Schaffhausen

11. September 2019 06:37; Akt: 11.09.2019 17:35 Print

Kettensägen-Mann kommt nicht auf freien Fuss

Das Kantonsgericht verurteilt Franz W. für seine Kettensägen-Attacke in einer CSS-Filiale mit zwei Schwerverletzten. Er bleibt damit weiterhin in einer psychiatrischen Klinik.

Thomas Fingerhuth verteidigt den Angeklagten. (Video: R.Lieberherr)
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Am 24.Juli 2017 stürmte Franz W.* mit einer laufenden Kettensäge in die Schaffhauser CSS-Filiale und verletzte zwei Mitarbeiter schwer. Das Kantonsgericht verurteilte den 53-Jährigen nun wegen mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer stationären Massnahme. Er bleibt somit weiter in einer forensischen Psychiatrie-Klinik. Vorläufig für fünf Jahre, danach folgt eine weitere Beurteilung.

Die Zivilklagen der Opfer werden auf den zivilgerichtlichen Weg verwiesen. Sie erhalten in diesem Prozess keine Entschädigung. Laut dem Richter handelte W. nicht aus Notwehr. Trotz seiner Halluzinationen, die ihn zur Tat bewegt hatten, sei sich W. der Gefährlichkeit seiner Tat bewusst gewesen, so der Richter.

«Aufgrund seiner psychischen Erkrankung konnte W. die Tat nicht vermeiden», begründete der Richter weiter. Er sei zum Tatzeitpunkt schuldunfähig gewesen, damit sei W. nicht strafbar. Deshalb werde eine stationäre therapeutische Massnahme angeordnet. Diese sei erforderlich, um weitere Sraf- oder Gewalttaten durch W. zu verhindern.

Sofortige Entlassung gefordert

W.s Verteidiger Thomas Fingerhuth hatte auf Notwehr plädiert: Er forderte die sofortige Entlassung von W. und eine Genugtuung von 160’000 Franken. «Franz W. hat im Wahn gehandelt. Er fühlte sich lebensgefährlich bedroht, wollte sich wehren.»

W. habe sein Handeln nicht steuern können, habe die Tat nicht vorsätzlich begangen und dürfe daher nicht mit einer stationären Massnahme bestraft werden, argumentiert er. Der Verteidiger will den Fall nun weiterziehen, «notfalls bis vor Bundesgericht».

«Der Teufel erschien, ich hatte Todesangst»

W. war laut psychiatrischem Gutachten zum Tatzeitpunkt schuldunfähig. Er leidet an einer besonders schweren Schizophrenie, die Rückfallgefahr für weitere Gewaltdelikte sei «sehr gross». W. selbst sieht sich nicht als krank an, er leide seit einem Vespa-Unfall von 1999 nur an einem Schädel-Hirn-Trauma.

In grauem Hemd, kurzgeschorenem Haar und Handschellen am Gürtel sagte W. vor Gericht: «Ich spüre ständig schwarze Energien und negative Kräfte, die mich befangen.» Einmal habe ihn Jesus Christus zwei Tage lang «an den Boden genagelt» und ihn gezwungen, an ihn zu glauben.

Am Tag vor der Tat hatte er ein ähnliches Erlebnis: Da sei ihm der CSS-Mitarbeiter M.F.* erschienen. «Der Teufel in der Gestalt von M.F. wollte mich angreifen und töten. Ich hatte Todesangst.» W. lag seit Längerem mit der CSS im Clinch. Kurz vor dem Angriff suchte er zwei Mal die Filiale auf, um 8000 Franken zu erhalten, weil ihm sein Reisegepäck gestohlen worden war. Weil er seit längerem keine Prämien bezahlt hatte, bekam er das Geld nicht.

«Wollte niemanden töten»

Laut dem Staatsanwalt stürmte W. am Tattag mit laufender Motorsäge in die CSS-Filiale. Er ging «wie in Trance» auf den Angestellten M.F. los, schwang die Kettensäge mehrfach auf ihn zu und verletzte ihn schwer am Hinterkopf und der Hand. Dann attackierte er A.B.*, der dem Kollegen zu Hilfe eilte – und verletzte auch diesen schwer an Brust und Oberschenkel.

«Es war nur Glück, dass die beiden nicht lebensgefährlich verletzt wurden», so der Staatsanwalt. Der Beschuldigte habe in klarer Tötungsabsicht gehandelt. W. verteidigte sich: «Ich wollte nie jemanden töten.» Er habe Todesangst vor M.F. gehabt. Als er dessen Angst gesehen habe, habe er von ihm abgelassen. A.B. habe er lediglich aus Reflex verletzt.

In seinem Schlusswort entschuldigte sich W. bei den Opfern, die nicht persönlich vor Ort waren. «Ich habe einen Fehler gemacht.» Die beiden CSS-Mitarbeiter haben auf zivilgerichtlichem Weg Schadenersatzforderungen gestellt. Zum Abschluss kritisierte W. die Justiz und die Psychiatrie: «Sie zwingen mich, Medikamente zu schlucken. Das ist Folter.»

W. war vorbestraft

Nach seiner Tat hatte W. das Weite gesucht und war zum Bahnhof Schaffhausen geflüchtet. Einen Tag später wurde er in Thalwil ZH verhaftet. Dabei trug er in einer Tasche zwei Armbrüste mit sich, die mit 16 Zentimeter langen Pfeilen geladen waren - dies, weil er sich vor der Verschleppung durch Menschenhändler fürchtete.

Seit 2016 hatte W. hauptsächlich im Wald bei Schaffhausen gelebt, in einem VW-Lieferwagen. Er wurde in Vergangenheit bereits zweimal wegen Widerhandlung gegen das Waffengesetz verurteilt. Beide Male erhielt er eine Geldstrafe.

*Namen der Redaktion bekannt

Das war der Prozess im Ticker:


(sda)