Winterthur

09. September 2019 21:24; Akt: 10.09.2019 00:41 Print

Polizei schätzt Fall falsch ein und lässt Prügler frei

Ein festgenommener Gewalttäter war nach seiner Festnahme während fünf Monaten auf freiem Fuss. Die Stadtpolizei Winterthur spricht von «Kontrolllücken».

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Die Stadtpolizei Winterthur hat im Sommer 2018 einen Gewalttäter festgenommen. Dieser hatte keinen festen Wohnsitz und war bereits früher wegen eines Delikts zur Verhaftung ausgeschrieben. Die Polizei liess ihn am nächsten Tag wieder frei. Wie es sich später herausstellte, war das ein Fehler.

Der Vorfall spielte sich bei der Kirche St. Peter und Paul hinter dem Hauptbahnhof in Winterthur ab, wie der «Landbote» schreibt. Der Täter verprügelte dort seinen Kollegen. Hintergrund sei eine Eifersuchtsgeschichte gewesen. Der Täter schlug dem Opfer ins Gesicht. Daraufhin fiel der Kollege zu Boden. Dann folgten mehrere Faustschläge auf den Kopf, bei denen dem Opfer die linke Augenhöhle und das Nasenbein gebrochen wurden. Zudem erlitt es mehrere Rissquetschwunden.

Polizei liess Täter am nächsten Tag wieder laufen

Die Polizei rückte danach unmittelbar mit Blaulicht zum Tatort aus. Den mutmasslichen Täter nahmen sie auf die Polizeiwache mit. Wie die Stadtpolizei mittlerweile analysiert hat, sei die Schwere des Delikts vom fallführenden Mitarbeiter vor Ort «falsch eingeschätzt» worden. Dieser erste Fehler sei durch einen anschliessenden Schichtwechsel noch begünstigt worden. Offenbar war ein Teil der Verwirrung auch darauf zurückzuführen, dass der Festgenommene schon wegen eines früheren Delikts zur Verhaftung ausgeschrieben war.

Die Staatsanwaltschaft erfuhr nichts von der schweren Körperverletzung. Es wurden so auch keine Blut- oder Urinproben genommen und auch keine rechtsmedizinischen Untersuchungen rund um den Vorfall durchgeführt.

Die Staatsanwaltschaft nahm den Fall später wieder auf und machte eine polizeiliche Ausschreibung. Fünf Monate nach dem Winterthurer Vorfall wurde der Mann wieder festgenommen und blieb in Haft. Letzten Juni wurde er verurteilt und muss bis im nächsten Sommer in einem Massnahmenzentrum bleiben.

Es gab «Kontrolllücken»

Erst beim Gerichtsprozess kamen die Versäumnisse ans Licht. Als der «Landbote» die Oberstaatsanwaltschaft damit konfrontierte, wurde eine interne Untersuchung gestartet. Wie der Sprecher Michael Wirz zur Zeitung sagt, habe es Kontrolllücken in ihren streng reglementierten Arbeitsabläufen gegeben. Obwohl grosses Gewicht auf die Qualitätssicherung bei der ersten Tatbestandsaufnahme und bei Schichtwechseln in diesem Bereich vorliege, müssten diese optimiert werden.

Der betreffende Mitarbeiter, der zu diesem Zeitpunkt im Dienst war, hat sich inzwischen bei der Stadtpolizei umorientiert und arbeitet im Innendienst. Laut Wirz sei es nicht nötig gewesen, dass man eine vorsorgliche Versetzung hätte prüfen müssen.

(lar)