Neonazi vom Niederdorf

07. Mai 2012 14:19; Akt: 07.05.2012 15:29 Print

Sebastien N. ist dutzendfach vorbestraft

Nach der versuchten Tötung eines Mannes im Zürcher Niederdorf floh er nach Deutschland. In Hamburg war für Sebastien N. Endstation. Wer ist der Rechtsradikale? Und was wird ihm alles zur Last gelegt?

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Ihm werden zahlreiche Straftaten zur Last gelegt, wegen einigen sass er auch bereits im Knast: Sebastien N.

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Er trägt das Porträt von Adolf Hitler auf der Brust und einen Totenkopf auf dem Kehlkopf: Der 24-jährige Sebastien N., der seit dem Wochenende von der Zürcher Kantonspolizei gesucht und jetzt in Hamburg verhaftet wurde, ist bekennender Neonazi und gilt als gefährlich. In der Nacht auf Samstag, den 5. Mai, hat er im Zürcher Niederdorf auf einen Mann geschossen und diesen schwer verletzt.

N. ist einschlägig vorbestraft. Im Mai 2010 wurden dem damals 22-Jährigen vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern 42 Straftaten zur Last gelegt. Zwischen 2005 und 2009 hatte er zum Teil im Wochentakt gegen das Gesetz verstossen. Dazu gehören Angriff, Körperverletzung, Raufhandel, Rassendiskrimierung, Drohung und Beschimpfung. Doch das soll nicht alles gewesen sein: Die vorgeworfenen Straftaten seien nur ein Bruchteil dessen, was er sich tatsächlich habe zuschulden kommen lassen, sagte er damals vor dem Amtsgericht.

Eigenen Angriff gefilmt

Eine Gruppe Rechtsradikaler griff zum Beispiel im September 2006 einen Jugendlichen an. N. filmte die Tat. Das Opfer kam damals mit Schürfungen und Prellungen davon. Zwei Monate vor diesem Angriff war N. mit einem Schlagring auf einen Albaner losgegangen und hatte diesem eine Rissquetschwunde verpasst. Im Dezember 2006 wurde ein Barkeeper N.s Opfer: Mit einem Tritt brach er ihm das Nasenbein. Ebenfalls einen Nasenbeinbruch erlitt im Mai 2007 ein Mann, dem N. einen Kopfstoss verabreicht hatte. Im Juni 2007 trat er zudem einem Betrunkenen derart heftig ins Gesicht, dass dieser eine Hirnerschütterung davontrug. Wegen Rassendiskriminierung wurde N. angezeigt, weil er in der Öffentlichkeit den Hitlergruss zeigte, Nazi-Lieder sang und Propagandaparolen schrie.

Obwohl der damals 22-Jährige vor Gericht einen Grossteil seiner Straftaten zugab, wollte er eine Einweisung in eine Strafanstalt um jeden Preis verhindern. In seiner Kindheit war er von Pflegefamilie zu Pflegefamilie und von Heim zu Heim weitergereicht worden und hat darum eine Abneigung gegenüber allen Institutionen. Mit neun Jahren kam er erstmals mit der Neonazi-Szene in Kontakt. Vor Gericht bezeichnete er die Neonazis als seine Familie. Eine Berufsbildung hat N., den der Gerichtspsychiater als «intelligenten jungen Mann» bezeichnete, nicht absolviert. Vielmehr hielt er sich mit Teilzeitjobs über Wasser und wohnte bei seiner Grossmutter im Aargau.

Hat er getrunken, wird er gewalttätig

2010 waren sich Gerichtspsychiater, Staatsanwalt und Verteidiger einig, dass die Gewaltausbrüche in direktem Zusammenhang mit N.s exzessivem Alkoholkonsum stehen. Seit 2008 musste er deshalb das Medikament Antabus einnehmen, das seine Alkoholsucht zügeln sollte. Seither ist er zwar nicht völlig deliktfrei, hat aber nur noch vereinzelt Straftaten verübt. Doch der Psychiater sah damals auch schon andere Probleme voraus: N. attestierte er eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, die schwer zu therapieren ist. Gleichzeitig wollte N. sich keiner Therapie unterziehen und wollte auch nicht dauerhaft Antabus einnehmen.

Das Gericht verurteilte den Neonazi zu 40 Monaten und 20 Tagen Haft, gegen die er im Januar 2012 vor Obergericht appellierte. Damals hatte N. bereits 16 Monate im vorgezogenen Vollzug abgesessen. Das Solothurner Obergericht verringerte N.s Strafe nur minim und verurteilte ihn zu 39 Monaten Gefängnis. Weil er versprach, weiterhin Antabus einzunehmen, sah man davon ab, N. sofort wieder unter präventive Sicherheitshaft zu setzen.

(ann)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Müsli am 07.05.2012 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Schwierige Kindheit? - Keine Ausrede!

    Sperrt den Kerl weg! So eine ''Karriere'' ist nicht mit schwieriger Kindheit zu entschuldigen! Ich kenne ein paar Personen mit schwieriger Kindheit, die geben sich alle Mühe und benutzen das nicht als Ausrede für unkontrolliertes und brutales Verhalten!

  • U.P am 07.05.2012 17:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Ein Bravo der Deutschen Polizei. Gute Arbeit.

  • Clay am 07.05.2012 17:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schutz der Gesundheit

    Warum wird bei einem Gewalttätigen das Gesicht unkenntlich gemacht. Nicht aber bei einem harmlosen Whisteblower ?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Clay am 07.05.2012 17:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schutz der Gesundheit

    Warum wird bei einem Gewalttätigen das Gesicht unkenntlich gemacht. Nicht aber bei einem harmlosen Whisteblower ?

  • Hanspeter Niederer am 07.05.2012 17:15 Report Diesen Beitrag melden

    Richter sind das Problem

    Ich würde mal den Fokus auf die Richter legen. DIE sind das Problem. Im Januar wurde dieser nette Herr zu 39 Monaten unbedingt verurteilt und wurde dann freigelassen, weil er versprach, Antabus-Tabletten gegen seine Alkoholsucht zu schlucken !

  • U.P am 07.05.2012 17:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Ein Bravo der Deutschen Polizei. Gute Arbeit.

  • Müsli am 07.05.2012 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Schwierige Kindheit? - Keine Ausrede!

    Sperrt den Kerl weg! So eine ''Karriere'' ist nicht mit schwieriger Kindheit zu entschuldigen! Ich kenne ein paar Personen mit schwieriger Kindheit, die geben sich alle Mühe und benutzen das nicht als Ausrede für unkontrolliertes und brutales Verhalten!

  • BZ am 07.05.2012 16:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dieser Mann...

    ... Tut mir echt leid. Erst 24 und eigentlich das ganze Leben schon versaut. Hoffentlich bekommt er zu einer hohen Gefängnisstrafe auch eine Therapie. Ist doch traurig so was.