04. Mai 2007 13:13; Akt: 06.05.2007 19:45 Print

Minarett? «Kein Problem!»

Die Mahmud-Moschee in Zürich steht seit 1963. Die Nachbarn stört das nicht. Im Gegenteil: Sie loben die «freundlichen Leute» und haben auch mit dem Minarett kein Problem - im Gegensatz zur SVP.

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Die SVP spricht von «Leuchttürmen des Dschihad» und vom «Symbol des religiös-politischen Machtanspruchs». An der Zürcher Forchstrasse hat man für solche Äusserungen keinerlei Verständnis. Hier steht seit 1963 genau jenes Symbol, gegen das die SVP nun Sturm läuft: Das Minarett der Mahmud-Moschee. Rosina Wüst wohnt mit ihrer Familie seit Jahren direkt neben der Moschee – mit freiem Ausblick auf das Minerett. Sie sagt: «Wir hatten noch nie irgendwelche Probleme. Weder mit den Menschen, die die Moschee besuchen, geschweige denn mit dem Minarett.» Für Wüst ist das Minarett mittlerweile so selbstverständlich wie der gegenüberliegende Kirchturm der reformierten Kirche. «Es steht für mich überhaupt nicht zur Diskussion. Ein Abbruch käme für mich nicht in Frage.»

100'000 Unterschriften nötig

Die SVP- und EDU-Politiker sehen das anders. Mit einer gestern lancierten Volksinitiative will man den Bau von Minaretten gesetzlich verbieten. Bis zum November 2008 hat das Initiativ-Komitee Zeit, die nötigen 100 000 Unterschriften zusammenzubringen. Bevor das Vorhaben dem Volk vorgelegt wird, verlangen die Initianten ein Moratorium für den Moschee-Bau. Die SVP ist wegen der Baugesuche der Minarette in Wangen SO, Langenthal und Will und wegen der Pläne für ein muslimisches Zentrum im Wankdorf besorgt.

Guter Kontakt zu den Muslimen

Rosina Wüst ist längst nicht die einzige unter den befragten Nachbarn, die die Diskussion nicht nachvollziehen kann. Christian Voss wohnt zwei Häuser neben der Moschee. Er sagt: «Es war vielleicht am Anfang ungewohnt, neben einer Moschee zu wohnen. Aber man gewöhnt sich sehr schnell daran.» Auch sein Sohn hat sich längst an die Nachbarn gewöhnt: «Mein Kind spielt oft mit den Kindern aus der Moschee. Sie haben einen guten Kontakt.»

«Die Moschee sorgte noch nie für Diskussionen», sagt auch Bettina Daeppen, die seit zwölf Jahren in der benachbarten Zahnarztpraxis arbeitet. Sie hat viel Kontakt mit Personen aus der Nachbarschaft. Von Problemen hat auch sie noch nie gehört. Das «SVP-Symbol des Bösen» war bis anhin nicht einmal Diskussionsthema in der Nachbarschaft. In der Bäckerei freut man sich über den Besuch der «sehr freundlichen Menschen» und eine ältere Dame auf der Strasse sagt: «Ich nehme sie ehrlich gesagt gar nicht mehr wahr. Und das ist doch ein gutes Zeichen!»

«Unbegründete Angst»

Die SVP schürt mit ihrer Minarettverbots-Initiative Ängste, die man an der Forchstrasse nicht nachvollziehen kann. In der Mahmut-Moschee der Ahmadiyya-Bewegung des Islams schon gar nicht: «Klar, es gibt in der Schweiz Menschen, die Bedenken haben», sagt Ahmed Sadaqat, der seit fünf Jahren als Imam die Moschee leitet. «Aber wenn man die Angst schürt, so wie das gewisse Parteien machen, gibt es nur immer mehr Menschen, die Angst haben. Und diese Angst ist für mich absolut unbegründet.» Für die Muslime ist das Minarett ein Zeichen der Verbindung der Menschen zu Gott. «Es ist für uns aber vor allem auch ein wichtiges Erkennungsmerkmal», erklärt Sadaqat. Durch das Symbol des Islams fänden auch immer wieder Touristen den Weg zum Gebet, die zufällig an der Moschee vorbeifahren. Auch Schweizer würden sich immer wieder über die Moschee erkundigen. Sadaqat sagt: «Das Verhältnis mit der Nachbarschaft ist ideal und völlig problemlos. Wir pflegen auch mit der reformierten Kirche einen guten Kontakt. Sie stellen uns am Freitag jeweils ihre Parkplätze zur Verfügung.»

An der Forchstrasse ist das interreligiöse Zusammenspiel kein Problem. Ein Problem dürfte die SVP mit ihrer Verbotsinitiative für Minarette noch bekommen. Nach Meinung des ehemaligen Präsidenten des Bundesgerichts, Giusep Nay, tangiert die Initiative die Religionsfreiheit. Sie verletze die Europäische Menschenrechtskonvention und damit Völkerrecht.

Marius Egger

(Video: Marius Egger/Viviane Barbieri)