Oben-ohne-Fotos geschickt

28. Juni 2018 15:50; Akt: 28.06.2018 21:28 Print

Belästigungs-Vorwürfe gegen ETH-Professor

Ein Architektur-Professor soll Studentinnen angemacht und ihnen Oben-ohne-Fotos von sich geschickt haben. Das berichten mehrere Quellen.

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Um einen Architekturprofessor der ETH Zürich kursieren mehrere Gerüchte im Zusammenhang mit sexueller Belästigung. Eine Studentin sagt zu 20 Minuten, sie wisse von sechs konkreten Fällen. «Schätzungsweise sind es aber 20 bis 30 Fälle. Der Professor näherte sich den Studentinnen meist über Instagram oder Facebook an und schickte ihnen Nacktbilder von sich.»

Auch Architekturstudentin Daniela S. berichtet dem Portal Tsüri.ch, vom Professor sexuell belästigt worden zu sein. Der Architekturprofessor, bei dem sie einige Sitzungen in einem Pflichtseminar besucht hatte, soll ihr eine Freundschaftsanfrage über Facebook geschickt haben. Laut S. hat sie diese angenommen, worauf der Professor mit ihr mittels Messenger über Architektur und aktuelle Projekte diskutierte und sie darauf zu einem Drink einlud. Um sich sicher zu erkennen, solle er sie nach einem Bild ihres Gesichts gefragt haben. Der Professor habe ihr im Gegenzug ein Oben-Ohne-Bild von sich geschickt.

Auch an anderer Uni negativ aufgefallen?

Trotz Meldungen der Fälle bei der Ombudsstelle hat die ETH laut der 20 Minuten-Quelle nichts gegen den Professor unternommen. «Wir wurden immer wieder vertröstet.» Besonders unverständlich sei dies für sie, da der besagte Professor bereits an der Columbia University negativ aufgefallen sei. «Mir ist bekannt, dass sein Vertrag dort nicht verlängert wurde, weil er Studentinnen sexuell belästigte.»

Laut der Studentin herrscht zwischen Architekturprofessoren und Studentinnen ein Klima der Diskriminierung. «Abschätzige Äusserungen von Professoren über Studentinnen sind leider normal.» Dazu zählten Kommentare wie: «Als Frau muss man einfach lauter reden, sonst wird man nicht gehört», «Frauen im gebärfähigen Alter stelle ich nicht ein» oder «Architektinnen müssen talentierter sein als Architekten, sonst ist ihr Defizit im Job zu gross».

ETH prüfe die Informationen

«Unmittelbar nachdem die ETH Zürich Hinweise erhalten hat, ist sie diesen konsequent nachgegangen», schreibt Franziska, Schmid, Sprecherin der ETH Zürich, auf Anfrage. Die Schulleitung der ETH Zürich habe Ende letzter Woche eine formelle Meldung der Stelle für Chancengleichheit von Frau und Mann erhalten. «Sie prüft zurzeit diese Informationen. Grundsätzlich gilt an der ETH, dass immer alle Seiten gehört und die Rechte und Interessen von allen Beteiligten geschützt werden.»

Solange diese Prüfung läuft ist es laut Schmid nicht möglich, etwas zu sagen – weder zum Inhalt noch zum weiteren Vorgehen. «Nächste Schritte sind eingeleitet.» Zudem hält Schmid fest: «Mit den Vorkommnissen im Departement Physik und der grossen internen Respektkampagne ist ein Ruck durch die ETH Zürich gegangen.» Ziel der Schulleitung sei es, zeitgemässe Führungs- und Governance-Strukturen zu schaffen, allen Angestellten ETH-Kultur und ETH-Werte zu vermitteln sowie ein Frühwarnsystem zu etablieren, mit dem potenzielle Problemsituationen schnell erkannt und entschärft werden können.

«Ich erwarte, dass die ETH entsprechend handelt»

Die Vertreter der Architekten reagieren bestürzt. «Ich hoffe sehr, dass diese Vorwürfe nicht zutreffen. Sie wären ein schlechtes Signal – nicht nur für unseren Berufsstand, sondern vor allem für die ETH», sagt Caspar Schärer, Generalsekretär des Bunds Schweizer Architekten. Schärer macht darauf aufmerksam, dass die Unterrichtssituation im Architekturstudium speziell sei. Studenten und Professoren arbeiteten lange und intensiv miteinander an Projekten. «Die Entwurfsseminare beispielsweise sind ein Biotop von vielen Menschen auf engem Raum, die unter Hochdruck arbeiten.» Laut Schärer kann deshalb das Risiko nicht ausgeschlossen werden, dass sich Zwischenmenschliches abspielt und dabei Missverständnisse entstehen. «Stellen sich die Anschuldigungen als wahr heraus, erwarte ich, dass die ETH entsprechend handelt.»

20 Minuten konnte den betreffenden Professor für eine Stellungnahme bisher nicht erreichen.

Mehrere Untersuchungen gegen Professorinnen und Professoren

Im Januar 2018 hat die ETH gegen eine Professorin des ehemaligen Instituts für Astronomie eine Untersuchung wegen Verdachts auf Fehlverhalten in der Forschung eingeleitet. Nach Mobbing-Vorwürfen lief zuvor schon eine unabhängige Administrativuntersuchung. Die Professorin wurde bis zum Abschluss beider Untersuchungen freigestellt.

Im Mai wurde bekannt, dass weitere Untersuchungsverfahren gegen Professoren eingeleitetet wurden. Eines davon betraf das Maschinenbaudepartement.

(bz)