Heimlich Kondom entfernt

28. November 2019 11:37; Akt: 28.11.2019 15:02 Print

«Männer können sich aus Verantwortung schleichen»

Ein 21-jähriger Student ist vom Zürcher Obergericht freigesprochen worden. Er war beschuldigt, beim Sex heimlich das Kondom entfernt zu haben.

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Ein Tinder-Date endete vor Gericht. Ein 19-Jähriger hatte während dem Sex das Kondom abgezogen – ohne das Einverständnis oder das Wissen der 18-Jährigen. Im Februar 2019 wurde er vom Bezirksgericht Bülach vom Vorwurf der Schändung freigesprochen. Das Entfernen des Kondoms ohne ihr Einverständnis, das sogenannte «Stealthing», sei lediglich eine Missachtung der Spielregeln beim Sex gewesen. Eine Schändung habe nicht vorgelegen, so das Gericht. Die Zürcher Gynäkologin und Sexualtherapeutin Yvette Plambeck bezeichnete das Gerichtsurteil damals als «einen Schlag ins Gesicht der Frauen». Den Männern werde gezeigt, dass man mit Frauen alles machen könne, was man wolle. Frauen empfahl sie,vor dem Geschlechtsverkehr klare Spielregeln durchzugeben, sagt Plambeck. Und wenn der Mann auf Geschlechtsverkehr ohne Kondom beharrt? «Dann kommt er einfach nicht mit ins Bett.» «Der medizinische, psychologische und finanzielle Schaden ist gross – und völlig unnötig», sagte damals auch David Scheiner, Gynäkologe am Universitätsspital Zürich. Das Gerichtsurteil sei für ihn indessen ein Schritt zurück in mittelalterliche Zeiten. «Es zeigt, dass beim Sex die Frau dem Mann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.» Ähnlich sah es Andrea Gisler, Anwältin und Präsidentin der Frauenzentrale Zürich: «An diesem Beispiel sieht man, wie vorsintflutlich unser Strafrecht funktioniert.» FDP-Ständerat Andrea Caroni meinte: «Wir werden in der Rechtskommission bald über Sexualdelikte sprechen und sollten dabei auch diese Konstellation anschauen. Es ist offensichtlich, dass der Sex nach dem Abstreifen des Kondoms nicht mehr einvernehmlich war.» Ob jetzt im Strafrecht ein expliziter Konsens beim Sex gefordert werden sollte, stand auch für Min Li Marti zur Diskussion. Vorschnell handeln wollte sie nicht: «Weil meist Aussage gegen Aussage steht und die Beweisführung schwierig ist, könnte es trotz Gesetz zu keinen Verurteilungen kommen.» Am Donnerstag, 28. November 2019, wird der Fall nun vor dem Zürcher Obergericht neu aufgerollt.

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Das Zürcher Obergericht hat sich am Donnerstag erstmals mit dem Phänomen «Stealthing» befassen müssen, also dem heimlichen Abziehen eines Kondoms. Dabei sprach es einen 21-jährigen Studenten frei. Das Verhalten sei zwar moralisch verwerflich, aber es gebe keine Gesetzesgrundlage, die es verbiete.

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Angezeigt wurde der Student von einer heute 20-jährigen Studentin. Die beiden lernten sich über die Dating-App Tinder kennen und hatten nach etwas Alkohol und einer Rückenmassage Sex «quer durch die ganze Wohnung», wie es der Beschuldigte vor Gericht ausdrückte.

Angst vor Ansteckung

Dabei zog er gemäss Anklage jedoch heimlich das Kondom ab. Die junge Frau zeigte ihn daraufhin an. Sie lebte in den folgenden Wochen mit der Angst, sich mit HIV angesteckt haben zu können. Der Staatsanwalt forderte deshalb eine bedingte Freiheitsstrafe von 14 Monaten wegen Schändung. Die junge Frau habe klar gesagt, dass sie Sex nur mit Kondom wolle. Das sei keine Bagatelle.

Für den Anwalt war das jedoch kein sexueller Übergriff, sondern ein «Unfall infolge fehlender Verständigung». Sein Mandant sei der Überzeugung gewesen, dass sie vom fehlenden Kondom gewusst habe. Die Vorinstanz, das Bezirksgericht Bülach, hatte den Aussagen der Frau auch vollständig geglaubt. Es sprach den Studenten jedoch frei, weil es für «Stealthing» keine Gesetzesgrundlage gebe. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

«Das entspricht Sittenbild aus letztem Jahrhundert»

Das Urteil löst bei der Frauenzentrale Zürich Kopfschütteln aus: «Das Sexualstrafrecht muss dringend revidiert werden. Männer, die sich gegen den Willen der Frau nicht an einvernehmlichen und geschützten Sex halten, müssen bestraft werden», sagt Präsidentin Marianne Breu. Männer könnten sich mit der heutigen Gesetzeslage aus der Verantwortung schleichen und blieben unbestraft.

«Das entspricht einem Sittenbild aus dem letzten Jahrhundert.» Breu findet es wichtig, dass das Bewusstsein für die Problematik in der Öffentlichkeit ankommt. «Die Frau wird gegen ihren Willen dem Risiko einer ungewollte Schwangerschaft und der Übertragung einer Krankheit ausgesetzt.» Auch hier gelte, dass ein Nein ein Nein sei. «Das muss vom Mann akzeptiert werden.»

«Grosse Gesetzeslücke»

Auch bei der Frauenberatung sexuelle Gewalt Zürich spricht man von einer grossen Gesetzeslücke, die dringend geschlossen werden müsse. «Für die betroffene Person ist es ein Vertrauensmissbrauch und eine Verletzung ihrer sexuellen Selbstbestimmung», sagt Geschäftsführerin Corina Elmer. Sie hat Kenntnis von einzelnen Fällen, in denen Männer das Kondom heimlich weggelassen haben – allerdings im Kontext von weiteren sexualisierten Übergriffen.

Darum gibt es eine Gesetzeslücke

Rechtsanwältin Marie-Therese Röthlisberger erklärt die Gesetzeslücke: «Stealthing ist weder eine Schändung noch eine Vergewaltigung», sagt sie. Es fehle an der Gewaltanwendung und an der Widerstandsunfähigkeit des Opfers. Das Unwissen des Opfers sei in keinem Straftatbestand enthalten. «Eine Verurteilung von Stealthing ist deshalb nicht möglich, weil es keine Strafe ohne Gesetz gibt.» Ein weiteres Problem sei, wie das Opfer beweisen könne, dass es das Weglassen des Kondoms nicht bemerkt hat und damit nicht einverstanden gewesen wäre. «Um Klarheit bezüglich Stealthing zu schaffen, wäre es gut, wenn das Bundesgericht darüber urteilt.»

(tam/sda)