«Inakzeptable Zustände»

20. Oktober 2015 16:41; Akt: 20.10.2015 16:49 Print

Mindestens ein Dutzend Gammel-Häuser in Zürich

Mietwucher bei Wohnungen von Sozialhilfeempfängern sind in Zürich kein Einzelfall. Die Stadt versucht dagegen vorzugehen – doch einfach ist das nicht.

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Er wurde festgenommen: Liegenschaftsbesitzer Peter S. aus Küsnacht. Vorwurf: Mietwucher. S. wehrte sich Anfang 2014 gegen Vorwürfe der Zeitschrift «Beobachter» wegen angeblich problematischer Zustände: Es werde immer alles sofort in Ordnung gebracht, sagte er dem «Tages-Anzeiger». Die Polizei ist am Dientagmorgen, 20. Oktober 2015, mit einem Grossaufgebot an der Neufrankengasse aufgekreuzt und nahm insgesamt drei Mehrfamilienhäuser unter die Lupe, die allesamt Peter S. gehören. Die Neufrankengasse wurde abgesperrt und rund 120 Bewohner befragt. Und so wohnt Peter S. in Küsnacht. Unter anderem geht es um die Neufrankengasse 6 (rechts) und 14. Beide Häuser wurden Anfang der 1970er Jahre gebaut und gehören seit einigen Jahren Peter S. In den Kleinwohnungen leben praktisch ausschliesslich Randständige - vor allem Sozialhilfeempfänger, Drogensüchtige und Prostituierte. Und zwar zu horrenden Mieten. Die Mieter haben hier selbst an der Haustüre unten nur Nummern. Auf sieben Etagen sind über 30 Kleinwohnungen untergebracht. Schon im Treppenhaus riecht es nach Urin - überall liegt Abfall herum, die Türen, auch jene des Lifts, sind teils demoliert. Angeblich soll es einen Hauswart geben. Der 43-jährige Grulovic Ljubisa wohnt seit vier Jahren in einer angeblichen Eineinhalbzimmer-Wohnung mit rund 15 Quadratmetern im dritten Stockwerk und bezahlt dafür 1100 Franken im Monat. Die Wohnung ist vermutlich Teil einer einst grösseren Wohnung - daraus wurden später zwei. Denn die Küche hier scheint nachträglich eingebaut und verfügt bloss über zwei Herdplatten und nicht einmal ein Spülbecken. Auf der anderen Seite des Gangs, der die Küche sein soll, gibt es lediglich dieses kaputte Lavabo. Dieses gehört aber eigentlich... zur Dusche und dem WC daneben. Die Duschkabine ist voller Essensreste, da ja das Lavobo kaputt ist. Blick in das Badzimmer einer anderen Wohnung. Andreas Widmer ist einer der Mieter, die im Gammel-Haus wohnen. In seinem Badezimmer ist das Lueftungsrohr zum Schutz vor Ungeziefer zugeklebt. Im Treppenhaus liegen Zigarettenstummel und an den Wänden sind Urinspuren zu sehen. «Mietwucher ist juristisch komplex», sagt Niklaus Scherr, Stadtzürcher AL-Gemeinderat und Ex-Chef des Mieterverbands: Alles müsse dokumentiert sein. Der Verband war vor über 20 Jahren bei mehreren Mietwucher-Fällen vor Gericht abgeblitzt - obwohl der Tatbestand vordergründig vorhanden war. Ein Polizist sperrt die Treppe zum 6. Stock an der Neufrankengasse 6. Auch im Keller sind Polizisten präsent. Draussen quellen die Müllcontainer über.

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Kakerlaken, Uringeruch, alles ist dreckig und kaputt: In zwei Häusern an der Neufrankengasse und in einem an der Magnusstrasse im Kreis 4 hat Vermieter Peter S. Wohnungen in einem desolaten Zustand zu horrenden Preisen vermietet, meist an Sozialhilfebezüger. Die Polizei ging am Dienstag mit einer Grossrazzia gegen den Mietwucher vor und verhaftete vier Personen.

Neu ist das Problem nicht. In Zürich gibt es einige Vermieter, die Flüchtlinge und Sozialhilfebezüger in ihren Lotterliegenschaften leben lassen. Für eine Einzimmer-Wohnung mit eigener Küche und Bad verlangen sie 1100 Franken – das ist der Maximalzins, den die Stadt für ihre Sozialhilfebezüger zahlt.

Regelmässige Kontrollen in Lotterliegenschaften

«Uns sind ein Dutzend Liegenschaften bekannt, in dem die Zustände fragwürdig sind», sagt Michael Rüegg, Sprecher des Sozialhilfedepartements. Dabei sei es nicht überall gleich schlimm: «Wir sind aber daran, dagegen etwas zu unternehmen.»

So werden schon seit 2014 Kontrollen wegen baurechtlicher oder hygienischer Mängel durchgeführt, an denen verschiedene Abteilungen der Stadt wie die Polizei, die Schädlingsbekämpfung oder die Feuerpolizei beteiligt sind. «Stossen unsere Leute dabei auf Baumängel, Schädlinge oder Schimmelbefall, erhält der Vermieter die Auflage, das zu beheben», sagt Rüegg. Zudem erkläre man Mietern, dass sie sich gegen unhaltbare Zustände wehren könnten: «In so einem Fall ermutigen wir die Mieter, vor Mietgericht zu sehen.»

Mieter scheuen vor Klage zurück

Momentan sind laut Rüegg zwei Verfahren am Laufen. «Viele Mieter zögern allerdings, ihren Vermieter anzuklagen», sagt er. Denn viele Menschen, die am Rande der Gesellschaft lebten, seien einfach nur froh, wenn sie etwas fänden. Die Stadt versucht ihnen laut Rüegg dabei zu helfen und fördert etwa den Bau von gemeinnützigem Wohnraum: «Trotzdem sind bezahlbare Wohnungen immer noch Mangelware.»

Dass die Vermieter dafür weniger verlangen als der Maximalzins von 1100 Franken, sei Wunschdenken: «In der Schweiz haben Vermieter einen grossen Spielraum bei der Festlegung der Mietzinse.»

(som)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Städtler am 20.10.2015 09:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Big up!

    Danke Kapo&Stapo, solche Einsatze gefallen!

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  • S. Sommer am 20.10.2015 09:21 Report Diesen Beitrag melden

    geht gar nicht!

    Sehr gut, wird da etwas gegen die Vermieter unternommen!! Weiter so!

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  • Heinrich Zimmermann am 20.10.2015 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    Mich überkommt Hoffnung...(zu recht?)

    Na endlich mal eine positive Meldung, danke

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Veilchenblüte am 20.10.2015 19:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Empörend...

    ...und wieso kann bei solchen unzumutbaren Zuständen schwierig etwas machen? Unglaublich!!!!!

  • Thomas Winkler am 20.10.2015 18:35 Report Diesen Beitrag melden

    Verhaftet wie ein Gewaltverbrecher

    Was kann der Vermieter dafür wenn die Mieter ihre Wohnungen zumüllen und nicht reinigen? Natürlich müssen Wasserversorgung, Heizung etc. funktionieren. Wenn aber Insatllationen zerstört werden müssen diese vom Mieter selbst repariert werden. Dass der Hausbesitzer deswegen verhaftet und wie ein Gewaltverbrecher behandelt wird ist ein Skandal! Welche Idee hat die Stadt Zürich mit samt der Staatsanwaltschaft, wo diese Leute wohnen sollen? Etwa auf der Strasse so wie dies in vielen anderen europäischen Städten zu beobachten ist?

  • willy wiesel am 20.10.2015 18:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gammelhäuser in der Schweiz

    gammelhäuser was ich in den letzten 20.jahren als servicetechniker erlebt habe, möchte ich wirklich nicht in dieses portal schreiben. wenn man in treppenhäuser, mit überziehschuhe und handschuhen nur betreten kann,besonders im kreis 4. kann man mit wenig phantasie vorstellen wie die wohnungen aussehen.

  • malino am 20.10.2015 18:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer Ermöglicht solche Verträge

    Es müsste doch ein leichtes sein, wenn das Bauamt ein Nutzrecht per sofort entziehen kann. Die Leute ins Hotel auf Kosten des Verursacher verlegen. Bis der Zustand erstellt ist. Ich Glaube nicht dass es noch wucherer gäbe. Manchmal könnte man Glauben dass betrug erwünscht ist so die Gesetzte.

  • geschockt am 20.10.2015 18:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kaum

    ...zu glauben, dass diese Bilder in Zürich oder besser gesagt in der Schweiz geschossen worden sind