Hardturm besetzt

04. Juli 2008 19:12; Akt: 05.07.2008 14:46 Print

Polizei droht Strafanzeige

von Gregor Patorski, Nuria Furrer,
Rupen Boyadjian
- Die friedliche Aktivisten-Gruppe, welche vor drei Jahren während ein paar Tagen die Shanty-Town-Siedlung an der Sihl betrieb, hat das leer stehende Hardturm-Stadion besetzt. Die Zürcher Stadtpolizei reagierte mit Knüppeln, Gummischrot und Tränengas - und muss jetzt mit einer Strafanzeige rechnen.

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Kurz nach 18 Uhr erhielten viele Zürcherinnen und Zürcher eine SMS-Botschaft von einem anonymen Absender namens «Brotäktsche» mit folgendem Inhalt: «Besammlung jetzt 4. 7. 18 Uhr. Wir besetzen das Hardturmstadion: Spiele, Live-Bühne, Sound-System, Party. Reclaim the Games! Mir sind Züri!»

Laut Pressemitteilung sollen dieses Wochenende im Stadion die «Brot & Äktschen»-Spiele stattfinden. Es solle ein friedliches Wochenende voller nichtkommerzieller, selbstbestimmter, unreglementierter und ausgelassener Spiele, Konzerte und Parties, kulinarischer und künstlerischer Darbietungen werden.

Man wolle zeigen, dass Grossanlässe «auch ohne Sponsoring, absurde Sonderregelungen, 1000schaften von Polizeikräften, Militäreinsätzen und Überwachung durch Drohnen durchführbar sind». «Brot&Äktschen» steht in der Tradition von Aktionen wie «Reclaim The Streets», «Shantytown» (2005, Story / Bildstrecke) oder «Danslieue» (2006, Story / Bildstrecke).

Polizei schiesst in Menschenmenge

Die friedliche Stimmung hielt nicht lange. Als nach sechs Uhr abends die ersten zwei Streifenwagen mit vier oder fünf Polizisten am Ort des Geschehens ankamen und in den Hardturm vorzudringen versuchten, kam es zu einer «unkontrollierten Situation», als sich ihnen rund acht teils vermummte Aktivisten in den Weg stellten.

Laut Augenzeugenberichten schoss die Polizei aus unmittelbarer Nähe und ohne Vorwarnung mit Gummigeschossen in die Menge. Ausserdem wurde der Fotograf Klaus Rósza der Zürcher Bildagentur photoscene «von Polizisten zu Boden geworfen, massiv malträtiert, illegalerweise festgenommen und abgeführt.»

Die Polizisten zogen sich zurück und warteten zunächst auf Verstärkung. Ein Polizist verletzte sich leicht am Arm. Zwei Aktivisten wurden verhaftet. An einem anderen Eingang setzte die Polizei Reizstoffgas ein, wahrscheinlich um den Transport von Baumaterialien zu verhindern. Diese waren an dieser Stelle vor dem Stadion in einer getürkten Baustelle zwischengelagert worden.

Ein erster Vermittlungsversuch von Seiten von «Brot&Aktion» wurde laut den Aktivisten im Keim erstickt, die Vermittlerin sei auf der Stelle verhaftet worden. Um 19 Uhr beruhigte sich die Lage wieder.

Polizei duldet bis Sonntag

Laut Polizeisprecher Ruf will die Polizei nach Absprache mit der Stadionbesitzerin die Aktion bis Sonntagabend dulden - also ebensolange, wie die Aktivisten das leer stehende Hardturmstadion besetzen wollen. Falls jedoch vorher Klagen eingehen sollten, werde je nach Situation neu entschieden.

Zu den Schüssen zu Beginn der Aktion wollte die Polizei gegenüber 20 Minuten Online zunächst keine Auskunft geben. Später hiess es, die einrückenden zwei Patrouillen seien unvermittelt mit Flaschen und anderen Gegenständen beworfen worden. Deshalb hätten sie mit Gummigeschossen und mit Reizstoffgas reagiert.

Um 20 Uhr zog die Polizei laut Augenzeugenberichten ab, die Aufbauarbeiten gehen weiter, immer mehr Menschen strömten auf das Hardturmareal: Rund 500 Aktivisten sind zur Zeit vor Ort - Tendenz steigend. Für die Polizei wird der Einsatz gegen den Journalisten ein Nachspiel haben (siehe Infobox). Er will laut seiner Agentur wegen der ungerechtfertigten Verhaftung Strafanzeige gegen die Zürcher Stadtpolizei erheben.