Schlieren

09. Dezember 2013 13:18; Akt: 09.12.2013 14:00 Print

Polizeigewalt gegen Schrebergärtner?

von Attila Szenogrady - Zwei Beamte der Stadtpolizei Schlieren hätten einen Schrebergärtner zusammengeschlagen und beklaut. Nicht zu beweisen, befanden die Verteidiger und forderten Freisprüche.

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Hort der Polizeigewalt? Ein beliebiger Schweizer Schrebergarten. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

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«Die beiden Beschuldigten haben ihre Amtsgewalt auf das Schändlichste missbraucht», erklärte der zuständige Staatanwalt Andrej Gnehm. Die Vorwürfe gegen die beiden langjährigen Beamten der Stadtpolizei Schlieren wogen schwer. Laut Anklage rückten die beiden Polizisten am 24. Juni 2011 zu den Schrebergärten an der Ifangstrasse aus. Grund dafür war ein Nachbarschaftsstreit, der eskaliert war. Die Ordnungshüter wollten dabei einen offensichtlich angetrunkenen Schrebergärtner kontrollieren.

Opfer eingesperrt, verprügelt und beklaut

Die Anklageschrift schilderte, wie die beiden Polizeibeamten den renitenten Geschädigten in sein Gartenhäuschen einsperrten und danach während zehn Minuten gemeinsam verprügelten. Abwechslungsweise schlugen sie ihm in drei Serien 9 bis 12 Mal mit der flachen Hand wuchtig ins Gesicht. Als das Opfer auf den Boden fiel, trat ihm einer der Beamten laut Anklage in den Oberbauch. Später beugte ihm derselbe Beamte den linken Zeigefinge rund forderte ihn auf, sein angebliches Versteck von Hanfkraut preiszugeben.

Dann nötigte das Duo den verletzten Schrebergärtner, einen Brief aufzusetzen, wonach er der Liegenschaftsverwaltung mitteilte, sich nie mehr an dieser Oertlichkeit blicken zu lassen. Zum Schluss nahmen die Beamten dem arbeitslosen Schweizer sein Handy und einen Schlüssel weg. Dann forderten sie ihn auf, endlich zu verreisen und folgten ihm später mit dem Patrouillenfahrzeug. Wobei der Geschädigte zu Fuss das Weite suchte und nicht mitbekam, wie die beiden Polizisten später zurückkehrten und sein Grundstück durchsuchten.

Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft

Der Geschädigte begab sich vier Tage nach dem Vorfall zum Arzt, wo er seine Verletzungen untersuchen liess. Drei Monate später erstattete er eine schriftliche Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft. Mit Erfolg, da die Untersuchungsbehörden die Darstellungen des Anzeigeerstatters als sehr glaubhaft einstuften und eine Strafuntersuchung gegen die Polizeibeamten einleiteten.

Seit Montag stehen die beiden Beschuldigten vor dem Bezirksgericht Dietikon. Dabei kam heraus, dass ein 42-jähriger Beamter immer noch in Schlieren tätig ist. Im Gegensatz zu seinem 52-jährigen Berufskollegen, der im letzten August den Dienst quittiert hat und künftig als Immobilienberater arbeiten will.

Beide Beschuldigten wiesen die Vorwürfe der Anklage zurück. Den Sachverhalt bestritten sie umfassend.

Acht Millionen Franken Entschädigung verlangt

Anders sah es Staatsanwalt Gnehm, der wegen Amtsmissbrauchs, Freiheitsberaubung, Nötigung, Körperverletzung, Hausfriedensbruchs sowie Sachentziehung für beide Beschuldigten verhältnismässig hohe, bedingte Freiheitsstrafen von je 18 Monaten sowie Bussen von je 2000 Franken verlangte. Der Ankläger sprach von lebensnah und glaubhaft geschilderten Angaben des Privatklägers. Im Gegensatz zu den Angeschuldigten, die stereotyp und platt ausgesagt hätten. Sie hätten einem «zugedröhnten Querulanten» mit «Wildwest-Methoden» eine Abreibung verpasst. Das Motiv sei die Erniedrigung des Privatklägers gewesen.

Der im Gerichtssaal anwesende Geschädigte erklärte, dass er heute noch unter den Folgen der Uebergriffe leiden würde. So unter ständigem Kopfweh. Der Mittvierzeiger verlangte deswegen einen Schadenersatz sowie eine Genugtuung von insgesamt acht Millionen Franken. Den Tipp, die Strafanzeige direkt bei der Staatsanwaltschaft einzureichen, habe ihm ein Zürcher Oberrichter gegeben.

Verteidiger spricht von Racheakt

Die beiden Verteidiger forderten dagegen umfassende Freisprüche. Rechtsanwalt Hadrian Meister bezeichnete die schriftliche Strafanzeige als Racheakt. Fest steht, dass die Polizeibeamten den Geschädigten einer Personenkontrolle unterzogen und unsanft, jedoch rechtmässig zum Dienstwagen gezogen hätten. Nach der ganzen Sache habe der randständige Beschuldigte, der sich wie im Leben so oft erneut als «Arschloch vom Dienst» gefühlt habe, eine Retourkutsche geplant. Auch aus finanziellen Gründen, um schnell an viel Geld zu gelangen.

Meister hob auch hervor, dass sich der Geschädigte kurz vor dem Polizeieinsatz eine wilde Keilerei mit seinem betagten Nachbarn geliefert habe. Dieser hatte in seinem Garten Plastik verbrannt, worauf der Betrunkene und über das Feuer verärgerte Privatkläger mit einer Giesskanne angegriffen habe. Die Verletzungen habe er sich wohl schon dort zugezogen. Der zweite Anwalt verwies darauf, dass die Aussagen des Geschädigten schon alleine aufgrund seiner Alkoholisierung zur Tatzeit mit Vorsicht zu würdigen seien.

Das Gericht zog sich nach den Parteivorträgen zur geheimen Urteilsberatung zurück. Es wird den Entscheid am kommenden Donnerstag eröffnen.

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