Totschlag in Zürich-Höngg

11. Mai 2010 17:05; Akt: 12.05.2010 10:34 Print

Mädchen vor Bluttat beim Klauen erwischt

Noch kurz vor dem mutmasslichen Totschlag durch den Vater wurde die Polizei wegen eines Ladendiebstahls der Tochter eingeschaltet. War der Vorfall der Auslöser für die Tat?

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Die Stimmung in der Familiensiedlung Rütihof in Zürich-Höngg ist gedrückt. Mitten in der friedlichen Überbauung hat sich am Montagabend ein Drama abgespielt: Der 51-jährige N.R. hat seine 16-jährige Tochter S.R. im Streit erschlagen. Während das Oberhaupt der sechsköpfigen Familie in Haft sitzt, hat sich die Bluttat längst im Quartier herumgesprochen: «Ich kann es nicht fassen, es ist einfach nur traurig», sagt eine Nachbarin.

Über die Eltern ist nur wenig bekannt. Im Quartier kennt man vor allem die vier Kinder: Sohn A. ist neun Jahre alt, die drei Töchter, V., R. und S. sind zwischen 13 und 16 Jahren alt. Warum sie die Wut des Vaters weckte, ist unklar. Gegenüber der Polizei gestand der Vater bisher nur, dass er sie während eines Streites erschlug. Aber: Wie die Stadtpolizei heute mitteilte, wurde die Tochter am Tag der Tat bei einem Ladendiebstahl erwischt. Die Polizei wurde eingeschaltet, wie Pressesprecher Marco Cortesi ausführte.

Polizei musste dreimal zur Familie ausrücken

Die Nachbarn können sich vorstellen, weshalb der Streit eskalierte: «S. war eine Schönheit», sagt eine Nachbarin. Sie habe sehr viel Wert auf ihr Äusseres gelegt. «Wahrscheinlich ging es um einen Freund.» Tatsächlich ist die 16-Jährige vor rund drei Wochen von Zuhause ausgerissen. Die Polizei entdeckte sie bei ihrem Freund. Wie Radio 24 berichtet, war es nicht der erste Kontakt mit den Gesetzeshütern: Die Stadtpolizei bestätigte, schon vor dem Todestag dreimal zur Familie R. ausgerückt zu sein.

Zudem hat die Familie seit drei Jahren einen Beistand, wie Martin Naef, Sprecher der Vormundschaftsbehörde der Stadt Zürich, bestätigte. Der Erziehungsbeistand sei aufgrund von «Gefährdungsmeldung» für die vier Kinder eingesetzt worden. Wie Radio 24 berichtet, wurde zusätzlich ein ägyptischer Familienbegleiter aufgeboten, der der pakistanischen Familie helfen sollte, sich im Schweizer Alltag kulturell zurechtzufinden.

Vater hatte vor drei Wochen einen Herzinfarkt

Vom 51-jährigen Vater waren in der Nachbarschaft offenbar zwei Seiten bekannt: Die einen Nachbarn beschrieben ihn als «komischen Mann», «der gewalttätig wirkte» und «aggressiv aufgetreten» sei. Andere sahen in ihm genau das Gegenteil: Er sei ein «scheuer», «ruhiger» und «zurückhaltender» Mann. In der Wohnung sei es aber oft laut gewesen, wie verschiedene Nachbarn sagten: Immer wieder sei Geschrei aus der Wohnung zu vernehmen gewesen, immer wieder hörten sie das Brüllen des Vaters. «Ich wusste nie, ob sie einfach laut sprachen oder ob sie wirklich stritten», sagt der Abwart des Mehrfamilienhauses an der Rütihofstrasse. Ausser dem ständigen Lärm sei die Familie aber nicht auffällig gewesen: «Sie lebten eher zurückgezogen».

Die engsten Kontakte zu der Familie R. hatte die Familie G. aus dem Nachbarshaus: Die Söhne der beiden Familien seien gute Freunde gewesen. «A. ging bei uns ein und aus», sagt Vater G. Dennoch habe man die Eltern nur flüchtig gekannt. Der Vater habe gearbeitet, die Mutter sei arbeitslos gewesen. «Wir haben ihnen immer wieder Hilfe angeboten, weil sie kein Auto und kaum Geld hatten, aber irgendwie blieben sie immer für sich.»

Bereits vor drei Wochen musste die Ambulanz an die Rütihofstrasse ausrücken. «Der Vater hatte damals einen Herzinfarkt erlitten», so der Nachbar weiter. Er vermutet, dass das Drama vom Montag sich langsam anbahnte. «Dieser Konflikt kochte wohl länger vor sich hin und entlud sich in diesem tragischen Ereignis.»

(amc)