Keine Präsenzpflicht mehr

03. Januar 2014 06:27; Akt: 03.01.2014 08:40 Print

Studenten in Zürich dürfen wieder chillen

von Christoph Bernet - Süss ist das Studentenleben: An der Uni Zürich dürfen Studierende, die häufig fehlen, nicht mehr von Kursen ausgeschlossen werden.

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An der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich wurde die Präsenzpflicht praktisch abgeschafft. (Bild: Keystone/AP/Helmut Fohringer)

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Präsenzpflicht und dauernde Prüfungen – die Uni-Abschlüsse Bachelor und Master sollen das Studium effizienter machen und die Studenten ordentlich antreiben. Nun aber buchstabiert die Philosophische Fakultät der Universität Zürich zurück. Sie ist mit knapp 12'000 Studierenden die grösste der sieben Abteilungen der Universität Zürich. In Zukunft sollen sie selber entscheiden, wie häufig sie dafür an der Universität auftauchen.

«Die Präsenzpflicht ist praktisch abgeschafft», schreibt der Verband der Studierenden der Universität Zürich (VSUZH) Mitte Dezember in einem Newsletter. Im letzten März hat die Fakultätsleitung auf Antrag des unterdessen aufgelösten Studierendenrats – der Vorgängerorganisation des VSUZH – die rechtlichen Grundlagen der Anwesenheitspflicht abgeklärt.

Das Ergebnis: Studierende, die sich kaum je in einem Vorlesungssaal blicken lassen, können deswegen nicht mehr von Lehrveranstaltungen ausgeschlossen oder mit einem «nicht bestanden» bestraft werden. Die bestehenden Regelungen seien nicht rechtsverbindlich, heisst es in einem Schreiben. Bei Lehrveranstaltungen wie Seminaren oder Übungen, die auf eine aktive studentische Beteiligung angewiesen sind, werden die Verantwortlichen aufgefordert, «den Studierenden die Erwartungen bzw. Empfehlungen in Bezug auf die Präsenz in den Lektionen klar zu kommunizieren».

Studenten jubeln – Dozenten skeptisch

Julian Renninger, Co-Präsident des VSUZH, ist erfreut über das «faktische Ende» der Präsenzpflicht. So könne man das Studium flexibler gestalten: «Das verbessert die Vereinbarkeit von Studium und Arbeit», sagt der Co-Präsident des Verbands der Studierenden der Universität Zürich (VSUZH). Auch Studierende mit Kindern würden davon profitieren. Denn die neue Regelung gibt den Studenten die Freiheit, frei einzuteilen, wann sie lernen wollen. Nicht mehr die Uni gibt den Takt vor, sondern der Terminkalender des einzelnen Studenten.

Einigen Dozenten passt dies gemäss Renninger gar nicht. Obwohl das Schreiben der Fakultätsleitung bereits im letzten Frühling verschickt wurde, sei die neue Regelung auch noch nicht allen Dozierenden bekannt. Im Herbstsemester hätten sich bereits etwa 20 Studierende beim VSUZH gemeldet, weil für sie die Präsenzpflicht dennoch zum Problem wurde. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen.

«Mündige Erwachsene»

Ein Fall, bei dem jemand wegen mangelhafter Anwesenheit von einem Kurs ausgeschlossen worden sei, sei ihm bis jetzt nicht bekannt. «Vielleicht kommen jetzt in der Prüfungs- und Abgabezeit aber noch neue Beschwerden hinzu», sagt Renninger. Der VSUZH rät seinen Mitgliedern, den betreffenden Dozenten den Brief der Fakultätsleitung zu zeigen, wonach die Präsenzpflicht rechtlich nicht bindend ist.

Dass durch den Wegfall der Präsenzpflicht an der Universität Zürich der Schlendrian Einzug hält, glaubt Volkswirtschaftsstudent Renninger nicht. Dafür seien die heutigen Studiengänge zu anspruchsvoll: «Wer sein Studium nicht ernst nimmt und keine Zeit dafür investiert, fällt sowieso durch die Prüfungen.» Studierende seien mündige Erwachsene und könnten selber entscheiden, an welchen Veranstaltungen sie anwesend sein wollten.

«Kontrolle wird sowieso umgangen»

Für SP-Politiker Matthias Aebischer, Präsident der nationalrätlichen Bildungskommission, ist die Aufhebung der Präsenzpflicht an der grössten Fakultät der Universität Zürich keine Überraschung. Er selber habe in seiner Tätigkeit als Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg schon vor zehn Jahren, noch vor Einführung des Bologna-Systems, auf eine Präsenzliste verzichtet: «Eine solche Anwesenheitskontrolle wird sowieso umgangen.»

Es liege an den Dozenten, den Unterricht so interessant zu gestalten, dass die Vorlesungen besucht würden. Auch mit der Prüfungsgestaltung könne man für eine hohe Anwesenheitsquote sorgen: «Meine Prüfungen besteht keiner, der nie in die Vorlesung kommt.» Für Studierende, die neben der Ausbildung noch berufstätig sind, könne es aber Vorteile haben, wenn die Präsenzpflicht mit einer gewissen Flexibilität gehandhabt werde, glaubt Aebischer. Etwa wenn man kurzfristig beim Arbeitgeber einspringen müsse und deshalb eine Veranstaltung verpasse.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas P. am 03.01.2014 07:44 Report Diesen Beitrag melden

    Falsches Bild

    Und wieder kommen alle Neider herausgekrochen, die selbst nicht studieren und keine Ahnung haben. Ich studiere auch an der Uni ZH, und es ist für mich selbstverständlich, dass ich die Vorlesungen und Seminare besuche. 1. würde ich nicht durch die Prüfungen kommen und 2. macht das einen schlechten Eindruck auf den Dozenten, wenn man nicht da ist. Und nur so zum Vergleich: habe vor dem Studium eine Lehre gemacht und gearbeitet, heute habe ich mir der Uni doppelt so viel zu tun. Am Abend heisst es nicht vor dem TV chillen, sondern lernen. Guets Neus!

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  • lukas am 03.01.2014 10:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Guter Schritt

    Es ist absolut richtig, die Präsenzpflichz abzuschaffen. Vorlesungen, die schlecht gmacht sind, lernt man besser im Selbststudium - warum dann dem Dozenten die Illusion geben, seine Vorlesung sei gut, nur weil viele Studierende anwesend sind. aber die guten Vorlesungen besuche ich immer.

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  • Student am 03.01.2014 10:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Titel

    Der Titel des Beitrags ist einfach nur lächerlich. Studieren und Chillen im gleichen Satz... das kann ja nur Entrüstung hervorrufen. Stereotypen ahoi!

Die neusten Leser-Kommentare

  • lorelei am 04.01.2014 00:29 Report Diesen Beitrag melden

    an alle motzenden Büezer

    Meine Eltern sind "Büezer" (Mech' und Abwartin) und können mir darum nicht Studium und Leben finanzieren, bis ich mit 25 meinen Master habe. Daher arbeite ich neben dem Studium 40% und in den Semesterferien 100%. Müsste ich an der Uni ständig anwesend sein, wäre für mich ein fester Nebenjob nicht möglich und somit auch das Studium nicht. Auf die Prüfungen bereite ich mich abends und am Wochenende vor. Von 'chillen' kann also keine Rede sein und durch die Möglichkeit zu fehlen wird mir das Studium finanziell erst möglich.

  • Alumnus am 04.01.2014 00:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Randbemerkungen

    Zu bemerken wäre noch folgendes: 1. an der Uni/ETH gibt es keine Ferien, sondern lediglich unterrichtfreie Zeit. Die ist dann zum Lernen, Arbeiten schreiben und für Praktika gedacht. 2. Ein Studium gilt entgegen der Weiterbildung als Erstbildung. Daher wird es auch vom Staat mitfinanziert. 3. Dozenten und Professoren sind in erster Linie Forscher und nicht immer didaktisch auf der Höhe. Gewisse Vorlesungen werden so effektiv zur Tortur und bringen nichts

    • ich am 04.01.2014 11:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Punkt 1

      stimmt so nicht ganz. Zur Zeit ist es unterrichtsfreie Lernzeit, ja. In einer Woche habe ich aber Semesterprüfungen ubd danach noch 4 Wochen FERIEN. Werde in diesen vier Wochen aber arbeiten und Geld verdienen.

    • Jaasdfasdf am 05.01.2014 17:40 Report Diesen Beitrag melden

      Doch

      Ja vieleicht an der Uni, an der ETH habe ich noch 3 Tage vor Semesterbeginng Prüfungen. Und Anfangs Januar natürlich auch schon!

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  • Maria am 03.01.2014 22:40 Report Diesen Beitrag melden

    Yes!!!

    Endlich! Ich war schon in der Kanti oft abwesend, nicht weil ich nicht wollte (Matura war doch immerhin 5 im Schnitt), sondern weil ich ein anderer Lerntyp bin - ich lerne am besten für mich allein. Das war schon immer so und ich habe es verabscheut, dass man mich in der Schule und erst recht im Studium zur Anwesenheit gezwungen hat. Unser Lehrsystem ist viel zu einseitig ausgelegt. Ich bin zwar jetzt über 30 und habe längst fertig studiert, wollte aber immer noch etwas weiteres studieren, nur hat mich die Präsenzpflicht abgeschreckt. Jetzt kann ich mich wieder immatrikulieren

  • skywalker am 03.01.2014 22:11 Report Diesen Beitrag melden

    Sollte es in Bern auch geben!

    Die Qualität gewisser Vorlesungen ist eine Frechheit und ich würde lieber selbstständig lernen. Die schlechten Dozenten wissen das nur zu gut, denn es sind genau diese, welche für die Präsenz Punkte vergeben! Haben wohl Angst, dass ihnen niemand mehr zuhört.

  • FH Student am 03.01.2014 21:04 Report Diesen Beitrag melden

    Studium ist aufwändiger als arbeiten

    Was soll das gejammere? Ich bin auch an einer Fachhochschule, an der es keine Präsenzpflicht gibt. Da hier leider sehr viele Quereinsteiger (also nicht von den direkt vorangehenden Berufen) vorhanden sind, sind ca. 1/3 der Zeit reine Repetition und für solche die nach der Lehre gearbeitet haben "Zeitverschwendung". Es gibt aber Fächer, indenen man ohne eine >95% Anwesenheit keine Chance auf einen erfolgreichen Abschluss hat. Und ausserdem ist die Durchschnittliche Arbeitsmenge eines Studenten etwa 80h pro Woche. Ihr werft uns Flohnerleben vor, schaut zuerst einmal bei euch.