Bizarrer Dignitas-Fall

15. August 2012 08:24; Akt: 15.08.2012 09:54 Print

Polizei «beschlagnahmt» sterbende Frau

Die Zürcher Behörden haben eine bewusstlose, sterbende Frau aus einem Dignitas-Zimmer geholt und ins Spital überführt. Sterbehelfer Ludwig A. Minelli hat juristische Schritte eingeleitet.

storybild

Die sterbewillige Frau schlief während der Einnhame des Narkosemittels Natrium-Pentobarbital (NaP)ein. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Eine 67-jährige Frau hat eine schwere Erbkrankheit. Sie wiegt nur noch 35 Kilogramm und will sterben. Am 2. August versammeln sich ihre Freunde in einer Liegenschaft der Sterbehilfeorganisation Dignitas in Pfäffikon ZH. Die Sterbewillige schluckt Natrium-Pentobarbital (NaP), schläft aber noch während des Trinkens des Narkosemittels ein. Sie nimmt somit nur die Hälfte der üblichen Dosis zu sich.

Diese Menge hätte dennoch ausgereicht, um den Tod der Frau herbeizuführen, sagt Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli im «Tages-Anzeiger».

Doch die Frau starb nicht sofort, sondern fiel zunächst in eine tiefe Bewusstlosigkeit. Die bei einer Freitodbegleitung immer aufgebotenen Polizisten verständigten schliesslich die Behörden: Zwei Staatsanwälte und ein Arzt des Instituts für Rechtsmedizin verfügten gegen den Willen der anwesenden Freunde der Frau, dass diese ins Spital Uster überführt werden müsse. Hier starb die Frau schliesslich.

Behörden sollen von «Objekt» gesprochen haben

Dignitas-Chef Minelli, der zuvor von den Sterbehelfern herbeigerufen worden war, protestiert scharf gegen diesen Beschluss. Ein solcher Eingriff in eine Freitodbegleitung sei «willkürlich» und eine «Provokation». Die Behörden hätten zudem jedes Feingefühl vermissen lassen und sogar von einer «Beschlagnahmung des Objekts» gesprochen – mit «Objekt» war die sterbende Frau gemeint.

Dem hält die Staatsanwaltschaft See/Oberland entgegen: In Fällen, in denen Komplikationen aufträten und sterbewillige Personen nicht sterben würden, habe man in Absprache mit dem Kantonsarzt und dem damaligen Chef des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich entschieden, die Patienten ins Spital zu transportieren.

Faires Sterbenlassen?

«Es geht dabei nicht um eine Wiederbelebung, sondern um ein faires Sterbenlassen», sagte der Sprecher der Oberstaatsanwaltschaft dem «Tages-Anzeiger». Minelli hat am Montag beim Obergericht Beschwerde gegen die Staatsanwaltschaft See/Oberland eingereicht. Wegen rechtswidriger Einmischung in eine Freitodbegleitung.

Im Gegenzug prüft die Staatsanwaltschaft I, die sich mit besonderen Untersuchungen befasst, ob die Sterbehilfebegleitung von Dignitas richtig durchgeführt wurde. Sie will aber auch abklären, ob die Überführung der sterbewilligen Frau ins Spital unter den gegebenen Umständen wirklich gerechtfertigt war.

(gux)