noch bis Ende Jahr können auf dem Stierli-Areal Wände legal besprayt werden.
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Ganz legal Wände besprayen – im Kreis 11 ist das möglich. In Lagerhallen des Stierli-Areals in Zürich-Seebach können sich auf 1200 Quadratmetern Künstler und Laien austoben. Doch bis Ende Jahr müssen der Dosendealer-Gründer Yassin Manuel Tair (25) und seine Kollegen raus – genauso wie die anderen 30 Mieter auf dem Areal.

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Dass fast alle Hallen auf dem Gelände der ehemaligen Eisenfabrik abgerissen werden müssen, war schon länger klar. Trotzdem hatte Tair gehofft, dass sie noch bis mindestens im Frühling bleiben dürfen: «Der Vermieter hat uns mehrmals solche Andeutungen gemacht – sogar schriftlich.» Tair glaubt, dass es noch Monate dauert, bis mit dem Abriss begonnen wird: «In dieser Zeit ist es gut möglich, dass die Gebäude besetzt werden.»

«Freiräume für Jugendliche sind knapp»

Ob er für sein Sprayerparadies auf den 1. Januar einen neuen Platz findet, ist mehr als fraglich, sagt Tair: «Bisher haben wir von vielen Seiten Absagen erhalten.» Er wäre auch schon mit kleineren Räumen zufrieden, um den Treffpunkt für die Szene aufrechtzuerhalten.

Bereits im Frühling erhielt er Schützenhilfe von den Gemeinderätinnen Elena Marti (Grüne) und Anjushka Früh (SP). Sie forderten damals den Stadtrat in einem Postulat dazu auf, für das Projekt eine Ersatzliegenschaft bereitzustellen. «Der grosse Zulauf beim Projekt Dosendealer zeigt, dass legales Sprayen einem echten Bedürfnis entspricht», sagt Marti: «Leider ist unser Postulat immer noch hängig – es wird also keine direkte Anschlusslösung für Dosendealer geben.»

Was aber mit dem Stierli-Areal passieren wird, gibt seit Längerem zu reden. So berichteten im Frühling verschiedene Medien, dass auf dem Gelände bald millionenschwere Kunst lagern könnte: Der Blog «Inside Paradeplatz» schrieb gar von einem Kunstbunker für Superreiche und es wurde über ein Zollfreilager gemunkelt.

«Kunstfreilager kann man irgendwo machen»

Dass dort also Kunst unverzollt und unversteuert zwischengelagert würde, ist für Marti unverständlich: «Ein solches Lager kann man irgendwo machen, aber nicht in der Stadt, wo der Boden begrenzt ist – insbesondere für die Jugend gibt es in Zürich zu wenig Freiräume.» Zudem habe die Bevölkerung nichts von einem Kunstlager.

Bei der Eigentümerin Stierli Real Estate AG heisst es hingegen, dass man sehr wohl etwas für die Bevölkerung machen werde. «Es entstehen voraussichtlich bis 2023 eine Galerie, Ateliers für Künstler, eine Eventhalle, Büros sowie ein Restaurant», sagt Verwaltungsratspräsident Markus Schad Müller. Auch das Kunstlager, das vermutlich zollfrei sein werde, sei Teil des Konzeptes: «Mit Künstlerateliers allein verdient man kein Geld.»

Kein Platz für Dosendealer

Die Baubewilligung sei bereits rechtskräftig, noch fehle die Abrissbewilligung – wann auf dem Gelände nächstes Jahr die Bagger auffahren, sei noch unklar: «Auch wenn wir mit dem Abriss nicht im Januar beginnen, mussten wir bei den derzeitigen Vermietungen einen Schlussstrich ziehen.» Im Vorfeld müssten in den leeren Gebäuden noch Arbeiten erledigt werden, so Schad. Gegen allfällige Besetzungen seien Massnahmen geplant.

Dass er Dosendealer eine Verlängerung des Mietvertrages in Aussicht gestellt gehabt habe, sei richtig: «Ich habe mich immer für das Projekt eingesetzt, aber nun haben sich unsere Pläne geändert.» Zudem könne man nicht einen einzelnen Mieter bevorzugen. Er bedauert, dass es für Dosendealer noch keine Ersatzliegenschaft gibt. Doch auch im umgebauten Stierli-Areal wird es wohl kaum Platz für ein solches Projekt geben: «Wir haben nicht genügend Wände zum Besprayen.»

Am Freitag findet die letzte Vernissage von Dosendealer im Stierli-Areal statt.

(som)

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