Ex-Mitinsasse packt aus

05. November 2019 04:47; Akt: 05.11.2019 08:41 Print

Wurde Brian im Gefängnis zu Gewalt angestiftet?

von Jennifer Furer - Sascha Campi war zur gleichen Zeit wie Brian alias «Carlos» im Gefängnis Pöschwies. Er erhebt Vorwürfe gegen die Anstalt und ihren Umgang mit dem Jugendstraftäter.

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Brian alias «Carlos» erhält am Mittwoch sein Urteil vom Bezirksgericht Dielsdorf. Vor diesem muss er sich wegen 29 Delikten verantworten, die er in Strafvollzugsanstalten begangen haben soll. Einer der schwersten Vorfälle ereignete sich im Gefängnis Pöschwies, als er einen Gefängnisangestellten geschlagen haben soll. Laut dem Staatsanwalt soll die Versetzung in die Sicherheitsabteilung Ursache gewesen sein. Laut Sascha Campi*, der zu dieser Zeit ebenfalls in der Pöschwies einsass, greift diese Version der Geschichte zu kurz. «Klar gibt es keine Rechtfertigung für körperliche Gewalt, auch ich verurteile die Attacken von Brian gegen das Gefängnispersonal. Ich finde es aber sehr merkwürdig, dass der tatsächliche Auslöser, die gesamte Vorgeschichte, nie erwähnt wurde. Warum artete in der Pöschwies alles aus?» Bevor es zum Angriff auf den Gefängnismitarbeiter gekommen sei, soll ein Aufseher der Abteilung, wo Brian einsass, entlassen worden sein. «Dieses Gerücht ging unter den Insassen herum. Den betroffenen Aufseher hat man nicht mehr gesehen», sagt Campi. Der Grund für die Entlassung, so hiess es, soll gewesen sein, dass der Aufseher Brian Informationen über die begangenen Delikte eines pädophilen Mitinsassen gegeben haben soll. «Brian ist kein Unschuldslamm, er soll die Schilderungen über die Taten, die Anstiftung des Aufsehers sowie das Verhalten des Mitinsassen als Anlass genommen haben, ihn tätlich anzugehen», so Campi über das damalige Gerücht. Dies sei schliesslich der Grund für seine Versetzung in die Sicherheitsabteilung gewesen. 20 Minuten hat die Medienstelle des Amtes für Justizvollzug mit den Schilderungen konfrontiert. In einer schriftlichen Stellungnahme heisst es lediglich: «Leider dürfen wir aufgrund des Amtsgeheimnisses, des Rechts auf Persönlichkeitsschutz und im Falle von Mitarbeitenden auch aus personalrechtlichen Gründen keine personenbezogenen Auskünfte erteilen.»

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Der Jugendstraftäter «Carlos», der künftig seinen richtigen Namen Brian in den Zeitungen lesen will, erhält am Mittwoch sein Urteil vom Bezirksgericht Dielsdorf. Vor diesem musste er sich wegen 29 Delikten verantworten, die er in Strafvollzugsanstalten begangen haben soll. Einer der schwersten Vorfälle ereignete sich im Gefängnis Pöschwies, in dem er einen Gefängnisangestellten geschlagen haben soll. Die Staatsanwalt sagt, dass die Versetzung in die Sicherheitsabteilung Ursache gewesen sein soll.

Laut Sascha Campi*, der zu dieser Zeit ebenfalls in der Pöschwies einsass, greift diese Version der Geschichte zu kurz. «Klar gibt es keine Rechtfertigung für körperliche Gewalt, auch ich verurteile die Attacken von Brian gegen das Gefängnispersonal. Ich finde es aber sehr merkwürdig, dass der tatsächliche Auslöser, die gesamte Vorgeschichte, nie erwähnt wurde. Warum artete in der Pöschwies alles aus?»

«Aufseher hat man nicht mehr gesehen»

Bevor es zu Brians Angriff auf den Gefängnismitarbeiter gekommen sei, soll ein Aufseher entlassen worden sein. Dieser habe auf der Abteilung gearbeitet, wo Brian eingesessen habe. «Dieses Gerücht ging unter den Insassen herum. Den betroffenen Aufseher hat man nie mehr gesehen», sagt Campi. Der Grund für die Entlassung soll gewesen sein, dass der Aufseher Brian Informationen über die begangenen Delikte eines pädophilen Mitinsassen gegeben haben soll, hiess es unter den Insassen.

«Brian ist kein Unschuldslamm, er soll die Schilderungen über die Taten, die Anstiftung des Aufsehers sowie das Verhalten des pädophilen Mitinsassen als Anlass genommen haben, diesen tätlich anzugehen», so Campi über das damalige Gerücht. Dieser Vorfall sei schliesslich der Grund für seine Versetzung in die Sicherheitsabteilung gewesen. Für den Aufseher gilt die Unschuldsvermutung.

Kritik an Leitung der JVA Pöschwies

20 Minuten hat die Medienstelle des Amtes für Justizvollzug mit den Schilderungen konfrontiert. In einer schriftlichen Stellungnahme heisst es: «Leider dürfen wir aufgrund des Amtsgeheimnisses, des Rechts auf Persönlichkeitsschutz und im Falle von Mitarbeitenden auch aus personalrechtlichen Gründen keine personenbezogenen Auskünfte erteilen.» Sicher sei es so, dass Mitarbeitende eines Gefängnisses dem Amtsgeheimnis unterstünden und Häftlingen keine Informationen über Dritte zukommen lassen dürften.

Campi betont, dass er das gewalttätige Verhalten von Brian missbilligt – aber eben auch jenes der Leitung der Justizvollzugsanstalt Pöschwies. «Carlos hat ein Problem mit der Justiz als System. Denn auch ich denke, dass diese ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist.» Gegenüber Mitgefangenen sei Carlos nie als das Monster aufgefallen, zu dem ihn die Gesellschaft heute mache.

«Unmenschliche Haftbedingungen»

Brian sei im Strafvollzug stets vorverurteilt und gesondert behandelt worden. «Man hat ihn immer als schlimmen Fall abgetan, den man anders behandeln muss», so Campi.

Auch der Verteidiger von Brian schlug an der Verhandlung ähnliche Töne an. Er sprach von «unmenschlichen Haftbedingungen.» Brian habe ein Bild vom Justizapparat, der es nicht gut meine mit ihm. «Wenn die maximale Härte kommt, schaltet er auf Gegenwehr. Er kämpft, um nicht kaputtzugehen.» In Freiheit dagegen würde man einen anderen Brian antreffen.

Anders sieht das der Staatsanwalt. Er will Brian verwahrt sehen. «Es gibt keinen anderen Ausweg.» Es sei nicht zu verantworten, den Beschuldigten auf freien Fuss zu setzen. «Schon hinter den Gefängnismauern braucht es grösste Anstrengungen, damit andere nicht gefährdet werden.»


*Sascha Campi ist ein Ex-Häftling der Justizvollzugsanstalt Pöschwies. Nach seiner Entlassung fing er an, Bücher zu veröffentlichen und Kolumnen für die «Fritig»-Zeitung zu schreiben. Sein neuster Roman «Im roten Nebel» des Münster-Verlags handelt von der Reeperbahn und den kriminellen Machenschaften dort – mit Insiderwissen des Milieuanwalts Valentin Landmann.