Besetztes Labitzke-Areal

06. Januar 2014 22:10; Akt: 07.01.2014 04:11 Print

Stadt Zürich will zwischen den Fronten vermitteln

Die Polizei muss Teile des besetzten Labitzke-Areals räumen, findet Mobimo und verweist auf die Abbruchbewilligung. Doch diese reiche nicht, sagt die Stadt Zürich und vermittelt.

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Das Labitzke-Areal in Zürich-Altstetten: Deren Besetzer müssen nun wohl definitif ausziehen. Das Zürcher Obergericht lehnt ihre Berufung gegen die vorzeitige Beendigung des Mietverhältnisses ab, wie es am Donnerstag mitteilte. Die Besetzer wollen aber noch nicht gehen. Sie versuchen sich mit rechtlichen Mitteln so lange wie möglich gegen die Räumung zu wehren. Farbenfroh ist das Motto in den besetzten Häusern. Dabei sieht es gar nicht froh aus um die Bewohner des Areals: Im Januar 2014 (Bild) war bereits ein Teil geräumt worden. Um sicherzustellen, dass sich keine Besetzer mehr im Gebäude befinden, ist am Montagmorgen, 20. Januar 2014, viel Polizei vor Ort. Zu einer polizeilichen Räumung kommt es aber nicht: Die Besetzer haben das Gebäude bereits verlassen. Während das Gebäude Albulastrasse 38/40 (links im Bild) abgebrochen wird, bleiben die weiteren zwei Gebäude (rechts im Bild eines davon), für die ebenfalls eine Abbruchbewilligung vorliegt, noch bis Ende März stehen. Die Besetzer dürfen solange dort bleiben. Bis im Frühling will Mobimo zudem die Baubewilligung für die Überbauung des Areals einreichen. Die Immobilienfirma rechnet damit, die Bewilligung bis im Herbst zu erhalten. Bis dann müssen die kontaminierten Gebäude und der mit Altlasten belastete Boden abgetragen sein. Die Besetzer hatten aber Abbruch auf Vorrat gewittert: Als am Freitag, 2. Januar 2014, die meisten Mieter ihre Schlüssel abgaben, besetzten Autonome die frei werdenden Räume. Bis dahin hatte sich die Besetzung des Labitzke-Areals auf Baracken im hinteren Teil des Areals beschränkt. Die Besetzer dort nennen sich Autonomer Beauty Salon. Den Zugang zum Areal haben die Besetzer zum Teil verbarrikadiert. Die Arealeigentümerin Mobimo wollte eigentlich alle Gebäude, deren Mieter Ende 2013 ausziehen mussten, unbewohnbar machen. In diesem Haus, in dem einst der Gayclub Aera untergebracht war, gelang dies ... ... auch die ehemalige Zuckerfabrik konnte man vor einer Besetzung schützen. Dabei gibt es auf dem Areal nicht nur Besetzer, sondern immer noch rechtmässige Mieter, die auf dem Areal wohnen dürfen - dank einer Mieterstreckung bis Ende Februar. So wie diese WG hier. Auch diese WG darf bis Ende Februar bleiben. Bis zu 10 Personen leben und arbeiten hier. Wer hier wohnt, geniesst den tiefen, gesunden Schlaf in einer luftigen Passerelle, die zwei Fabrikgebäude verbindet. Das Gebäude auf der anderen Seite wird nun abgebrochen. Weil die Heizung nicht mehr läuft, müssen die Mieter inzwischen auf Elektroöfen zurückgreifen. «Wo ist die gültige Baubewilligung?»: Dies fragen die Besetzer auf einem Transparent an der Hauswand. Erst wenn eine solche vorliegt, würde die Stadtpolizei Zürich das Areal nach gängiger Praxis räumen.

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Auf dem Altstetter Labitzke-Areal herrscht derzeit eine verkorkste Situation. Eigentlich wollte die Eigentümerin Mobimo Anfang Jahr mit dem Abbruch einiger Liegenschaften beginnen, um ihr Bauprojekt voranzutreiben. Doch es gibt Probleme: Zwei der betroffenen Liegenschaften sind seit dem letzten Freitag besetzt. Offenbar von einer Gruppierung, die nichts mit dem anderen besetzten Teil des Areals, dem so genannten Autonomen Beauty Salon, zu tun hat. Zudem haben von den rund 30 Mietern deren zwei ihre Schlüssel nicht wie vorgesehen auf Ende Jahr abgegeben.

Die Mobimo erwartet von der Stadtpolizei nun, dass sie die neu besetzten Gebäudeteile räumt: «Wir haben eine gültige Abbruchbewilligung und gegen die Besetzer Anzeige erstattet», sagt Mobimo-Sprecherin Christine Hug. Bloss: In einem Teil der neu besetzten Gebäude halten sich immer noch zwei Mieter auf, die gemäss Mieterstreckung bis Ende Februar bleiben dürfen.

Mieter klagen über unhaltbare Zustände

«Wir befürchten nun eine polizeiliche Räumung, obwohl wir hier immer noch Miete bezahlen und entsprechend Anspruch auf Strom, Heizung und Wasser haben», sagt David L., einer der Mieter. Er betreibt seit 14 Jahren ein Atelier auf dem Areal und lebt mittlerweile auch hier – zusammen mit gut einem Dutzend weiteren Personen. «Die Zustände sind unhaltbar geworden – die Wasserversorgung hapert und die Heizung funktioniert nicht mehr», so David L.

Dass die frei gewordenen Gebäudeteile Ende letzte Woche besetzt wurden, stört David L. nicht – im Gegenteil: «Ohne die Besetzer würden wir die nächsten Monate in einer Ruine leben.» Die Mobimo habe am 3. Januar regelrechten «Abbruch-Vandalismus» betrieben: «Kaum hatten die Mieter die Schlüssel abgegeben, tauchten Bauarbeiter auf, schlugen Fenster ein und machten die Gebäude unbewohnbar.» Sowohl die letzten Mieter als auch die Besetzer wehren sich gegen diesen «unnötigen Abbruch auf Vorrat».

Keine Räumung vor Sportferien

Sicher ist: Sorgen um eine polizeiliche Räumung müssen sich die Mieter vorerst keine machen. «Wenn es ruhig bleibt, wird vor den Sportferien nicht geräumt», sagt Urs Spinner, Sprecher des städtischen Hochbaudepartements. Zwar verfügt Mobimo über eine Abbruchbewilligung vom Kanton wegen der Altlastensanierung des Areals, aber noch über keine rechtskräftige Baubewilligung. Eine solche müsste gemäss gängiger Praxis vorliegen, um das Areal zu räumen.

Mobimo hat laut Spinner auch noch kein Baugesuch eingereicht. Selbst wenn sie dies nun tun würde, wäre eine Baubewilligung erst in rund vier Monaten zu erwarten und dann könnte es noch Rekurse geben, die das Projekt weiter verzögern. Deshalb sucht die Stadt in den kommenden Wochen das Gespräch mit Mobimo und allenfalls den Besetzern. Spinner: «Die Stadt will wissen, ob die Altlastensanierung bereits jetzt durchgeführt werden muss.»

Baugesuch im Frühling

Gemäss Mobimo-Sprecherin Hug dauert die Altlastensanierung auf dem Areal der ehemaligen Farbenfabrik Labitzke rund zehn Monate. Das sei der Grund, weshalb man bereits jetzt damit habe beginnen wollen. Zudem würden die Arbeiten so ausgeführt, dass die restlichen Mieter nicht tangiert wären. «Weil in den Gebäuden Asbest vermutet wird, erfolgt der Rückbau vorsichtig und Schritt für Schritt», so Hug. Das Baugesuch wolle man im Frühling einreichen.

Offiziell am längsten bleiben dürfen die Besetzer des Autonomen Beauty Salons. Mit diesen hat Mobimo abgemacht, dass sie erst im Frühling gehen müssen. Auf dem Areal plant Mobimo bis 2017 eine Grossüberbauung mit 245 Miet- und Eigentumswohnungen in acht Gebäuden. Eines davon wird ein 15-stöckiger Wohnturm sein. Entworfen wurde die Siedlung von Gigon Guyer Architekten – bekannt unter anderem durch den Prime Tower.

(rom)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schnabias am 07.01.2014 07:07 Report Diesen Beitrag melden

    Nur die Ruhe!

    Da Zürich ja angeblich den Wolf braucht, ist das hier lediglich die Konsequenz. Ist vielleicht sein Sohn unter den Besetzern...?

  • Mike am 07.01.2014 07:30 Report Diesen Beitrag melden

    Das kann nur in der Schweiz passieren

    Brich das Gesetz und du wirst von ihm geschützt. Schütze es und du wirst von ihm gebrochen.

  • Heinrich Zimmermann am 07.01.2014 06:40 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist das angebliche "Recht"

    Ist doch einfach ein Skandal, Besetzern reicht man die Hand, dafür schickt man andreseits jeden Tag "Polizisten" aus um Parkplatz "Suender" zu Kasse zu bitten. Einfach lächerlich.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • a. stepp am 07.01.2014 12:34 Report Diesen Beitrag melden

    richterlichen Beschluss

    Autonomen Beauty Salons haben einen richterlichen Beschluss dass sie länger bleiben dürfen, nach Aussage von Mobimo.

  • Heirncih Zimmermann am 07.01.2014 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts dazulernen, aber kassieren.

    Wenn eine Stadt so reagiert, dann wundert es mich nicht, dass man Hausschmierern nie Herr wird, man will einfach nicht. Warum? Mangels an Stehvermoegen der Stadtraete...., man ist da offensichtlich froh ueberhaupt mal gewaehlt worden zu sein. Mit dem Jahresgehalt will man nicht noch in ein Fettnaepfchen treten. Leisetreten nennt man das auch bis die saftige Pension winkt.

  • ich am 07.01.2014 09:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alle

    mal richtig lesen bitte. Die Mieter haben das Recht, bis Ende Februar wohnen zu bleiben. Da geht es nun wirklich nicht, dass der Besitzer schon mit Abbrucharbeiten beginnt, wenn die letzten noch gar nicht augezogen sind! Und wenn diese beiden Mieter jetzt halt noch Besuch haben...dürfen sie doch :P

    • julian borg am 07.01.2014 15:04 Report Diesen Beitrag melden

      ebenfalls mal richtig lesen

      die leeren Räume werden geräumt, nicht die bewohnten. Da darf sie Mobimo machen was sie will. Mein Vermieter hat auch gerade erst die Wohnung nebenan entkernen und sanieren lassen, während 13 Parteien noch im Haus wohnten, das geht problemlos. Und die Mobimo ist halt eine autonome Firma die innerhalb der gewerblichen Freiräume machen kann was sie will.

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  • Hamlet am 07.01.2014 07:36 Report Diesen Beitrag melden

    Wie bitte?

    Also dann werde ich mich auch immer weniger an die Regeln halten. Der Staat macht es ja vor. Die Unterstützung von Anarchisten ist einfach skandalös, aber ebben, bei den lieben Beamten ach so beliebt. Irgendwann wird sich das bitter rächen.

    • ich am 07.01.2014 09:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Welche Regeln

      Die Mieter haben das Recht, bis Ende Februar Wohnen zu bleiben. Da müssen sie wohl die Eigentümer meinen mit dem Regelverstoss...

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  • Eis Kool am 07.01.2014 07:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hä ?

    Den Bewohnern wurde Fristgerecht gekündigt, wo liegt das Problem? Wenn der Mieter ausgezogen ist, kann der Eigentümer mit seinem Objekt machen, was er will, es ist seines, er darf die Fenster einschlagen und das Dach abräumen. Er hat sogar eine Baubewilligung.

    • Erich S. am 07.01.2014 11:50 Report Diesen Beitrag melden

      Lesen

      Es gab eine Fristerstreckung bis Februar. Bitte den Artikel richtig lesen. Danke.

    • thomas am 07.01.2014 13:22 Report Diesen Beitrag melden

      richtig lesen, bitte!

      @eiskool: Mobimo hat eben keine Baubewilligung und es gibt noch zwei Mieter mit einem regulären Mietvertrag bis ende Februar!

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