Bezirksgericht Zürich

28. August 2015 18:42; Akt: 31.08.2015 10:03 Print

Schnitzel veruntreut? Kellnerin freigesprochen

von A. Szenogrady - Um einer Kellnerin die Veruntreuung von Wiener Schnitzeln nachzuweisen, unternahm ein Stadtrichter einen Selbstversuch. Trotzdem gab es einen Freispruch.

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Das Bezirksgericht Zürich hat die Beschuldigte mangels Beweisen freigesprochen. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

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Eine Kellnerin eines Schnitzel-Restaurants in Zürich kassierte im Oktober 2012 die fristlose Kündigung und obendrein eine Strafanzeige bei der Polizei. Der Wirt führte aus, dass die Mitarbeiterin zwischen August und Oktober 2012 zur Mittagszeit wiederholt nicht nur - wie erlaubt - ein Wiener Schnitzel, sondern jeweils deren zwei bestellt habe. Danach habe sie die Fleischstücke einpacken lassen und mitgenommen.

Der Betreiber des Restaurants listete 14 Schnitzel mit einem Deliktsbetrag von rund 300 Franken auf. Der zuständige Stadtrichter nahm den Fall ernst und eröffnete eine aufwendige Untersuchung. Unter anderem befragte er zwei Köche, welche die Angestellte tatsächlich teilweise belasteten.

Schnitzel fotografiert

Für den Stadtrichter war nun entscheidend, ob die normalgewichtige Beschuldigte über Mittag tatsächlich zwei Schnitzel essen konnte oder nicht. Zu diesem Zweck organisierte der Richter einen Selbstversuch, indem er vom fraglichen Restaurant ein paniertes Wiener Schnitzel kommen und zuerst fotografieren liess.

Dann verzehrte er den Klassiker der österreichischen Küche im Sinne eines Selbstversuchs und führte dies als Schuldbeweis an. So schrieb er, dass es sich um eine reichliche und eher schwere Mahlzeit handle, welche er nicht jeden Mittag zu sich nehmen möchte. «Es hat nun aber als ausgeschlossen zu gelten, dass die Beschuldigte zwei Schnitzel als Mahlzeit verzehrt hat», befand der Stadtrichter.

Busse von 500 Franken

Daraus folgerte der Ankläger, dass die Täterin die Fleischstücke entweder gehortet oder einem Dritten weitergegeben hatte. Es liege dabei nahe, dass sie das Fleisch ihrem Lebenspartner gebracht habe, der ganz in der Nähe des Restaurants arbeitet.

Nun war für den Stadtrichter der Fall klar: Er verurteilte die heute 32-jährige Frau wegen Veruntreuung von schliesslich rund zehn Wiener Schnitzeln zu einer Busse von 500 Franken. Hinzu kamen die Gerichtskosten. Pikant war dabei, dass der Stadtrichter sein eigenes Schnitzel nicht bezahlt hatte.

Restaurant ging Konkurs

Die Beschuldigte und ihr Rechtsanwalt legten Berufung ein und forderten am Freitag am Bezirksgericht Zürich einen umfassenden Freispruch. Die Beschuldigte gab zu, dass sie nur in einem Fall zwei Schnitzel mitgenommen hatte. Allerdings nicht panierte Exemplare.

Der Verteidiger Martin Farner sprach von einem skurrilen Verfahren und kritisierte, dass die ganze Anklage nur auf Vermutungen basiere. So gehe es nicht an, dass der Stadtrichter von seinem eigenen Sättigungsgefühl auf andere schliesse. Zudem habe er im Gegensatz zu seiner Klientin ein paniertes Schnitzel gegessen, was als untauglicher Versuch zu werten sei. Farner erklärte auch, dass das besagte Restaurant inzwischen in Konkurs gegangen sei und deshalb nicht mehr als Kläger auftreten könne.

Das Gericht kam zum Schluss mangels Beweisen zu einem umfassenden Freispruch. Ein Horten der Schnitzel sei schlicht lebensfremd, führte die Richterin aus. Das angebliche Weitergeben an den Lebenspartner sei nicht erwiesen, vor allem, da der Freund den Vorwurf klar in Abrede gestellt habe. Mit dem klaren Freispruch erhielt die Frau aus Männedorf eine Entschädigung von 5000 Franken.