Pfusch und Falschinformationen

29. März 2017 19:47; Akt: 29.03.2017 19:47 Print

Schwere Vorwürfe gegen Zürcher Chirurg

Ein Chirurg des Spitals in Männedorf soll gravierende Fehler begangen haben – auch schon vor seiner Anstellung in der Schweiz. Das Spital hat sich jetzt von ihm getrennt.

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Der kritisierte Chirurg hat sich auf Übergewicht spezialisiert. (Bild: Keystone/A3913/_david-wolfgang Ebener)

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Das Spital in Männedorf hat vergangene Woche Chirurg R. S.* entlassen, gegen den nun schwere Vorwürfe erhoben werden. Der auf Übergewicht spezialisierte Arzt soll Magenoperationen nicht zu Ende geführt und Patienten falsch informiert haben.

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Als der aus Rumänien stammende S. noch in München praktizierte, habe er eine 23-jährige Frau operiert. Weil sie eigentlich zu wenig übergewichtig für einen solchen Eingriff war, hat sie heute keinen Magen mehr, wie der «Tages-Anzeiger» aus einem Gerichtsurteil zitiert. «Bei der Mehrzahl der Patienten, die nach einer Operation bei ihm zu uns kamen, haben wir gesehen, dass der Eingriff nicht vollständig gemacht wurde», ergänzt Thomas Hüttl, Chefarzt an der Chirurgischen Klinik München-Bogenhausen. Und Rudolf Weiner, Professor für Chirurgie an der Universität Frankfurt am Main und Chefarzt am Sana-Klinikum in Offenbach, sagt: «S. ist für mich eines der drei grössten schwarzen Schafe auf dem Gebiet der Adipositas-Chirurgie in Deutschland.»

«Hatte nicht den Mut, reinen Wein einzuschenken»

Auch in der Schweiz soll S. Patienten falsch informiert haben. Ein Patient sollte für seine Magenoperation 40'000 Franken bezahlen, was nicht von der Krankenkasse übernommen werde, habe S. erklärt. Das stimmt nicht, wie Heinrich von Grünigen, Präsident des Stiftungsrates der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (Saps), sagt. Und: «Eine Magenoperation kostet üblicherweise 20'000 bis 25'000 Franken inklusive Voruntersuchungen und Nachbetreuung.»

Die Frau des Patienten erzählte der Zeitung ausserdem von den Tagen nach der Operation ihres Mannes: S. habe ihr unter vier Augen erklärt, er habe es nicht geschafft, zum Magen vorzudringen. «Er hatte den Mut nicht, von Anfang an reinen Wein einzuschenken. Er befürchtete, dass mein Mann depressiv würde, behauptete er.» Erst als sie darauf bestanden habe, habe S. mit ihrem Mann gesprochen.

Unnötige DNA-Tests, Drängeln und Provisionen

Das Spital Männedorf hatte keine Kenntnis von S.' streitbarer Vergangenheit. «Im Gegenteil, uns wurde gesagt, dass S. an einem früheren Ort ausgesprochen komplikationslos operiert habe», sagt Stefan Metzker, Direktor des Spitals, zur Zeitung. In Männedorf seien keine medizinisch-fachlichen Fehler aufgetaucht.

Doch der Adipositas-Stiftung Saps sind weitere Ungereimtheiten bekannt: So soll S. einem Patienten gesagt haben, dass er 40 Kilogramm abnehmen müsse, bevor die Krankenkasse die Operation bezahle. «Eine krasse Fehlinformation», sagt Saps-Präsident von Grünigen. Ausserdem habe er zu teure und irrelevante DNA-Tests verschreiben wollen oder zu rasch auf Operationstermine gedrängt. Einem Patienten soll er schliesslich 300 Franken bezahlt haben, weil dieser ihm neue Kundschaft vermittelt habe. «Solche Provisionen sind zumindest unethisch», sagt von Grünigen.

«Bedaure die Komplikationen»

Die Zürcher Gesundheitsdirektion hat bisher keinerlei Hinweise auf S.' dubiose Vorgeschichte erhalten. Die Bewilligung zur Berufsausübung hatte sie ihm 2011 erteilt, gestützt auf Unterlagen wie Arbeitszeugnisse oder Strafregisterauszüge.

S. selbst bestreitet gegenüber der Zeitung die Vorwürfe. Zum Fall der 23-jährigen Patientin, die heute ohne Magen leben muss, sagt er: «Keine Chirurgie ist letztlich über alles gesehen komplikationsfrei. Ich bedaure die erwähnte Komplikation sehr.»

*Name der Redaktion bekannt

(vro)