Zürcher Obergericht

29. November 2016 13:39; Akt: 29.11.2016 13:47 Print

Psychiater wegen Sex mit Patientin verurteilt

Ein Psychiater des Zentrums für Suchtmedizin hatte mehrmals Sex mit einer drogensüchtigen Patientin. Nun erhält er eine bedingte Freiheitsstrafe von 16 Monaten.

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Das Zürcher Obergericht urteilte am Dienstag über die Beziehung eines Psychiaters zu einer Patientin. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

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Das Zürcher Obergericht befasste sich am Dienstag mit einem Psychiater, der eine mehrjährige sexuelle Beziehung zu einer Patientin gepflegt hatte. Während er vor Gericht von einer «Liebesbeziehung» sprach, war es für die Frau das Ausnützen einer Notlage.

Sie hatte dem Geschlechtsverkehr nur zugestimmt, weil sie Angst vor dem Beschuldigten in seiner Funktion als Psychiater hatte und befürchtete, bei einem Nein bei der Medikamentenabgabe benachteiligt zu werden. Die Frau befand sich in einem Drogenersatzprogramm und benötigte zusätzliche Gesprächstherapien.

Freispruch vom Bezirksgericht

Das Bezirksgericht Zürich sprach den heute 55-Jährigen im Mai 2014 vom Vorwurf der Ausnützung der Notlage frei. Die Staatsanwaltschaft legte daraufhin Berufung ein – erfolgreich: Im Gegensatz zur Vorinstanz stufte das Obergericht die gemachten Aussagen der heute 43-jährigen Frau, die nicht am Prozess teilnahm, als glaubhaft, authentisch und stimmig ein.

Deshalb kippte es das Urteil des Bezirksgerichts und verurteilte den Mann wegen mehrfacher Ausnützung der Notlage zu einer Freiheitsstrafe von 16 Monaten bei einer Probezeit von 2 Jahren. Die Staatsanwaltschaft hatte 18 Monate gefordert.

Der Psychiater, der wieder in einer Klinik arbeitet, darf zudem während der Probezeit keine weiblichen Patienten behandeln.

Für Verteidigung war es Liebesbeziehung

Die Verteidigung argumentierte vergeblich, dass die Patientin in keiner Weise vom Arzt abhängig gewesen sei. In einer Poliklinik sei nicht nur eine Person für die Medikamentenausgabe zuständig. Auch könne der behandelnde Arzt wechseln, beispielsweise wegen Abwesenheit durch Ferien oder Krankheit.

Für die Verteidigung war deshalb klar: «Es war eine Liebesbeziehung und beruhte auf freien Entscheidungen.» Sein Mandant habe weder ein Machtverhältnis noch eine psychische Krankheit ausgenutzt.

Persönlichkeitsstörung ausgenutzt

Ein vom Obergericht veranlasstes Gutachten zeigt, dass die Frau an einer schweren abhängigen Persönlichkeitsstörung leidet. Sie tendiere in hohem Masse dazu, andere über sich entscheiden zu lassen oder ihre Bedürfnisse unterzuordnen. Sie ist ausserdem in der Fähigkeit, eine freie Entscheidung bezüglich einer sexuellen Beziehung zu treffen, eingeschränkt.

Für das Gericht bestand deshalb kein Zweifel, dass der Beschuldigte die Persönlichkeitsstörung ausgenutzt hat, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. «Es bestand ein Abhängigkeitsverhältnis und Sie haben mit Ihrem dreisten Verhalten das Vertrauensverhältnis schamlos ausgenützt», sagte der Richter.

(sda)