Ständiger Widerstand

06. November 2018 05:40; Akt: 06.11.2018 07:15 Print

Sind die Stadtzürcher ein Volk von Spassbremsen?

Stadion, ZKB-Seebahn, Formel-E oder Kongresshaus: Viele Zürcher wollen Grossprojekte in der Stadt verhindern. Warum eigentlich?

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Wenn ich mit Politikern anderer Städte über ihre Stadien rede, ist es manchmal schon bitter», sagt Alt-Stadtrat Andres Türler (FDP). «Teilweise haben sie nach uns mit der Planung angefangen und sind schon längst fertig», erklärt der 60-Jährige, der bis Mai 2018 Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe und der Verkehrsbetriebe war.

Umfrage
Sind die Stadtzürcher ein Volk von Spassbremsen?

Anders in Zürich: Hier stimmt das Volk am 25. November über das Hardturm-Stadion ab, nachdem schon zwei Projekte an der Urne gescheitert sind. Auch dieses Mal ist die Kritik gross, obwohl die Credit Suisse das Stadion finanzieren will. Gegenwind gibt es auch bei anderen Projekten, die den Menschen Freude bereiten sollen. So etwa bei der ZKB-Seilbahn über den Zürichsee. Auch das Formel-E-Rennen findet nächstes Jahr nicht mehr in Zürich, sondern in Bern statt – es gab hier viele Bürgerproteste. Ebenfalls begraben wurden schon Pläne für ein neues Kongresszentrum. Sind die Zürcher also ein Volk von Spassbremsen?

Aufpassen, dass man sich nicht gegenseitig lähmt

Das glaubt Türler nicht: «Es scheint aber, als hätten es grosse architektonische Würfe schwerer.» Er findet, dass die Basler da einiges mutiger sind. Warum das so ist, kann er nicht genau sagen: «Vielleicht liegt es am Zeitgeist. Für viele sind die eigenen Interessen wichtiger als das Allgemeinwohl.» Zudem werden im hiesigen Rechtssystem Einzelinteressen relativ stark gewichtet: «Das ist richtig so, aber man muss aufpassen, dass man sich nicht gegenseitig lähmt.»

Trotzdem ist Türler optimistisch, dass Projekte wie das Stadion oder die ZKB-Seilbahn irgendwann realisiert werden können: «Die Vergangenheit zeigt, dass dies trotz Widerstand möglich ist. So wurde etwa das Tram Zürich-West oder das Tram über die Hardbrücke schliesslich umgesetzt.» Es brauche einfach seine Zeit. Er setzt sich neu als Verwaltungsratspräsident der Zoo Seilbahn AG für die ÖV-Verbindung von Stettbach zum Zoo ein. Auch hier gibt es Widerstand. Diesmal vor allem aus Dübendorf.

«Schweizer mögen generell keine grossen Würfe»

Also ist dies kein rein zürcherisches Phänomen? «Richtig, die Schweizer mögen allgemein keine allzu grossen Würfe», sagt Politologe Louis Perron und nennt als Beispiel die Olympischen Spiele: «Da stampfen andere Länder wie Frankreich oder Brasilien viel lieber aus dem Nichts ein Riesending aus dem Boden.»

Perron ist der Meinung, dass sich in den letzten Jahren in Zürich vergleichsweise viel getan hat: «Neue Quartiere sind entstanden.» Dass es gegen das Hardturm-Stadion oder die ZKB-Seilbahn Widerstand gibt, hat laut Perron auch mit der rot-grünen Gesinnung vieler Stadtzürcher zu tun. Diesen Leuten sind vielleicht Kinderkrippen und Velowege wichtiger als neue Grossprojekte.» Zudem bestehe die Meinung, die Stadt müsse schon genug Zentrumslasten wie den Verkehr oder diverse Grossanlässe tragen.

«Was brauchen wir noch?»

Von einer gewissen Übersättigung spricht auch der Komiker und Urzürcher Beat Schlatter: «Dass kommerzielle Events ständig freie Flächen wie die HB-Halle oder den Sechseläutenplatz verstopfen, ärgert mich.» Zürcher seien keine Spassbremsen – «die Frage ist nur, was brauchen wir noch?».

Auch die ständigen Bauvorhaben in der Stadt sind Schlatter ein Dorn im Auge: «Seit 15 Jahren ist die Innenstadt eine Grossbaustelle. Vielleicht sind die Zürcher daher skeptisch gegenüber neuen Projekten.» Er selber befürworte aber den Bau des Stadions und der Seilbahn. «Diese Dinge machen Freude und sind gut für Zürichs Image.»

(som)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rolf am 06.11.2018 06:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stadt ist zu links

    Wäre die Stadt in bürgerlicher Hand, wäre es einfacher diese Grossprojekte zu realisieren. Das sage ich als Wähler der SP.

    einklappen einklappen
  • Stadtzürcher am 06.11.2018 06:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja sind wir!

    Ja sind wir geworden! Siehe das Niederdorf, welche s zum Wohnquartier wird und das allgemeine Clubsterben. Auch möchten wir wirtschaftlich wachsen aber es sollen alle Velofahren und auf keinen Fall Auto. Am besten wäre es, wenn ein paar Firmen von der Stadt abziehen würden und wir wieder mehr Steuern bezahlen müssen (ist heute ja schon viel, trotz massiv vielen Unternehmen dank Steuergeschenken)... Sonst lernt es ja niemand!

    einklappen einklappen
  • Peter Embrach am 06.11.2018 06:32 Report Diesen Beitrag melden

    eine riesige Baustelle

    Ich wurde mal gefragt, wie viele Baustellen es in Zürich gäbe. Ich sagte: Die ganze Stadt ist eine einzige, grosse Baustelle. Mein Gegenüber war darüber nicht erfreut aber wen wunderts, dass man in den letzten 20 Jahren dieses Gefühl nicht loswird? Dass es da den Zürchern einmal reicht mit diesen Umständen, kann ich gut verstehen!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • spassvogel am 07.11.2018 14:48 Report Diesen Beitrag melden

    neid

    ich bin keine spassbremse aber gegen unschöne und auch unnötigte produkte und schaue etwas neidisch nach basel

  • Nico 14 am 07.11.2018 09:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    JA ZUM STADION

    JA ZUM STADION - FÜR ZÜRICH! Überlegt bitte.. Für die Zukunft

  • Luna am 06.11.2018 20:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wurzeln....

    Da kommen so viele Menschen zusammen aus verschiedenen Schichten. Die einen möchten nur Anonym Leben und nichts für andere machen! Andere finden das Party leben gut! Und machen bei keiner Abstimmung mit!

  • ein Zürcher am 06.11.2018 19:00 Report Diesen Beitrag melden

    Sinnvoller einsetzen

    Es wäre wohl nicht so wen die Grossprojekte "Sinn" machen würden und nicht nur für Reiche, sondern auch für Familien, Kinder da sind. Hat der Hafenkran Sinn gemacht, wenn man so viel Geld aus dem Fenster schmeisst, mit diesem Geld hätte man besseres machen können (Bildung, Sozialwesen usw.). Formel E Rennen, war auch so eine sache wo nur ein geringer anteil "freude" hatte. Diese Tickets waren ja nicht bezahlbar, daran erkennt man für wer dieses Rennen gedacht war, für viele war dieses Rennen nur nervig. mich wundert es daher nicht das dieses Gondel-projekt zum scheitern verurteilt wird.

  • Geri am 06.11.2018 14:53 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch

    Das Kongresszentrum wäre selber eine Spassbremse, der Bau hätte die ganze Clubszene zerstört.