Tötungsdelikt in Villa

13. März 2017 12:05; Akt: 13.03.2017 23:08 Print

Täter rammte dem Opfer eine Kerze in den Rachen

Auf Drogen soll B. V. einen Freund mit massiver Gewalt getötet haben. Nun wird bekannt: Es soll noch ein Opfer geben – es geht um Vergewaltigung und Tötungsversuch.

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Es ist ein blutiges Massaker, das sich in der Nacht auf den 30. Dezember 2014 in der elterlichen Villa von B. V. an der Zürcher Goldküste abgespielt haben soll: Die Anklageschrift listet über 30 Verletzungen am Todesopfer auf – von Hautdurchtrennungen über diverse Brüche bis zu zig Unterblutungen.

In jener Nacht hatte V. mehrfach Kokain und Ketamin konsumiert. Der damals 29-Jährige geriet in einen psychotischen Zustand mit paranoiden Wahnvorstellungen. Irgendwann zwischen 5 und 7 Uhr kam es zwischen ihm und dem 23-jährigen A. F. im Wohnzimmer oder in der Küche zum Streit. Die Gründe für diesen sind nicht bekannt.

V. würgte das Opfer zu Tode

V., der dem Opfer durch seine Grösse und sein Gewicht körperlich überlegen war, tickte komplett aus: Er schlug F. mehrmals mit den Fäusten und allenfalls auch mit Glasscherben auf den Kopf. Es folgten mehrere wuchtige Schläge mit einem 1 Meter grossen und 6 Kilo schweren Kerzenständer, einer goldenen, 1,8 Kilo schweren Skulptur und einer antiken Deko-Figur. Dann rammte er dem noch lebenden Opfer eine Kerze in den Rachen und würgte F. zu Tode.

Laut Anklageschrift hatte V. schon vor diesem Massaker mehrfach Psychosen mit Wahnvorstellungen nach massivem Drogenkonsum. So soll er 2011 seinen Vater mit einem Gehstock attackiert haben. V. wurde daraufhin per fürsorgerischen Freiheitsentzug in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Sie wollte keinen Analverkehr

Das ist aber noch nicht alles: Wie jetzt bekannt wurde, soll es ein weiteres Opfer geben. Es handelt sich um eine Frau, die er im Juli 2014 auf Ibiza in Tötungsabsicht aus einem fahrenden Taxi zu zerren versucht haben soll. In jener Nacht hatte V. gemäss Anklageschrift ebenfalls viele Drogen intus und unter anderem Geister gesehen.

Rund drei Monate später kam es gemäss Anklageschrift zu einem weiteren Vorfall in einem Hotelzimmer in London: Nachdem dieselbe Frau den Analverkehr verweigert hatte, soll V. ihr ein Badetuch auf das Gesicht gedrückt haben, bis sie fast keine Luft mehr bekam. Danach soll er sie vergewaltigt haben.

Tat voraussehbar?!

Die Staatsanwaltschaft IV will V., obwohl er aufgrund seines Zustandes beim Tötungsdelikt eigentlich schuldunfähig ist, wegen fahrlässiger zu acht oder aber wegen eventualvorsätzlicher Tötung zu 13 Jahren zu verurteilen. Sie schreibt dazu: Bei V. sei aufgrund der wiederholten psychotischen Zustände wegen Drogenkonsums voraussehbar gewesen, dass er in solchen Zuständen auch Handlungen vornehmen könnte, mit denen er andere Personen ernstlich an Leib und Leben gefährden, verletzen oder gar töten würde. Dies habe er alles pflichtwidrig nicht bedacht.

Genau diesen Punkt sieht die Verteidigung anders: «Der Beschuldigte konnte zum Zeitpunkt der Einnahme der Drogen die Tat nicht voraussehen», sagt Rechtsanwalt Andreas Meili, der von der Familie des mutmasslichen Täters speziell als Medienbetreuer engagiert ist. Man sei sich aber im Hauptvorwurf der Tötung mit der Staatsanwaltschaft einig, dass die Tat im Drogenrausch «und im Zustand der vollen Unzurechnungsfähigkeit» begangen wurde.

Die Vorwürfe betreffend Vergewaltigung/sexuelle Nötigung sowie den Tötungsversuch des zweiten Opfers bestreitet die Verteidigung komplett. Die Verkehrsdelikte, die ebenfalls noch eingeklagt sind, würden von seinem Mandanten grundsätzlich anerkannt, so Meili.

Prozess dauert eine ganze Woche

Der Prozess gegen V. am Bezirksgericht Meilen beginnt am 27. März und wird eine ganze Woche dauern. Der Sachverhalt ist komplex – es vergingen fast eineinhalb Jahre, bis die Staatsanwaltschaft Anklage erheben konnte. Im Vorfeld gab es bereits rund 20 Verfahrensentscheide und zudem eine Vorverhandlung, um organisatorische Fragen zu klären.

Das Programm ist allemal happig: Allein für die Befragung der Gutachter – es gibt zwei staatsanwaltschaftliche Gutachten – ist ein ganzer Tag reserviert. Zudem wird V. gleich von zwei Verteidigern vertreten plus dem Anwalt für die Medien. Hinzu kommen drei Rechtsvertreter – einer vom Opfer des Sexualdelikts und zwei für die vier Privatkläger – sowie mindestens zwei Vertreter der Staatsanwaltschaft. Mit anderen Worten: Für die Plädoyers benötigt man zwei weitere Tage.

Das Gericht hat überdies strenge Regeln erlassen für die Medien: Bei der Berichterstattung sind jegliche Rückschlüsse auf das Opfer des Sexualdelikts untersagt wie etwa Nennung des Alters oder auch der Initialen. Die Familie des mutmasslichen Täters hatte dies auch für V. beantragt – das Gericht winkte jedoch ab.

Viel Publikum erwartet

Der Prozess bedeutet für das Bezirksgericht Meilen ohnehin eine Art Ausnahmezustand. «Der Aufwand ist ungewöhnlich hoch und bringt uns bezüglich Infrastruktur an die Grenze», sagt Gerichtspräsident Jürg Meier. «Aus diesem Grund finden während der ganzen Woche keine weiteren Verhandlungen statt.»

Im Saal, in dem die Verhandlung stattfindet, sind nur die Verfahrensbeteiligten und die Medien zugelassen. Die Verhandlung wird per Video in drei weitere Säle übertragen. In einem davon sitzen Dolmetscher, die für die Familie des Todesopfers ins Englische übersetzen. «Wir erwarten täglich 30 bis 40 Besucher – darunter viele Angehörige und Freunde der Opfer», so Meier. Wobei es eine Einschränkung gibt: Von der Verhandlung zum Sexualdelikt ist das Publikum ausgeschlossen. Der Zutritt wird durch die Polizei geregelt.

Für den mutmasslichen Täter gilt die Unschuldsvermutung.

*Namen der Redaktion bekannt

(rom)